Krueger: "Bundestrainer? Es wäre eine Ehre"

Lesedauer: ca. 8 Minuten

SPOX: Herr Krueger, das Thema Kopfverletzungen ist in der NHL allgegenwärtig. Erst der zumindest fragwürdige Hit von Zdeno Chara gegen Max Pacioretty - und jetzt wurde Wiederholungstäter Matt Cooke mit einer langen Strafe belegt. Wie sehen Sie die Situation?

Ralph Krueger: In dieser Saison gibt es in der Tat ungeheuer viele Kopfverletzungen und Gehirnerschütterungen, deshalb reagiert man auch sehr extrem darauf. Was Chara angeht: Er ist kein Spieler, der so etwas absichtlich macht. Solche Checks sieht man jeden Abend mehrfach - wenn dort nicht die Plexiglaskante gekommen wäre, wäre auch nichts passiert. Das waren sehr unglückliche Umstände, eine Sperre hätte ich nicht für gerechtfertigt gehalten. Aber dass die Zahl der Verletzungen immens hoch ist, bleibt ein Fakt. Bei den Penguins sind bis vor kurzem vier Spieler gleichzeitig mit Gehirnerschütterungen ausgefallen.

SPOX: Haben Sie eine Erklärung für die Häufung?

Krueger: Ich sehe bis auf wenige Ausnahmen nicht, dass sich Spieler absichtlich gegenseitig verletzen wollen. Es geht viel mehr darum, dass in der NHL viele Spieler jeden Tag unglaublich hart um ihren Platz kämpfen. Es sind pro Team nur zehn bis zwölf Mann, die ihren Platz sicher haben und immer wissen, dass sie dabei sind. Die anderen Jungs müssen jeden Tag fighten. Und das sind genau die Kämpfertypen, die nur in der NHL bleiben, wenn sie physisch spielen. Tun sie das nicht, gehen sie sofort in die Minor Leagues. Die physische Komponente ist in der NHL noch sehr stark ausgeprägt. Dazu kommt, dass das Fitness-Niveau der Spieler enorm hoch ist. Ein Teil des Problems ist auch die Geschwindigkeit.

SPOX: Heißt das auch, dass die neuen Regeln in gewisser Weise zum Problem geworden sind?

Krueger: Genau so ist es. Die neuen Regeln sind nicht nur gut. Man hat mehr Geschwindigkeit zugelassen - mit der Folge, dass man die Spieler gar nicht mehr richtig aufhalten kann. Verteidiger in der NHL zu spielen, ist nicht einfach. Ein Christian Ehrhoff oder Dennis Seidenberg werden das bestätigen. Die Stürmer kommen mit so einem gewaltigen Speed auf die Verteidiger zu. Früher konnte man die Forechecker noch besser aufhalten, das geht heutzutage nicht mehr. In dieser Hinsicht sollte man die Regeln vielleicht noch einmal überdenken.

SPOX: Mit Rookie Taylor Hall trainieren Sie in Edmonton selbst einen der aufregendsten Jungstars der Liga, leider hat er sich vor einiger Zeit unglücklich verletzt und fällt bis Saisonende aus. Nur die wirklich eingefleischten NHL-Fans kennen Hall in Deutschland schon sehr gut. Wie würden Sie ihn beschreiben?

Krueger: Taylor Hall ist ein Spielertyp, wie es Mark Messier früher war. Er ist ein absoluter Powerflügel. Wenn er sich auf dem Eis eine Bahn gesucht hat und unterwegs ist, ist er nicht mehr zu stoppen. Er ist sehr geradlinig und geht ohne Furcht und mit viel Dynamik in jede Situation hinein. Er ist so eine Art Mischung aus Sidney Crosby und Alexander Owetschkin. Es ist wahnsinnig schade, dass er so früh ausgefallen ist. Er war schon mit 19 Jahren jeden Abend eine Attraktion, er hat in jedem Spiel Akzente gesetzt und war ein Führungsspieler bei uns. Die Fans hätten auch bei der WM in der Slowakei ihre Freude an ihm gehabt, er war für das kanadische Team vorgesehen.

