Scorpions: Glücklicher Sieg gegen Kassel

Scorpions erlegen tapfer kämpfende WölfeScorpions erlegen tapfer kämpfende Wölfe
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Da sind sie also, die „neuen“ Scorpions. Hatte man diese bereits letzte Saison vollmundig versprochen und im Zuge der Neustrukturierung beinahe sämtliche alten Zöpfe, die auch nur entfernt an die Haselbacher-Ära erinnerten, rigoros abgeschnitten, erwies sich diese Strategie vorhersehbar als absoluter Rohrkrepierer. Erst als man sich verdientermaßen im Tabellenkeller festsetzte, besann man sich auf bewährte Kräfte und holte mit Kevin Gaudet den Trainer zurück, der die damaligen Wedemärker in einem in Eishockeydeutschland einmaligen Durchmarsch von der Regionalliga bis in die DEL geführt hatte. Dort erreichte er bereits im zweiten Jahr die Playoffs mit den Scorpions. Nach seiner Entlassung wurde der Trainerstuhl bei den Scorpions zum Schleudersitz, dem viele Trainer zum Opfer fielen.

Erst nach Gaudets Rückkehr, der bis dahin mit Abstand besten Personalentscheidung der neuen Scorpions-Verantwortlichen, und seiner intensiven Arbeit mit den Spielern wurden die Scorpions wieder zu dem, was sie einmal waren, ein sturmgefährlicher Favoritenschreck. Dank einer überragenden Rückrunde (drittbestes Team der Rückrundentabelle) und Krefelder Schützenhilfe konnten die Scorpions die Playdowns noch vermeiden.

Bei der Zusammenstellung des diesjährigen Kaders vertraute man ganz auf sein Urteil und besorgte ihm seine Wunschspieler. Von den Namen ist der Scorpions-Kader 2005/2006 sicher einer der besten, aber viele gute Spieler sind bekanntlich nicht zwangsläufig auch ein gutes Team. Diese Ansammlung großer Namen zu einer gut eingespielten Einheit zu formen, war und ist Gaudets große Aufgabe. Dass er genau dafür ein gutes Händchen hat, hat er in der Vergangenheit sowohl bei den Scorpions als auch in Straubing mehrfach bewiesen.

Die Vorbereitungsspiele der Scorpions hatten kaum Aussagekraft über die Stärke des Teams, da man bis auf Duisburg (2:4) und Frankfurt (2:2), sowie bei den Eisbären in Berlin (5:7), keine gleichwertigen Gegner hatte. Die Freezers verfügten zum Zeitpunkt des Testspiels (4:1) noch nicht über eine erste Sturmreihe.

Als dann auch noch die Generalprobe, das Pokalspiel beim Kooperationspartner REV Bremerhaven, glorreich mit 0:1 vergeigt wurde, wusste man gar nicht mehr, was einen bei der „Wundertüte“ Scorpions erwartet.

Entsprechend gespannt war man auf das Startwochenende mit dem Auftaktspiel bei den Freezers und dem Derby gegen die Kassel Huskies. Der auch in dieser Höhe verdiente 7:3 Sieg beim Nord-Rivalen und die damit verbundene Tabellenführung ließ aufhorchen, spielten die Scorpions die Hamburger doch zeitweise schwindlig. Beim Heimspielauftakt schienen die Verantwortlichen der TUI-Arena auch neben dem Eis nach mehreren Jahren Anlaufzeit endlich ihre Hausaufgaben gemacht zu haben, gab es in den Umgängen nun jede Menge Unterhaltung für die ganze Familie, um die Zeit vor Spielbeginn und die Drittelpausen so kurzweilig wie möglich zu gestalten. Unter anderem stellte sich auch Laatzen an Info-Ständen in der Arena vor. Das war natürlich Wasser in den Mühlen der Eishockeyfans in Hannover, die dem DEL-Team schon den Beinamen „Laatzen Scorpions“ gegeben haben. Auch das Catering ist in dieser Saison wesentlich abwechslungsreicher und preiswerter gestaltet als in der Vergangenheit.

Desweiteren gibt es wieder mal Cheerleader und einen Fanfarenzug (!) über dem Fanblock zur Unterstützung der Trommler. Letzteres ist zwar Geschmackssache, bekämpft aber zumindest das in den letzten Jahren übliche Problem der Geisterstimmung in der Arena, auch wenn der Fanfarenzug es zu gut meinte, und auch während des laufenden Spiels musizierte, so dass er von Stadionsprecher Eric Haselbacher darauf hingewiesen werden musste, dass dies laut Regelwerk nicht gestattet ist. Das Drumherum stimmte also, aber wie sah es auf dem Eis aus? Zunächst gar nicht so schlecht, schienen die Scorpions doch da weiterzumachen, wo sie in Hamburg aufgehört haben. Sie hatten von Anfang an das Heft in der Hand und spielten die Schlittenhunde in ihrem Drittel fest, konnten diese Überlegenheit aber nicht in Tore ummünzen.

