Kommentar: Schwache Schiris im längsten Spiel

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Das bislang längste Spiel in der Geschichte der höchsten deutschen Spielklasse endete mit einem 3:2-Sieg der Iserlohn Roosters über die Frankfurt Lions. Michael Wolf war der entscheidende Torschütze in der dritten Overtime, erst um kurz nach Mitternacht war die Partie beendet, die um 19:30 Uhr begonnen hatte. 2:13 Minuten vor dem Ende der dritten Verlängerung nutzte Wolf eine Chance zu seinem zweiten Tor in der Serie. Ausgerechnet Wolf, werden die Lions-Fans sagen, der noch wenige Augenblicke zuvor eigentlich auf die Strafbank hätte geschickt werden müssen. Doch der gestrige Abend war ein Abend der Fehl- und Nichtentscheidungen der beiden Unparteiischen Aumüller und Jablukov. War in der ersten Overtime noch Löwe Jeff Heerema wegen Ellbogenchecks zurecht hinaus geschickt worden – er hatte sich in einem Zweikampf gegen Iserlohns Traynor mit dem Ellbogen vehement versucht, Luft zu verschaffen und sein Gegenüber dabei am Kopf getroffen – wurde Wolf in der dritten Overtime wegen einer sehr ähnlichen Szene nicht bestraft: Im Zweikampf mit Ilia Vorobiev stieß Wolf seinen linken Ellbogen nach hinten und Vorobiev ins Gesicht – eine eindeutige Strafe, die nicht geahndet wurde. Kurze Zeit später fiel das entscheidende Tor. Überhaupt hatten die Unparteiischen an diesem Abend einen schwachen Tag erwischt. Eindeutige Fouls gegen Frankfurt wurden nicht geahndet – so etwa, als Bob Wren zu Beginn der dritten Verlängerung Michael Bresagk gleich zweimal mit hohem Stock im Gesicht erwischte, aber der Löwen-Verteidiger wegen Haltens aus dieser Szene auf die Strafbank musste. Und was war mit Iserlohns Davids Sulkovsky los, als er plötzlich vor dem Lions-Tor abhob, aufs Eis fiel und eine Verletzung simulierte, ohne dass ein Gegenspieler auch nur annähernd an ihm dran gewesen wäre? Das Wort Schwalbe wurde wohl genau wegen derartiger schauspielerischer Darbietungen erfunden – eine Strafe gab es übrigens dennoch nicht. Die Löwen-Fans fühlten sich jedenfalls das gesamte Spiel über verschaukelt.

16 Überzahlsituationen hatten die Roosters, weil die Lions 20 kleine Strafen kassierten, viel zu oft jedoch wegen Nichtigkeiten oder schlichtweg falscher Beurteilung der Szenen. Dass auch die Lions in Überzahl ran durften (insgesamt nur sechsmal) hatten sie vor allem der Spieldauerdisziplinarstrafe gegen Brendan Buckley zu verdanken. Die Szene: In der rechten Ecke des Drittels der Lions rammte Buckley seinen Schläger in die Weichteile seines Gegenübers Jason Young – mit voller Absicht, der Puck war da bereits gute zwei Meter entfernt. Dass überhaupt eine Spieldauer gegen Buckley verhängt wurde, war wohl noch Glück für die Lions: Eine derartige Tätlichkeit hätte eindeutig eine Matchstrafe nach sich ziehen müssen. Man darf gespannt sein, ob die Lions das Beweisvideo an die DEL senden, um eine Nachverhandlung der Strafe zu fordern.

Dass Petr Smrek später im eigenen Drittel von hinten von Ryan Ready brutal umgerannt wurde und länger auf dem Eis liegen blieb nach diesem eindeutigen Check von hinten, kommentierte PREMIERE-Experte Peppi Heiß übrigens so: „Das war keine Absicht.“ Und daher gehe es auch in Ordnung, dass keine Strafe ausgegeben worden sei. Dass Aktionen also danach beurteilt werden, ob sie absichtlich ausgeführt wurden oder nicht, dürfte jedoch etwas völlig Neues im Eishockey sein.

Neben der schwachen Leistung der Schiedsrichter wurde aber auch Eishockey gespielt und das nicht schlecht, auch wenn die beiden Iserlohner Tore in Überzahl nach Fehlentscheidungen fielen. Neben etlichen Pfosten- und Lattenschüssen vergaben die Cracks auf beiden Seiten Großchancen, verpassten das leere Tor (Iserlohn gleich zweimal) oder vergaben freistehend vor dem Torhüter (Lions mit drei Möglichkeiten). Bestnoten verdienten sich so auch die Torhüter: Norm Maracle hielt 58 Schüsse, sein Gegenüber Ian Gordon – zweifellos der beste Spieler des Abends – parierte 62-mal. Beide bisherigen Spiele in der Serie mussten in der Overtime entschieden werden, beide Teams befinden sich auf Augenhöhe, so dass noch weitere ausgeglichene und spannende Partien zu erwarten sind. Dann jedoch hoffentlich mit Unparteiischen, die die Spieler entscheiden lassen und sich nicht derart in den Vordergrund drängen wie gestern. (pb)