Sascha Goc: Aus der Katastrophe lernen

Lesedauer: ca. 3 Minuten

"Man kann es nicht anders sagen, dieses Jahr war eine Katastrophe."

Sascha Goc ist einer jener erfreulichen Menschen, die offen auf andere zugehen

und die Dinge beim Namen nennen. Lange unterhielt er sich mit

"Hockeyweb" am Rande der Vizemeisterschaftsfeier seiner Mannheimer

Adler.


"Seit zehn Jahren bin ich Profi", so Goc, "aber sowas habe ich

noch nie erlebt.  Bislang war es immer bergauf gegangen mit mir, jetzt

folgte der

rasante Abstieg". Und zwar in einer Art und Weise, dass ihm schwindelig

wurde und er an sich selber zweifelte. Goc, normalerweise einer, der seinen Mann

steht, wirkte auf einmal geduckt, haderte mit allem und war einfach nicht mehr

er selber. Die Gründe, wie sich inzwischen herausgestellt hat, lagen tief.


Es begann mit einem guten Deutschlandcup, aber sobald Goc zurück war in

Mannheim, begannen die Probleme. An Trainer Helmut de Raaf habe sein Tief

sicherlich nicht gelegen, betont Goc, "ich habe noch nie mit einem Trainer

Probleme gehabt". Sogar mit Bill Stewart kam er aus, auf höchst

professionelle Art, als der Großteil der Mannschaft den Kanadier zu hassen

begann.


Goc: "Ich habe auf einmal nicht mehr so gespielt, wie ich das von mir selbst

erwartet habe." Und, noch viel schlimmer: "Es ging mir überhaupt

nicht gut, ich war so abgeschlafft, ich bin schon morgens aufgestanden und war

fix und fertig." Dann bekam er Ausschlag, "richtig schlimm und

praktisch

überall". Bei einer Kernspintomographie stellte sich heraus, dass er

praktisch überall geschwollene Lymphknoten hatte, in der Leiste, am Bauch, im

Nacken, am Hals, "alles war entzündet".


Angst schlich sich ein, schließlich hört und liest man täglich von

unheilbaren Krankheiten, die so beginnen. Ein Arzt stellte fest, dass mit dem

Immunsystem etwas nicht stimmte. "Das war ein totaler Schock", sagt

Goc. Die Angst schlich sich ein, wurde ständiger Wegbegleiter. Goc hatte ein

kleines  Kind, über das er überglücklich war. Aber es brachte natürlich

auch eine ganz andere Verantwortung mit sich. Und genau in dieser so wichtigen

Lebensumstellung, ging es auf einmal um die Existenz. Um die finanzielle, aber

auch um die gesundheitliche. Die Geschichte ging gut aus, die Ärzte stellten

fest, dass Goc als 16-Jähriger eine Hirnhautentzündung hatte und nun immer

wieder Entzündungen aufbrachen. Der Spieler hatte schon immer gemerkt, dass er

im Winter krankheitsanfälliger war als im Sommer, aber wer denkt da schon

gleich an etwas Ernstes. "Gott sei Dank", sagt Goc heute, habe es

Medikamente gegeben, die das alles in den Griff bekommen hätten. "Nach

drei Wochen ging es mir wirklich gut",

freut er sich.


Der Schock saß dennoch in den Gliedern. Bislang, erzählt er, habe immer

Eishockey an vorderster Stelle bei seinen Überlegungen gestanden. Auf einmal

merke man dann aber, wie viel Wichtigeres es gäbe im Leben. Trotzdem blieb ein

Schuldgefühl. Er dachte an sein Team, hatte das Gefühl, es im Stich zu lassen,

litt jämmerlich, wenn er hinter der Plexiglasscheibe stand und zusehen musste,

wie die anderen verloren, "ich hätte doch so gerne geholfen", sagt

er.


Ja, gibt er zu, er habe sich verändert in diesem Jahr, er sei nachdenklicher

geworden. Aber er hat auch einen unbändigen Willen entwickelt. Den ganzen

Sommer über will er so stark trainieren, dass er wie ausgewechselt auf der

Matte stehen möchte in der neuen Saison. Er könne Eishockey spielen, sagt er,

und das wolle er beweisen. Wolle damit auch etwas zurückgeben. Denn man habe

ihn so fair behandelt in dieser Saison. Von der Organisation her, aber auch von

den Mitspielern aus. "Ich muss diese Saison jetzt abhaken", so Goc

weiter, "und meine Existenzängste hinten anstellen. Ich blicke jetzt nach

vorne und ich bin sicher, ich kann den Adlern noch sehr gute Dienste

leisten". 

(Angelika von Bülow - Foto: City-Press)

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