Strafminuten für Schüsse in die Zuschauer - Eine neue Regel sorgt für Ärger

Eishockey in Namibia startbereitEishockey in Namibia startbereit
Lesedauer: ca. 2 Minuten

Man stelle sich folgendes Szenario im Fußball vor: Seit dem 20. November bekommt jeder Spieler, der den Ball in die Zuschauer drischt, plötzlich die gelbe Karte. Spieler, Trainer und Zuschauer wissen nichts von einer eventuellen Regeländerung und sind völlig verunsichert. Größte Aufregung in den Stadien, im Fernsehen und im Blätterwald.

Unmöglich? Im Fußball sicherlich, aber im Eishockey ist genau dieses passiert:



Verwunderung herrschte in den DEL-Stadien am vergangenen Dienstag, als die Schiedsrichter plötzlich jedem Spieler, der den Puck über die Bande schlug, zwei Strafminuten verpassten. Was war geschehen? Gibt es eine neue Regel?

Iserlohns Trainer Mason nach dem Spiel in Ingolstadt am 16.11.: „Ein Ingolstädter Spieler schießt zufällig über unsere Spielerbank und bekommt zwei Minuten. Ich finde das nicht o.k.“ Panther-Coach Kennedy hieb in die gleiche Kerbe: „Bei dieser neuen Regel bin ich der gleichen Meinung. Leider wurde mal wieder kein Kontakt mit den Trainern aufgenommen. Ich glaube, dass jeder Trainer gegen diese Regel ist und sagt, dass dies ein Blödsinn ist.“



Was ist das nun für eine ominöse neue Regel? Großes Rätselraten überall, nachdem es die DEL anscheinend nicht für nötig hält, die Öffentlichkeit zu informieren. Weder auf der Homepage der höchsten deutschen Liga noch in der Eishockeyfachzeitschrift ist auch nur eine Zeile darüber zu lesen. Erst wenn man sich durch das Regelwerk der Internationalen Eishockey Föderation (IIHF) mit seinen gut 600 Vorschriften kämpft, wird man fündig. Dort steht unter der Nummer 554c geschrieben: „Ein Spieler, der absichtlich den Puck aus dem Spielfeld schießt .....oder wirft ....oder absichtlich hinausschlägt, erhält eine kleine Strafe.“

So weit, so gut. Aber diese Regel gibt es doch schon immer, wird sich manch kundiger Eishockeyfreund denken. Neu ist die offizielle Auslegung, die ab 15.11. verbindlich bei allen Spielen im DEB, der ESBG und der DEL gilt: „Absicht wird immer unterstellt, wenn ein Spieler/Torwart den Puck direkt aus dem Spielfeld schießt,.....wirft....oder schlägt, ohne dass der Puck Kontakt mit einem Teil der Bande/Plexiglasumrandung hat. Ausgenommen sind nur Schüsse in die Schutznetze hinter dem Tor. Der sich verfehlende Spieler erhält eine kleine Strafe (2 Minuten)“.



Diese von Schiedsrichterobmann Schnieder herausgegebene Regelinterpretation ist also der Stein des Anstoßes. Auslöser dürfte die erfolgreiche Schadensersatzklage einer Hamburger Zuschauerin gewesen sein, die in der Colorline-Arena vom Puck getroffen worden war. (Siehe Hockeyweb-Artikel „Eishockey im Käfig“) Während in den unteren Ligen die Stadien als Konsequenz aus dieser juristischen Auseinandersetzung rund herum vernetzt worden sind, hat sich die DEL immer dagegen gewehrt. Nachdem allerdings vor kurzem in Ingolstadt ein kleines Kind vom Puck schwer getroffen worden ist, herrschte akuter Handlungsbedarf. Netze auf den Längsseiten wollte man wohl den Zuschauern der DEL und auch dem Fernsehen – gerade erst wurde ein neuer Vertrag mit Premiere geschlossen – nicht zumuten. So entstand dieser (faule?) Kompromiss in der Hoffnung, dass sich die Spieler angesichts einer drohenden Strafe mit Schüssen in die Zuschauer zurückhalten werden. Und den Verantwortlichen bleibt nur die Hoffnung, dass ein gütiges Schicksal weitere Unglücksfälle durch verirrte Pucks verhindern möge. (an)

Jetzt die Hockeyweb-App laden!