Saisonvorschau Sinupret Ice Tigers 2008/09

Lesedauer: ca. 6 Minuten

Trotz einer grandiosen Vorrunde überwog nach der Spielzeit 2007/08 vor allem Tristesse und Ungewissheit. Das jähe Aus im Viertelfinale gegen die DEG Metro Stars war für den Vorrunden-Ersten aus Nürnberg nur der sportliche Ausdruck für die vielen Konfliktherde rund um die Ice Tigers.

Trotz vieler Dementis hatte Trainer Benoit Laporte längst seinen Vertrag gekündigt, und überhaupt stand die Zukunft der Ice Tigers lange in der Schwebe. Alleingesellschafter Günther Hertel hatte es verpasst rechtzeitig für Ruhe und klare Verhältnisse zu sorgen.

Erst im April nach dem Ausscheiden bekannte sich Hertel zum Standort Nürnberg und sicherte weitere Investitionen zu. Trotzdem rumorte es rund um die Geschäftsstelle auch im Sommer immer weiter. Pressesprecher, Gerschäftsführer, Sponsorensuche, Kooperationsvertrag: Fast kein Thema, das die Ice Tigers bisher annähernd zufriedenstellend lösen konnten. Dabei wären ob der anstehenden Aufgaben "interne Ruhe" und "an einem Strang ziehen" die wichtigsten Vorraussetzungen, um wieder in gemäßigtere Fahrwasser zu kommen und das Fanlager wieder geschlossen hinter sich zu wissen.

Vor allem die anstehende Championsleague-Qualifikation wird schon ein erster, früher Maßstab für die neuen Ice Tigers. Ein Erfolg und die damit verbundene Teilnahme an der CHL könnte trotz der vielen Misstöne wieder so etwas wie Eishockey-Euphorie in Nürnberg auslösen.

Die Qualität der Mannschaft um das neue Trainer-Duo Brockmann/Jiranek ist durchaus vorhanden, aber es wird auch in dieser Saison wieder viel vom "Drumherum" abhängen.

Die Torhüter: Cassivi solls richten

Als im Vorjahr Dimitrij Kotschnew als Nachfolger von Playoff-Held JF Labbé vorgestellt wurde, gab es nicht wenige Kritiker, die darin eine entscheidende Schwächung sahen. Kotschnew hielt jedoch sehr solide und nicht zuletzt ihm war der Vorrundenerfolg zu verdanken. Dass ein Torhüter selten alleine eine Playoff-Serie gewinnen kann, durfte nicht überraschen. An Kotschnew war das frühe Aus nicht festzumachen.

Als Nachfolger für den nach Russland abgewanderten Nationalkeeper engagierten die Ice Tigers schon früh im Sommer Frederic Cassivi, nachdem zuvor über eine deutsche Doppellösung nachgedacht wurde. Trainer Andreas Brockmann wollte jedoch mit einer klaren und erfahrenen Nummer eins starten und so landete Cassivi - auch auf Zuraten von Jame Pollock - bei den Ice Tigers.

Allein die Meriten des 1.95 m Keepers ließen viele aufhorchen. Neben 13 NHL Spielen stand Cassivi vor allem in der AHL seinen Mann und gehörte dort seit Jahren zu den stärksten seines Faches. Diese Vorschusslorbeeren rechtfertigte der Hüne bereits in den Vorbereitungsspielen. Ob er aber zu einem "money goalie" wird und in den wichtigen Spielen seine beste Leistung abrufen kann, wird erst die nahe Zukunft zeigen.

Als zweiter Mann steht nach wie vor Patrick Ehelechner im Kader der Ice Tigers. Schon im Vorjahr hat der von den Pittsburgh Penguins gedraftete Keeper bewiesen, dass er auch über einen längeren Zeitraum problemlos eingesetzt werden kann.


Die Verteidigung: Nasreddine als Laflamme-Ersatz

So gut und stabil die Ice Tigers Defensive in der Vorrunde agierte, so pomadig und konfus waren die Playoff-Auftritte. Der vielgelobte Brown gehörte zu den Schwachpunkten und stand nach der Serie gegen Düsseldorf im Mittelpunkt der Kritik. Ebenso wie Rich Brennan, der sich trotz weiterlaufenden Vertrag einen neuen Arbeitgeber suchen musste. Einzig schmerzlicher Verlust war die Entscheidung von Kapitän Christian Laflamme, seine Profi-Karriere zu beenden und nach Kanada zurückzukehren.

Als Ersatz für ihn fiel die Wahl der Ice Tigers auf Alain Nasreddine, der von Laflamme als Führungsspieler empfohlen wurde und nicht zuletzt deshalb zu den Ice Tigers wechselte. Allerdings wird der 33-jährige noch ein Weilchen brauchen, um sich bei seiner ersten Europa-Saison vollends auf die größeren Eisflächen einzustellen.