Erst in der 10. Minute konnte Shawn Heins Kassels Goalie Gage überwinden. Nach dem 1:0 legten die Scorpions aber nicht nach, sondern wollten zaubern und den Puck wohl ins Tor tragen. Ganz schlimm wurde es im zweiten Drittel, als sie ohne Not ein paar Gänge zurückschalteten und die Huskies ins Spiel kommen ließen. Folgerichtig gelang ihnen dann auch der Ausgleich durch Clarke Dale (27.) und keine zwei Minuten später im Powerplay sogar die Führung durch Drew Bannister (29.).

Dann brachte sich Kassel durch unnötige Strafzeiten selber in Bedrängnis, als innerhalb von weniger als zwei Minuten gleich drei Huskies auf die Strafbank mussten, was Coach Bernie Engelbrecht auch umgehend dazu veranlasste, eine Auszeit zu nehmen (34.), um seinen Jungs eine Verschnaufpause zu gönnen und sie zu mehr Disziplin anzuhalten. Doch dies war unnötig, zeigten sich doch die Scorpions mal wieder zu unfähig, ihre Überzahl zum Torerfolg zu nutzen. Diese Tatsache brachte Kevin Gaudet wiederum dazu, seinerseits eine Auszeit zu nehmen, um seine Jungs „aufzuwecken“.

Doch das brachte auch nichts, im Gegenteil. Frisch von der Strafbank kommend, schnappte sich Kassels Tobias Wöhrle den Puck und fuhr mutterseelenallein auf Trevor Kidd zu. Die Scorpions konnten sich bei ihrem Goalie bedanken, sich nicht vollends blamiert zu haben. Auch in der 45. Minute musste er einen Alleingang von Manuel Klinge parieren.

Kurz darauf waren die Scorpions in Unterzahl und kamen ihrerseits zu einem Konter, den sie im Gegensatz zu den gescheiterten Kasseler Versuchen mit viel Glück zum 2:2 durch Mike Green nutzten.

In der 52. Minute gab es dann tatsächlich ein Powerplaytor der Scorpions durch Patrick Köppchen. Die Huskies, die kämpferisch eine tolle Leistung boten, gaben aber nicht auf und nahmen kurz vor Schluss den Torhüter zugunsten eines sechsten Feldspielers vom Eis und brachten die Scorpions damit in Bedrängnis, jedoch wollte ihnen der Ausgleich nicht mehr gelingen, obwohl sie nahe dran waren und er aufgrund des blamablen zweiten Drittels des Heimteams gar nicht mal unverdient gewesen wäre. So konnten sich die Scorpions und die 5260 Event-Zuschauer über einen optimalen Saisonstart mit einem Sechs-Punkte-Wochenende freuen.

Bei der anschließenden Pressekonferenz war Bernie Engelbrecht trotz der Niederlage gar nicht so unzufrieden mit seinen Schützlingen: „Wir haben uns hier teuer verkauft und diszipliniert gespielt. Nur im letzten Drittel beim 2:2 nicht und vor dem 3:2 haben wir eine unnötige Strafzeit genommen, sind aber am Ende wieder zurück gekommen. Für unsere Verhältnisse haben wir aber ganz ordentlich gespielt. Darauf kann man aufbauen.“

Scorpions-Trainer Kevin Gaudet war nicht ganz so zufrieden mit seinem Team: „Kassel hat aus einer kompakten Defensive gespielt und um jeden Puck gekämpft.. Im zweiten Drittel dachten meine Jungs wohl, das Spiel sei schon vorbei…..Das ist eine Kopfsache. Nach dem 7:3 in Hamburg dachten sie, Kassel wird ein Selbstläufer. Ich muss ihnen noch mal sagen, dass ein Spiel 60 Minuten dauert und nicht nur 10 oder 20! Immerhin haben wir nicht aufgegeben und einen Weg gefunden, das Spiel zu gewinnen“, diktierte er den Pressevertretern in die Notizbücher.

Aber auch wenn sich vieles verbessert hat, es ist noch lange nicht alles Gold, was in der TUI-Arena glänzt. Arena- und Scorpions-Besitzer Günter Papenburg zeigte, wie gut er sein leitendes Personal kennt, als er, sehr zur Belustigung der Zuschauer, im Premiere-Interview vom aktuellen Scorpions-Coach Kevin KEEGAN sprach. Zugegeben, bei der Geschwindigkeit, mit der sich das Trainerkarussell in den letzten Jahren bei den Scorpions drehte, kann man da schon durcheinander kommen, aber Mr. Keegan ist doch eindeutig dem Fußball zuzuordnen. Ob die Tabellenführung wieder mal eine Eintagsfliege ist, wird sich schon am nächsten Wochenende zeigen, wenn die Scorpions bei den Mannheimer Adlern in der neuen SAP-Arena antreten müssen und sie am Sonntag in der TUI-Arena auf Angstgegner Krefeld treffen.

(S. Palaser)

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