SPOX: Die Oilers sind gespickt mit Nachwuchsstars. Es gibt ja nicht nur Hall, sondern zum Beispiel auch einen Jordan Eberle. Um wirklich in den Playoffkampf eingreifen zu können, ist man aber noch zu grün. Wie bewerten Sie die Saison in Edmonton?

Krueger: Es ist natürlich keine einfache Saison, weil wir viele Führungsspieler im Tausch gegen höhere Draftpicks weggetradet haben. Dennoch spielen wir gut mit. Es gibt eigentlich kaum Spiele, in denen wir nicht konkurrenzfähig sind und keine Chance haben. In Detroit haben wir letztens bis kurz vor Schluss 1:0 geführt, obwohl sechs Spieler verletzt gefehlt haben. Am Ende fehlt uns einfach noch die Erfahrung. Das Gute ist, dass Edmonton eine Stadt ist, die viel Geduld aufbringt. Die Oilers-Fans wissen, dass es einige Jahre dauert, um eine Mannschaft aufzubauen. Sie stehen voll hinter uns, die Halle ist bei jedem Spiel voll. Es ist nicht so, wie in anderen Städten, wo schnell Panik aufkommt und der Trainer sofort unter Druck steht. Wir haben die Chance, eine sehr gezielte Aufbauphase zu gestalten.

SPOX: Aber Sie sind ein Coach, der so viele Niederlagen nicht gewöhnt ist. Wie gehen Sie damit um?

Krueger: Das ist richtig, ich bin ein Typ, der nicht gut verlieren kann. Aber wir machen jeden Tag viele gute Sachen mit den Spielern, die Entwicklung stimmt. Der Weg ist zwar noch hart, aber in der nächsten Saison müssen wir zumindest soweit sein, dass wir in der jetzigen Saisonphase noch im Playoffkampf dabei sind. In die Playoffs zu kommen, wird auch in der nächsten Saison noch sehr schwierig, aber wenn wir eine Entwicklung machen und nicht so weit davon entfernt sind, wären die Fans auch zufrieden.

SPOX: Der DEB sucht nach der WM einen Nachfolger für Uwe Krupp. Hätten Sie Interesse, Bundestrainer zu werden?

Krueger: Zunächst einmal sind wir Freunde. Ich habe sehr lange in Deutschland gespielt und bin dem deutschen Eishockey immer verbunden geblieben. Hans Zach, Greg Poss, Uwe Krupp, Franz Reindl - ich war und bin mit der ganzen Crew befreundet. Wir haben immer regen Kontakt gehabt und uns ausgetauscht. Mit Präsident Uwe Harnos habe ich bei der letzten WM viel Zeit verbracht. Mein Sohn Justin spielt inzwischen für den DEB, alleine deswegen interessiert mich die Entwicklung natürlich. Es hat immer losen Kontakt gegeben und es freut mich, dass mein Name überhaupt im Gespräch ist.

SPOX: Würden Sie für den DEB frühzeitig aus Ihrem Vertrag in Edmonton aussteigen?

Krueger: Im Moment bin ich noch zu hundert Prozent darauf fokussiert, die Saison in Edmonton zu Ende zu bringen. Mein Plan ist, dass ich bis zum 10. April alles für die Oilers geben werde, danach werde ich meine Klappen öffnen und schauen, was passiert. Ob es dann Gespräche geben wird, wird sich zeigen. Sicher ist, dass ich das deutsche Eishockey als Freund immer verfolgen und in irgendeiner Form immer zur Seite stehen werde. Es gibt auch keine Diskussion darüber, dass es eine Ehre wäre, die deutsche Nationalmannschaft zu trainieren. Für einen Deutschen ganz besonders.

SPOX: Wäre es dann quasi eine Steigerung zu Ihrem Job in der Schweiz?

