Hannoversches Lokalderby sorgt für Stimmung

Scorpions erlegen tapfer kämpfende WölfeScorpions erlegen tapfer kämpfende Wölfe
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Bei den beiden hannoverschen Eishockey-Klubs hat sich zur Saison 2004/05

einiges verändert. Die Scorpions sind nun Eigentum von Preussag Arena

Besitzer Günter Papenburg und haben damit endgültig jegliche

nennenswerten Verbindungen zur kultigen Wedemärker Vergangenheit ("das

kleine gallische Dorf, das im Konzert der Großen mit bescheidenen

Mitteln gut mitgehalten hat") abgetrennt und sind zu einem typischen

DEL-Verein wie jeder andere auch geworden, den nichts mehr von den

anderen Klubs wie zum Beispiel den Hamburg Freezers unterscheidet, zumal

die Scorpions sich ohnehin reichlich im Spielerpool der Nord-Rivalen

bedient haben und sich eigentlich als Freezers-Filiale bezeichnen

könnten.

Dazu kam noch ein neu gestalteter Schriftzug, damit außer dem Skorpion

und Urgestein Lenny Soccio auch wirklich nichts mehr an die

Vergangenheit erinnert, und ein sogenanntes "Kampf-Logo", welches ein

"H" für Hannover mit böse schauenden Augen darstellt. Neben diesen oberflächlichen ausschließlich unter Marketing-Aspekten

durchgeführten Änderungen hin zur absoluten Kommerzialisierung (neues

Logo = Anreiz für Fans, neue Fanartikel zu kaufen, damit man Up to Date

bleibt...) gab es durchaus auch viele positive Entwicklungen durch den

Führungswechsel, denn der neue Scorpions-Macher Marco Stichnoth setzt

mit seinem Trainergespann Gunnar Leidborg und Jari Pasanen wesentlich

stärker auf junge deutsche Spieler, was bekannterweise früher nicht

gegeben war, galten die Scorpions doch als "Friedhof" für den Nachwuchs, der meist nur zur Erfüllung der Quote verpflichtet wurde, aber

kaum Chancen bekam sich zu beweisen. Dass dies aber auch an den

jeweiligen Trainern lag, wurde letzte Saison besonders deutlich, da ein

deutsches Talent wie Björn Bombis unter Teamchef Olle Öst kaum

berücksichtigt wurde, unter Leidborg aber zum Shooting Star wurde.

Aufgrund seiner guten Leistungen wurden die anderen DEL-Klubs schnell

auf ihn aufmerksam und so schnürt er diese Saison für die Nürnberg Ice

Tigers die Schlittschuhe, obwohl er vorher noch beteuert hat, dass er

bei den Scorpions bleiben wolle, sollte der Klassenerhalt gesichert

werden. Da war der Ruf des Geldes wieder einmal lauter als die besten Konzepte,

denn Nürnberg bot einfach einen besser dotierten Vertrag als die

Scorpions und hatte mit Greg Poss einen Trainer zu bieten, der dafür bekannt ist, auch junge Spieler zu setzen.

Aber der von allen Seiten positiv aufgenommene Schritt zur deutschen

Nachwuchsförderung ist eigentlich nicht verwunderlich, denn auch die

alte Führungsriege hätte gerne mehr gute deutsche Spieler in ihren

Reihen gesehen, aber wenn man mit seinem Etat acht Jahre lang an der

Untergrenze aller DEL-Klubs herumkrebst, kann man sich eben keinen

Morcinietz, Köppchen oder Künast leisten, sondern muss sehen, dass man

mit den bescheidenen Mitteln überhaupt eine konkurrenzfähige Mannschaft

auf die Beine stellen kann, was außer im ersten DEL-Jahr und in der

vergangenen Saison ja auch meist gelungen ist.

Die Vernachlässigung der deutschen Spieler in Hannover war primär in der

stets problematischen finanziellen Lage begründet, und wenn Arena-Eigner

Günter Papenburg jetzt, da er zu 100% Besitzer der Scorpions ist, den

Geldsäckel weiter öffnet und seinen Scorpions einen höheren Etat

gewährt, der Transfers der Größenordnung eines Morcinietz erlaubt, ist

es auch logisch, dass der Anteil an qualitativ guten deutschen Spielern

bei den Scorpions deutlich erhöht wird.

