Joachim Ziesche: Gewinnen verboten – verlieren erlaubtTeil 2 zur Geschichte über die Dynamo-Legende

Joachim Ziesche blickt auf die Geschichte des Eishockeys in der DDR zurück. (Foto: Jan Neumeister)Joachim Ziesche blickt auf die Geschichte des Eishockeys in der DDR zurück. (Foto: Jan Neumeister)
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Teil 1 der Geschichte über Joachim Ziesche

Bis 1970 gab es in der DDR eine ganz normale Eishockey-Liga mit bis zu acht Mannschaften, darunter an Standorten wie Weißwasser, Crimmitschau, Rostock, Erfurt, Berlin, Dresden und Chemnitz. Das änderte sich abrupt im Jahre 1970. Seitdem gab es in der DDR die kleinste Liga der Welt, die Eishockey-Oberliga nur noch mit Dynamo Berlin und Dynamo Weißwasser.

Bis dahin war Ziesche nicht nur einer der Top-Spieler des Landes, sondern auch Europas und machte für seinen Club Dynamo Berlin, die heutigen Eisbären, insgesamt 179 Punktspiele mit 271 Toren. Dreimal war er als Spieler DDR-Meister.

Die damalige Entscheidung hatte für Ziesche zur Folge, dass er vom einen Tag auf den anderen als Trainer zu agieren hatte: „Es war eigentlich vorgezeichnet, dass der komplette Eishockeysport in der DDR aufgelöst werden sollte. Die Fans waren darüber natürlich nicht begeistert, gerade an Standorten wie Crimmitschau gab es heftigen Unmut. Der Grund für diese Veränderungen war allerdings recht einfach: das Geld, was Eishockey gekostet hat, ging dann in andere Sportarten, die medaillenträchtiger waren, zum Beispiel Eisschnelllauf, Bobfahren und andere. Es war aus meiner Sicht keine kluge Entscheidung, denn mit einigen Sparmaßnahmen hätte man das Eishockey in der DDR durchaus breiter erhalten können als es letztendlich tatsächlich geschehen ist. Für uns war das damals unverständlich, da wir ja durchaus den Anschluss an die Weltspitze erreicht hatten und bei der Weltmeisterschaft 1970 erneut auf dem fünften Platz landeten.“

Dazu gab es die Entscheidung, bei der Weltmeisterschaft 1971 freiwillig bei der B-WM statt in der A-Gruppe anzutreten. „Die neue Order hieß, gut mitzuspielen, aber keinesfalls aufzusteigen. Gewinnen war ab sofort zuweilen verboten“. Ein einmaliges Novum in der Geschichte des Welt-Eishockeys. Überall auf der Welt wurde nur mit dem Kopf geschüttelt.

Die Begeisterung der Spieler und Trainer hielt sich natürlich ebenfalls in Grenzen. Bizarr wurde die Situation bei der B-WM 1972 in Rumänien: „Wir hatten damals eine sehr gute Mannschaft und wären durchaus in der Lage gewesen, in die A-Gruppe aufzusteigen. In Bukarest spielten wir gegen die USA. Die wollten uns durch übertriebene Härte den Wind aus den Segeln nehmen und verunsichern, um ein leichtes Spiel mit uns zu haben. Das beeindruckte unsere Jungs aber nicht und wir führten nach dem zweiten Drittel 4:1. Die Spieler waren so heiß, dass ich sicher bin, wir hätten das Spiel gewonnen und dann beste Voraussetzungen auf den Aufstieg gehabt. Auf der Tribüne saß die Delegationsleitung, die meinen Trainerkollegen Joachim Franke und mich auf dem Weg in die Kabine abfingen. Es gab eine klare Ansage: Ihr verletzt die Weisung des Präsidenten des DTSB und spielt mit eurer Karriere.“

So blieb den Trainern nichts übrig, als den Spielern beizubringen, dass sie sich an die Regelungen halten müssten, um den Eishockeysport in der DDR nicht insgesamt zu gefährden. Zu Roland Herzig, dem bis dahin exzellenten Torwart, sagte Joachim Ziesche: „Wenn sie dich anschießen oder vorbeischießen, okay, dann ist das so. Aber du machst keine Anstrengungen, um Tore zu verhindern.“ Am Ende verlor die DDR knapp durch Tore, bei denen die Spieler mehr oder weniger tatenlos zusahen.

Nach dem Spiel waren die Spieler stinksauer und nahmen die Kabine teilweise auseinander. „Wir brachten das notdürftig wieder in Ordnung. Der Journalist und Sportchef des Neuen Deutschland (DDR-Parteizeitung) Klaus Ullrich erlebte das alles hautnah mit. Wir fuhren dann alle stumm und unzufrieden ins Hotel. Klaus Ullrich rief dort DTSB*-Chef Manfred Ewald an und empfahl ihm dringend, für die Zukunft etwas zu verändern. Es wurde nicht ausgesprochen, war aber jedem klar, dass Spieler sich auch in den Westen absetzen könnten, weil sie einfach die Nase voll hatten von den Zuständen im DDR-Eishockey. In meinem Beisein empfahl Klaus Ullrich unserem Sportchef außerdem, die Mannschaft persönlich vom Flughafen abzuholen, um unsere Gemüter etwas zu beruhigen.“