Krueger: Ich war 13 Jahre in der Schweiz, aber ich bin ja kein Schweizer. Die letzte Verbindung hat da gefehlt, deshalb ging es dort am Ende auch recht schnell zu Ende und die Sache war sofort abgebrochen. Meine Kinder sind Deutsche, ich bin Deutscher - wenn ich sagen würde, dass es nicht interessant wäre, wäre das falsch. Irgendwann in der Zukunft ist es sicherlich eine Möglichkeit.

SPOX: Mit dem vierten Platz hat Deutschland im letzten Jahr eine märchenhafte Heim-WM gespielt. Wie sehen Sie die Situation im deutschen Eishockey?

Krueger: Seit Justin dabei ist, erlebe ich es noch näher. Er hat mir erzählt, dass er positiv überrascht war, wie viele junge talentierte Spieler es eigentlich in Deutschland gibt. Wenn die DEL und der DEB in Zukunft noch besser zusammenarbeiten, ist ohne Frage vieles möglich. Aber man muss so wie in der Schweiz an einem Strang ziehen und zusammen am gleichen Ziel arbeiten. Das spüre ich in Deutschland noch nicht so ganz. Aber trotzdem sehe ich eine aufregende Zukunft für das deutsche Eishockey. Die Begeisterung bei den Fans ist riesengroß. Von der Infrastruktur her gehört die DEL zu den besten Ligen außerhalb der NHL. Ich sehe noch steinige Straßen, die man entlang gehen muss. Aber grundsätzlich gibt es eine gute Chance, das deutsche Eishockey weiter nach oben zu führen.

SPOX: Sie haben einmal gesagt, dass Sie sich als optimistischer Realist bezeichnen. Das spürt man auch bei vielen Ihrer Aussagen. Wie würden Sie sich selbst charakterisieren?

Krueger: Ich bin jemand, der alles dafür tut, ein gesamtes Umfeld aufzubauen. Ob das im organisatorischen, sportlichen oder medizinischen Bereich ist, jeder hat seine Rolle auszufüllen. Ich will ein Team aufbauen, in dem sich jeder für die Mannschaft opfert und sich ohne Egoismen den Gruppenzielen unterordnet. Das ist in unserer heutigen Gesellschaft, mit den riesigen Gehältern, gar nicht so einfach. Dennoch versuche ich, alle in ein Boot zu bringen. Ich bin ein Trainer, der gerne Harmonie hat, der aber auch harte Arbeit und große Disziplin verlangt. Das sind wahrscheinlich meine deutschen Wurzeln, die immer wieder durchkommen. Ich bin ein Disziplinfanatiker, aber man soll seine Arbeit dennoch mit Freude tun. Man soll Spaß am Prozess haben.

SPOX: Bei einer WM in Russland haben Sie Ihre Spieler einmal vor dem Spiel mit einer ungewöhnlichen Motivations-SMS ("Glaube an das Unmögliche und das Unmögliche wird möglich") überrascht. Danach hat die Schweiz Russland geschlagen. Was ist der Zweck solcher Methoden?

Krueger: Ich bin sehr spontan, was solche Geschichten angeht. Ich versuche zu spüren, was eine Mannschaft braucht und sie dann damit zu überraschen. Natürlich gibt es taktische Dinge auf dem Eis, die wichtig sind, aber viel wichtiger ist, dass die Gruppe eine mentale Verbindung findet. Und da sind Bilder oft sehr gut. Bilder in die Köpfe der Spieler zu malen, mit Metaphern zu arbeiten - das stärkt meist den Prozess.

SPOX: Sie sind aber nicht esoterisch, oder?

Krueger: Nein, gar nicht. Bevor man so etwas machen kann, muss ein unglaubliches Vertrauen da sein. Solche Prozesse dürfen nicht gekünstelt sein, sie müssen natürlich rüber kommen. Viele Trainer machen Dinge, weil sie diese irgendwo gelesen haben, aber das ist oft nicht ehrlich. Das sind dann genau die Motivationsmethoden, bei denen sich die Spieler wegdrehen und sie nicht aufnehmen. Man muss ein Team spüren und dann den passenden Weg finden. Es kann ein bis zwei Jahre dauern, bis ein Trainer an dem Punkt ist, wo er auch abstrakte Sachen machen kann.