Aber diese Tendenz hat nichts mit "später Einsicht" oder den neuen

Führungskräften zu tun, wie in einschlägigen Magazinen gern kolportiert

wird. Ex-Manager Eric Haselbacher hatte beispielsweise in den

vergangenen Jahren mehr als einmal Gespräche mit Morcinietz, Marc

Seliger und vergleichbaren deutschen Spielern geführt, deren

Salärvorstellungen aber nicht ansatzweise in das Gehaltsgefüge der

Scorpions passten.

Der Scorpions-Kader 2004/2005 sieht auf dem Papier jedenfalls recht gut

aus und dürfte zumindest um die Playoffs mitspielen, ob Papenburg aber

auch in Zukunft weiterhin das Portemonnaie weit öffnet, sollten die

Playoffs in den nächsten zwei bis drei Jahren wieder verpasst werden,

bleibt abzuwarten. Vielleicht wird die Lizenz eben doch mit ein paar

Jahren Verspätung nach Stuttgart oder sonst wohin verkauft, denn Günter

Papenburg ist nicht dafür bekannt, auf Dauer Geld zum Fenster

rauszuwerfen. Und das Eishockey generell keine gewinnbringende Sportart ist, ist ja

hinlänglich bekannt, selbst die Freezers sind trotz Playoffs und stets

ausverkaufter Halle ein Verlustgeschäft für Anschutz.

Doch nicht nur bei den Scorpions hat sich einiges getan, auch beim

"kleinen Bruder", den Indians wird mit neuen Besen gekehrt. Nachdem der

umstrittene Bernd Spenke sich nicht mehr zur Wahl gestellt hat, hat auch

hier eine neue Führung das Sagen, die viele Bereiche, die bisher

vernachlässigt wurden, verbessern will. Sei es die bisher quasi

brachliegende Öffentlichkeitsarbeit, der Kontakt zu den Fan-Klubs oder

die unter Spenke eher eisige Beziehung zu Stadionbetreiber Herbert

Müllerchen. Das Stadion wurde auch renoviert und erstrahlt beinahe in

neuem Glanz und der von Coach Greg Thomson zusammengestellte Kader

sollte auch in der Lage sein, aus den Indians einen ernsthaften

Playoff-Kandidaten zu machen, wobei die Chefetage den Aufstieg

in die zweite Liga aber in diesem Jahr noch nicht ernsthaft anpeilt,

sondern sich erst einmal darauf konzentrieren will, eine gute Rolle in

der Oberliga zu spielen. Die Karten sind also für beide Vereine neu gemischt und so wurde das

erste Lokal-Derby seit langer Zeit von Verantwortlichen, Spielern und

Fans mit noch größerer Spannung und Neugier erwartet als ohnehin schon.

Eine Rekordkulisse von 4383 Zuschauern fand sich im Eisstadion am

Pferdeturm ein, um beide hannoversche Teams unter Augenschein zu nehmen.



Wobei der Sieger von vornherein feststand, denn die Scorpions

absolvierten nicht nur erstmals ein Sommertraining, sondern stehen schon

seit fast einem Monat wieder auf dem Eis und haben schon ein Testspiel

bei Aufsteiger Wolfsburg hinter sich, während die Indians noch nicht so

lange auf dem Eis trainiert haben und dies ihr Testspielauftakt war.

Das Spiel endete 7:0 für die Scorpions, das Ergebnis war aber

zweitrangig, worauf es den Zuschauern ankam, war sich ein Urteil über

den Leistungsstand ihrer Mannschaften zu bilden.

Dieses fiel für beide Teams durchaus vielversprechend aus.

Die Scorpions waren zwar deutlich feldüberlegen, boten aber

zumindest im ersten Drittel das in den letzten Jahren gewohnte Bild.