Als die Mannschaft nach der WM auf dem Flughafen Berlin-Schönefeld ankam, fuhr Manfred Ewald allein im Zubringerbus ans Flugzeug. Beim anschließenden Imbiss entstand sogar die Idee, die beiden DDR-Ligamannschaften in der tschechischen Liga spielen zu lassen: „Daraufhin sprach ich vertraulich mit dem damaligen tschechoslowakischen Auswahltrainer Dr. Ludek Bukac. Er hatte das Thema bereits in seinem Verbandspräsidium diskutiert. Bei der Abstimmung waren alle dafür, lediglich der wissenschaftliche Kopf sagte, dass man daran denken müsste, dass noch nicht der Frieden zwischen beiden Völkern da wäre, der für so ein Projekt nötig sei. Es könnte sein, dass so etwas bei großen Teilen der tschechoslowakischen Bevölkerung nicht gut ankommen könnte, weil die Wunden des Prager Frühlings noch nicht verheilt waren. Am Ende wurde dann auf höchster ČSSR-Staats- und Parteiebene entschieden, diese Integration nicht zu vollziehen. So spielten wir mit unseren beiden Clubs in der Mini-Liga weiter.“

Die Situation wurde in den nächsten Jahren auch nicht besser. Immer wieder behinderten die Verantwortlichen im DDR-Sport die Entwicklung des Eishockeysports. Die Talentsuche an den Schulen wurde eingeschränkt und man durfte trotz Qualifikation nicht an Olympischen Spielen teilnehmen.

„Ende der Achtziger Jahre wurde im DTSB-Präsidium sogar gefordert, den Eishockeysport in der DDR komplett einzustellen, da die Grundvoraussetzungen fehlten. Ewald sagte darauf: ‚Bleibt ruhig, Genossen, die beiden Dynamos werden sich demnächst gegenseitig auffressen‘. Ich hörte dann auf, da ich unter den gegebenen Bedingungen nicht mehr weitermachen wollte und konnte, weil ein Sinneswandel bei unserer Staats- und Parteiführung nicht zu erkenn war. Da die Nachwuchsentwicklung bewusst über 15 Jahre gedrosselt wurde, war der Abstieg unseres Eishockeys in die Drittklassigkeit unausweichlich.“

Als Spieler und als Trainer konnte Joachim Ziesche zahllose Reisen ins Ausland, darunter sehr oft in westliche Länder, unternehmen. Hat er nie darüber nachgedacht, die DDR zu verlassen? „Nein, das war für mich nie ein Thema. Ich hätte auch gar nicht gewusst hätte, wo ich hingehen sollte. Wir hatten keine Verwandten im Westen, die als Anlaufstelle in Frage gekommen wären. Und dann wäre auch die Frage gewesen, ob ich die gleiche Entwicklung nehmen hätte können, wie in der DDR damals und welchen Problemen meine Familie aussetzt worden wäre. Heute denke ich, dass ich mich damals richtig entschieden habe.“

Als Club- und Nationaltrainer war Joachim Ziesche trotz des Nischendaseins des Eishockeys ein wichtiger Mann im DDR-Sport. Hatte er dadurch Vorteile? „Der Grad der Bedeutung hing im wesentlichen von der Leistungsfähigkeit der Person ab, bzw. was man mit seinem Team letztendlich erreicht hat. Im Gegensatz zur normalen Bevölkerung kamen wir natürlich in den Genuss, in westliche Länder zu reisen. Selbst die 10 Westmark Tagegeld, von denen man Frau, Kindern und Eltern ein kleines Geschenk kaufen konnte, waren damals für uns viel wert und durchaus ein Ansporn. Unsere Menschen in der DDR waren auch fleißig und haben schwer gearbeitet, aber keine Leistung der Welt hätte ihm eine Reise in den Westen ermöglicht.“

Heute lebt Joachim Ziesche mit seiner Frau Reni in der Nähe von Berlin. Bereits seine Söhne Jens-Joachim und Steffen waren Eishockey-Nationalspieler. Jens-Joachim beendete seine aktive Karriere bereits 1982 zugunsten eines Medizinstudiums. Steffen schaffte es in die Bundesliga und in die gesamtdeutsche Nationalmannschaft und wurde mit den Krefelder Pinguinen deutscher Meister. Auch Enkel Philip ist dem Eishockeysport verfallen und absolviert seit diesem Jahr seine erste Saison als Profi bei den Lausitzer Füchsen mit Förderlizenz beim SC Riessersee. Damit bekommt er deutlich mehr Eiszeit als möglicherweise in der DEL2.

Das verfolgt natürlich auch Joachim Ziesche: „Ich habe noch zwei Ehrenkarten für meine Frau und mich bei den Eisbären Berlin. Wir gehen gern zu den Spielen und schauen uns die Entwicklung an. Auch in anderen Stadien bin ich immer wieder mal zu Gast. So war ich zum Ende der letzten Saison in Crimmitschau. Und mein Enkel Philip geht jetzt in Garmisch beim SC Riessersee die ersten Schritte im Profisport. Auch ihn werden wir ganz sicher mal live im Stadion sehen.“

Weitere Einblicke in sein Leben und den Eishockeysport stellt Joachim Ziesche in seinem empfehlenswerten Buch „Zwischen Hoffen und Bangen“ dar. Dieses kann man unter https://www.eisbaeren-shop.de/joachim-ziesche-ein-rueckblick/c-278.html bestellen.

 

*DTSB: Deutscher Turn-und Sportbund der DDR, vergleichbar mit dem damaligen DSB in der Bundesrepublik, heute DOSB.


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