Ebenfalls neu im Team sind der ehemalige Eisbär Cole Jarrett, der ebenso wie Michel Periard als Allrounder eingeplant ist. Vor allem das Überzahlspiel effektiver machen, soll Martin Ancicka, der von den Mannheimer Adlern nach Nürnberg kam. Der bald 34-jährige Nationalverteidiger hat seine Offensivqualitäten bereits in der Vorbereitung angedeutet und die teaminterne Scorerwertung mit vier Treffern angeführt.

Glücklich war Sportdirektor Otto Sykora aber vor allem über die Zusage von Shane Peacock. Nach der schweren Verletzung im Vorjahr gab der "Chief" erst spät seine Zusage und wurde schon zu Beginn der Vorbereitung zum neuen Kapitän bestimmt. Der "Chief" geht in seine zwölfte DEL-Spielzeit und hat schon über 660 Spiele auf dem Buckel.

Die Verteidung komplettieren die beiden Deutschen David Cespiva and Florian Ondruschka.


Der Sturm: Bewährt und eingespielt

In fast allen Saisonvorschauen wird der Abgang von Ahren Spylo als unkompensierbar erwähnt. Keine Frage Spylos 43 Saisontore waren neben seinem herausragenden Handgelenkschuss ein Highlight der vergangenen Spielzeit. Allerdings darf man nicht vergessen, dass "mannschaftsdienliche Spielweise" nicht zu den großen Stärken des Deutsch-Kanadiers zählte. Spylos Tore sind nicht gleichwertig zu ersetzen, aber dennoch hat der Ice Tigers Angriff ausreichend Fire-Power, um auch in der neuen Spielzeit die notwendigen Tore zu erzielen.

Dabei bleibt jedoch eigentlich fast alles beim Alten. Lediglich Brad Leeb, der nun erstmals zusammen mit seinem Bruder Greg auf Torejagd geht, stieß als neuer Ausländer zu den Ice Tigers. Er soll neben seinem Bruder und Scott King auf der Spylo-Postion spielen. Dass viele Übersee-Importe erst im zweiten Europa-Jahr richtig aufblühen, könnte für den Ex-Ingolstädter sprechen.

Auf den deutschen Positionen ersetzen Roland Mayr (Augsburg) und Robert Francz (zuletzt verletzt) den nach Kassel abgewanderten Colin Beardsmore und Uli Maurer (Augsburg).

Vor allem in den zwei Topreihen um die Center Greg Leeb und Swanson ist viel Talent, aber ob auch die physische Durchsetzungsfähigkeit ausreicht, muss der Saisonverlauf zeigen. In den hinteren Reihen ist mit Polaczek, Francz, Carter reichlich Größe und Härte vorhanden, aber auch Barta, Keller und Grygiel können jederzeit ein Spiel entscheiden.

Viel wird davon abhängen, ob es das Trainer-Duo schafft erfolgreiche und effektive "special-teams" zu installieren.


Die Trainer: Unerfahren, aber hungrig

Überhaupt zum ersten Mal starten die Sinupret Ice Tigers mit einem bayerischen Cheftrainer in eine DEL-Saison. Dass Andreas Brockmann - als Spieler fünfmal Deutscher Meister - die Chance bei den Ice Tigers erhält, sich zu beweisen, macht durchaus Sinn. Bei all seinen Stationen - Berlin Capitals (Oberliga), SC Riessersee (Oberliga) und EV Landshut (2. Bundesliga) - war der 41-jährige erfolgreich. Nach seinen eher impulsiven Vorgängern Laporte und Poss könnte gerade die Besonnenheit des Tölzers von Vorteil sein und seine mangelnde DEL-Erfahrung ausgleichen. Ice Tigers Legende Martin Jiranek als Co-Trainer zu engagieren, war ein kluger Schachzug der sportlichen Leitung. Nürnbergs Rekordspieler ist im Umfeld über jeden Zweifel erhaben und gilt ebenfalls als sehr besonnener und diplomatischer Zeitgenosse.


Fazit: Playoffs und dann weiterschauen

Das Saisonziel der Ice Tigers hat Andreas Brockmann schon früh klar gesteckt: "Wir wollen in die Top-Six und dann in den Playoffs so weit wie möglich kommen." Diese Vorgabe ist keineswegs unrealistisch, wobei viel vom Saisonstart und dem Abschneiden im Qualifikations-Turnier abhängen wird. Die Stimmung innerhalb der Mannschaft wird sowohl von Spielern und Trainern immer wieder als herausragend bezeichnet. Sollte jedoch der Saisonstart in die Hose gehen, wird schon früh der Druck auf den Trainer-Neuling steigen. Die Vorbereitung verlief gut, keine Verletzungen, keine Niederlagen. Dennoch müssen die Ice Tigers aufgrund der CHL schon früh in Topform sein. Und natürlich im März 2009 erneut.


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