Holger Gerstberger im Hockeyweb-Interview

DEL: Eisbären bleiben spitze - Ingolstadt gewinnt in MannheimDEL: Eisbären bleiben spitze - Ingolstadt gewinnt in Mannheim
Lesedauer: ca. 3 Minuten

Die Wellen schlugen hoch in dieser Woche, es gab viel Arbeit für die DEL-Kommissionen. Nicht jedes Urteil war für die betroffenen Klubs und deren Fans nachvollziehbar. Holger Gerstberger, der Schiedsrichterbeauftragte der DEL, klärt auf Hockeyweb über einige Punkte auf.



Hockeyweb: "Der Disziplinarausschuss hat das Verfahren gegen Yannic Seidenberg eingestellt, weil er bei der Attacke von hinten gegen Adams "nur" ein Beinstellen erkennen konnte. Diese Analyse ist umstritten, es wird aber immerhin festgestellt, dass es sich tatsächlich um ein Foul von hinten mit Verletzungsfolge handelte. Wie kann es sein, dass ein solches Foul keine Matchstrafe nach sich zieht?"



Gerstberger: "Bitte haben Sie Verständnis, dass ich die Entscheidungen des Disziplinarausschusses in der Sache nicht kommentiere. Grundsätzlich ist aber zu bemerken, dass der Disziplinarausschuss Strafen in der Regel nachträglich nur dann ausspricht, wenn das Foul nach den IIHF-Regeln zwingend mit einer Matchstrafe belegt werden muss, also kein Ermessen bei der Strafzumessung besteht. Beinstellen, selbst mit Verletzung, kann aber auch mit einer Spieldauer geahndet werden, die Matchstrafe ist nicht zwingend."



Hockeyweb: "Seidenberg attackierte am Sonntag erneut einen Gegenspieler absichtlich von hinten. Diesmal sprach der Schiedsrichter keine Matchstrafe aus, weil der betroffene Kölner Spieler Julien nicht verletzt gewesen sei. Mal provokativ formuliert: Muss ein Spieler erst in einer Blutlache liegen, damit ein derart böses Foul mit einer Matchstrafe geahndet wird?"



Gerstberger: "Die Situation von Seidenberg in Köln habe ich live im Stadion verfolgt und ich habe die Entscheidung „Spieldauerdisziplinarstrafe“ akzeptiert. Auch hier ist zu bemerken, dass der Schiedsrichter einen Ermessensspielraum hat. Er muss die Spieler vor Verletzungen schützen, also eher „gegen den Angeklagten“ entscheiden. Dennoch halte ich die ausgesprochene Strafe für gerechtfertigt. Und es muss nicht und darf vor allem nicht erst eine Blutlache vorhanden sein, dass eine Matchstrafe ausgesprochen wird. Bedenken Sie aber, dass es sehr häufig Situationen gibt, in denen Spieler eine Verletzung auf dem Eis vortäuschen, also auf dem Eis liegen bleiben, aber bereits beim nächsten Wechsel wieder auf dem Eis stehen. Das ist auch kein Gebot von Fairness und erschwert natürlich auch die Entscheidung des Schiedsrichters"



Hockeyweb: "Bei einem weiteren Foul von Seidenberg könnte es zu Revanche-Aktionen der Kölner Spieler kommen und wir wissen alle, was dann geschieht. Hätte man eine derart schlechte Voraussetzung für ein Spiel nicht durch konsequenteres Eingreifen der Schiedsrichter verhindern können?"



Gerstberger: "Den Spieß drehe ich gerne um. Wer hat die Verantwortung bei einem Foul? Der Spieler, der das Foul verübt oder der Schiedsrichter? Und wer hat die Verantwortung bei einer Revanche? Der Spieler, oder der Schiedsrichter? Derartige Dinge können auch bei konsequentem Durchgreifen des Schiedsrichters nicht gänzlich unterbunden werden. Falls ein Spieler ein Foul verüben will, dann macht er es. Und wenn ein Spieler Revanche nehmen will, dann tut er es ebenfalls. Egal, welche Konsequenzen er zu tragen hat. Ob die Voraussetzung für ein Spiel schlecht oder gut ist, liegt primär beim Spieler und beim Trainer. Der Schiedsrichter kann dann im Spiel nur (re)agieren.


Aber ich verstehe Ihren Ansatz und hätte mir auch die eine oder andere Entscheidung (nicht nur auf die Spiele der Serie Köln vs. Ingolstadt) vielleicht anders gewünscht. Natürlich machen Schiedsrichter auch Fehler. Aber die Verantwortung für böse und gemeine Fouls und auch für die „normalen“, trägt nicht der Schiedsrichter. Wir diskutieren aber nur dessen Entscheidung, was bedingt auch richtig sein mag, aber derjenige, der die Gesundheit anderer gefährdet, bleibt außen vor bzw. wird noch durch seinen Club verteidigt und geschützt. Dabei liegt das originäre Fehlverhalten doch bei ihm selbst."



Interview: Alexander Brandt