Gerhard Lichtnecker gibt Einblick hinter die Kulissen (2)Das dritte Team auf dem Eis

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Herr Lichtnecker, wir sprachen gerade über die Schwierigkeit, eine nachvollziehbare, einheitliche Line einzuführen. Wie sehen Sie das selbst?

Gerhard Lichtnecker: „Wenn ich als Beobachter im Stadion bin, sitze ich auch manchmal da und denke mir: ,Ja, warum pfeift er denn so kleinlich‘.“

Also sind auch Sie manchmal nicht derselben Meinung wie der gerade leitende Schiedsrichter?

Gerhard Lichtnecker: „Im ersten Moment nicht immer, aber ich weiß, dass ich nicht unbedingt den besten Platz habe. Hier wäre ein Arbeitsplatz mittig und oben in der Arena wichtig. Entscheidend ist oftmals der richtige Blickwinkel. Die gleiche Szene aus drei oder vier Ebenen kann zu völlig unterschiedlichen Auffassungen führen. Z.B. in Straubing ist der Schiedsrichter, wie überall, auf dem Eis. Ihre Presseplätze sind circa zwei bis drei Meter über dem Eis. Ich als Schiedsrichterbeobachter sitze einige Reihen weiter oben und die Kamera ist unter dem Hallendach. Und wenn man sich später das Video ansieht, fragt man sich schon mal, ob man dieselbe Szene gesehen hat. Insgesamt denke ich aber, dass die Schiedsrichter in 90 von 100 Entscheidungen richtig liegen.“

Um auf die einheitliche Linie zurück zu kommen. Soll, oder kann man jedes Spiel mit derselben Line pfeifen?

Gerhard Lichtnecker: „Sicher nicht. Es gibt Begegnungen, bei denen man vorher schon weiß, dass man von Anfang an sehr konsequent pfeifen muss, damit das Spiel nicht hochkocht. Es gibt Derbys, wenn man bei denen nicht aufpasst, wird es fürchterlich krachen.“

Der Schiedsrichter weiß also um die Brisanz mancher Spiele und weiß, auf was er sich einlässt bzw. was ihn erwartet?

Gerhard Lichtnecker: „Absolut. Da kümmern sich die Kollegen selbst darum oder bekommen von uns einen Hinweis, dass sie aufpassen sollen, weil es z.B. im letzten Spiel richtig gekracht hat. Wir kennen natürlich auch die Spieler und wissen, auf wen wir aufpassen müssen. Dass Situationen nicht eskalieren, darauf hat der Schiedsrichter immensen Einfluss durch seine Spielleitung.“

Wenn das dann aber mal nicht so wie vorgesehen klappt, kann es auch zu Schlägereien führen. Wie stehen sie zu diesem Thema?

Gerhard Lichtnecker: „Fights gehören zum Eishockey ab und zu dazu. Ich war diese Saison bei Straubing gegen München, als sich Daoust und Buchwieser kurz vor Spielende einen Super-Kampf geliefert haben. Es war ein abreagieren von Frust vom Münchner und von der Freude vom Straubinger. Ein Mann-gegen-Mann-Fight, wunderbar für die Galerie und für die Zuschauer, das hat Spaß gemacht. Es war aber auch vom Schiedsrichter hervorragend abgewickelt, und das Strafmaß hat mit je 2+2+10 ohne Spieldauer auch gepasst. Er hat mit den Kapitänen gesprochen und erklärt, was es für Strafen gibt. Das war von allen Seiten sehr gut gelöst. Die ständigen Schlägereien, wie es sie früher gab, haben wir ja nicht mehr, auch weil die Strafen dementsprechend hart waren. Jetzt ist man wieder einen kleinen Kompromiss eingegangen. Man fängt mit einer kleinen Strafe an, wenn sich die Spieler dann länger im Gehege haben, geht man auf die 2+2+10, wird es dann aber unsauber, müssen die Spieler mit einer Spieldauerstrafe rechnen. Wenn die dann auch noch ein zweites oder drittes Mal wieder anfangen, gibt es sicher eine Matchstrafe. Das wissen aber auch alle. Unser Hauptaugenmerk liegt zurzeit auf den High-Hits, also Checks gegen Kopf und Nacken. “

Die Bewertung solcher Fights hat sich im Laufe der Jahre also verändert und dem Sport offensichtlich gut getan. Gibt es weitere Regelanpassungen bzw. Auslegungsanpassungen, die einen ähnlichen Effekt hatten?

Gerhard Lichtnecker: „Ich möchte an das Jahr 2006 erinnern, als wir die Auslegungsänderung ,Halten-Haken-Behinderung‘ hatten. Das war damals ein Riesenaufschrei: ,Das Schiedsrichterwesen macht das Eishockey kaputt‘. Heute muss ich sagen, dass es die richtige Entscheidung war. Nehmen wir z.B. die Olympischen Spiele. Dort gab es die wenigsten Halten-, Haken- und Behinderung-Strafen, weil sich die Mannschaften darauf eingestellt haben. Die Mannschaften haben anders trainiert, haben den Stock weggelassen, und das Spiel ist schneller, intensiver und interessanter für den Zuschauer geworden. Das, was heute noch als Halten, Haken und Behinderung gepfiffen wird, ist so klar, dass dem Schiedsrichter keine Wahl bleibt. Viele kleine Dinge gibt es sicher noch heute, aber so was kann man auch laufen lassen, solche Sachen wie das ,Bodysurfing‘ gibt es eigentlich nicht mehr. Bei diesen kleinen Sachen sind wir mit der Regelauslegung relativ gut. Wir wissen aber auch, dass wir ein paar Regelbuchschiedsrichter haben. Natürlich haben wir nichts gegen das Regelbuch, aber ich sage den Leuten dann immer, dass man aufpassen muss, dass man das Spielgefühl nicht verliert. Wir wollen den Spielfluss nicht behindern, sondern, wenn es geht, fördern.“

Egal, wie gepfiffen wird. Der Schiedsrichter hat immer tausende von Kritikern in der Halle und, etwas überspitzt, wenn die Strafe nicht gegen das andere Team ist, war es ohnehin eine Fehlentscheidung. Ist es nicht sehr schwer, auf dem Eis die Ruhe und den Überblick zu bewahren?

Gerhard Lichtnecker: „Gerade der Umgang mit Fans oder das Verhalten in der Halle ist eine mentale Sache, die wir immer wieder schulen. Wobei das Rundherum können viele Schiedsrichter sehr gut ausblenden. Für mich selbst bestand ein Spiel aus 30x60 Metern und der Rest war Hintergrundkulisse. Wenn man sich auf seine Aufgaben konzentriert, merkt man zwar, dass da draußen irgendwas ist, aber Einzelheiten bekommt man nicht mit. Ich würde sogar sagen, dass es leichter ist, vor einem großen Publikum zu pfeifen, als vor einem kleinen. Einzelne Rufer gehen in einer großen Masse einfach unter. Anders ist das z.B. bei Nachwuchsspielen, wo ich jeden einzelnen hören kann. So manche Kommentare von Eltern tun da oft mehr weh, als wenn 5.000 Leute schreien: ,Wir wissen, wo Dein Auto steht‘. Ich habe da immer etwas in mich hinein geschmunzelt, und mir gedacht: ,Ja, ich weiß auch, wo es steht´. Aber letztlich ist das eben eine Sache, die geschult wird, inzwischen auch mit Unterstützung von Psychologen. Wichtig ist dabei das gesamte Auftreten und die Außendarstellung eines Schiedsrichters.“

Lesen Sie am Montag den dritten Teil unseres großen Interviews mit Gerhard Lichtnecker.

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