Zwar klar überlegen, aber zu unfähig, die zahlreich vorhandenen

Chancen in Tore umzumünzen. Len Soccio kann immer noch kein

Penaltyschießen, wie man in zwei penaltyähnlichen Situationen sehen

konnte, in denen er mutterseelenallein auf Indians-Torwart Kondelik

zulief und kläglich vergab. Keeper Kauhanen unternimmt immer noch gerne interessante Ausflüge aus seinem

Kasten, die Fans und Mitspielern das Blut in den Adern gefrieren lassen

und die auch heute wieder beinahe zu einem Tor für die Indians geführt

hätten. Künast, der nach 30 Minuten für Kauhanen kam, strahlte

jedenfalls wesentlich mehr Sicherheit aus. Die Verteidigung der

Scorpions lässt sich immer noch gerne überlaufen, wie man bei einem

Überzahlspiel der Scorpions sehen konnte, bei dem die Indians zu einer

tollen Breakchance kamen, die die Scorpions nur mit einer Notbremse vereiteln

konnten, so dass die Indians einen Penalty zugesprochen bekamen, den

Kauhanen aber nicht durchließ. Das Powerplay der Scorpions ließ wie eh und je zu wünschen übrig, auch

wenn diesmal sogar Powerplaytore fielen.

Eigentlich alles wie gehabt im ersten Drittel, trotz runderneuertem

Kader, doch man darf nicht vergessen, dass man immer noch in der

Vorbereitung ist, die Reihen und das Team sich erst finden müssen und es

bei Punktspielen ohnehin auch mental anders zur Sache geht.

Die gestrige Vorgabe lautete ein gutes Spiel zu liefern, standesgemäß zu

gewinnen, sich nicht zu blamieren und sich vor allem nicht zu verletzen.

Und das hat man seitens der Scorpions gut umgesetzt, auch wenn mancher

Fan gerne ein zweistelliges Ergebnis gesehen hätte und sich mokierte,

dass das erste Tor erst nach fast 17 Minuten fiel.

Bei den Indians sah das ähnlich aus. Diese waren wie immer beim

Lokalderby natürlich bis in die Haarspitzen motiviert, wollten vor ihren

zahlreichen Anhängern nicht sang- und klanglos untergehen und so gut und

lange wie möglich Paroli bieten. Auch dieses Unterfangen gelang erfolgreich. Auch wenn das Team mindestens genauso viel Pech im Abschluss hatte wie die Scorpions und nicht den verdienten Ehrentreffer erzielen konnte, verkaufte man sich

doch so teuer wie möglich. Der wie immer glänzend aufgelegte Roman

Kondelik brachte die Scorpions-Stürmer mit seinen unzähligen

Glanzparaden schier zur Verzweiflung und hätte beinahe das erste Drittel

zu Null gespielt, fiel der erste und einzige Treffer der Scorpions in

diesem Abschnitt erst in der 17. Spielminute. 0:1 nach einem Drittel gegen einen zwei Klassen höher spielenden Gegner,

das kann sich durchaus sehen lassen, wenn sie in ihrer Liga genauso gut

spielen, Kondelik ebenso gut aufgelegt ist, wie insbesondere im ersten

Drittel und sie ein paar mehr Chancen verwerten, dürften sie problemlos

oben mitspielen können.

Die Indians kamen auch zu einigen guten bis sehr guten Konterchancen,

hätten im ersten Drittel sogar in Führung gehen können. Doch mit

fortlaufender Spieldauer merkte man den Indians doch an, dass die Kräfte

nachließen, so dass die Scorpions einen ungefährdeten 7:0 Sieg feiern

durften. Insgesamt war das Spiel recht fair, nur in der letzten

Spielminute kam es zu größeren Faustkämpfen unter den Spielern, die u.a.

in einer 5 Minuten Strafe für die Scorpions resultierten.

Zur Stimmung muss man eigentlich nichts sagen, denn diese ist am

Pferdeturm immer einzigartig, vor allem bei dieser Kulisse und diesem

Gegner. Alle Beteiligten und Fans können optimistisch in die Saison blicken und

konnten zufrieden nach Hause gehen. Wie das Tüpfelchen auf dem i eines

gelungenen Eishockeytages begann kurz nach Spielende noch das große

Feuerwerk auf dem Maschseefest, welches man vom Pferdeturm aus bewundern

konnte und das für den perfekten Ausklang sorgte. (S. Palaser)