Freezers: Heile Welt für einen Abend?

Freezers absolvieren Saisonvorbereitung in HamburgFreezers absolvieren Saisonvorbereitung in Hamburg
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Das Feuer, das die Freezers in dieser Saison auf dem Eis entfachen wollten, hat längst das gesamte Gebäude der Hamburger Anschutz-Filiale erfasst. Und nun droht der hell lodernde Dachstuhl mit Getöse in sich zusammenzubrechen. Im Klartext: Die Freezers unter der Führung von Geschäftsführer Boris Capla (48) haben in der Öffentlichkeit der Hansestadt so langsam ihren letzten Kredit verspielt.

Das jüngste Beispiel dafür ist ein Bericht in BILD Hamburg vom 8. Januar. Ausgerechnet die BILD-Redakteure, bis dahin Caplas journalistische Lieblingskinder, die er als einzige Pressevertreter persönlich hätschelte und tätschelte und bisweilen auch schon mal mit Exklusiv-Informationen zu ködern versuchte, finden für die aktuelle Situation so drastische Worte wie noch kein anderes Medium zuvor.

„Scheishockey – Wo es bei den Freezers überall stinkt“ titelt das Boulevard-Blatt in seiner heutigen Ausgabe. Was folgt ist eine gnadenlose Abrechnung mit der sportlichen und wirtschaftlichen Situation der Hamburg Freezers. Und dann bekommt Capla ganz persönlich „sein Fett“ ab. Zitat:

FÜHRUNG: Die einzige Konstante ist Geschäftsführer Boris Capla. Im Boom der ersten drei Jahre – und im Absturz seitdem. Bob Leslie ist aktuell der dritte Sport-Direktor. Aber ohne Caplas Segen wird KEIN Spieler verpflichtet. Auch wenn er sich seit einem Jahr offiziell aus dem sportlichen Tagesgeschäft zurückgezogen hat.
…beschwerten sich Führungsspieler nach ihrem Abgang regelmäßig über unfaire Behandlung: u. a. Andy Schneider, Craig Johnson, Shane Peacock, Alan Letang.
Durch seine undiplomatische Art prägte der Geschäftsführer die Außendarstellung des Klubs. Die Freezers gelten als miesepetrig und unbeliebt. Weil Capla alles dem Kosten-Diktat unterwirft, stößt er immer wieder Leute vor den Kopf. So mussten bei der offiziellen Weihnachtsfeier mit Sponsoren Getränke ab 0 Uhr selbst bezahlt werden...

Auch die anderen Medien in der Hansestadt nehmen längst kein Blatt mehr vor den Mund. So zitiert die MORGENPOST genüsslich Nationalspieler Alexander Barta, der am Freitag gegen Köln nach langer Verletzungspause sein Comeback geben soll:

Barta: Wenn von 22 Spielern nur zehn oder zwölf konstant ihre Leistung bringen, dann kommt das dabei raus.
MOPO: Also eine Charakterfrage.
Barta: Ich bin jemand, der immer 100 Prozent gibt, egal, ob ich die Person neben mir mag oder nicht. Anscheinend ist das nicht bei allen so.


Das Hamburger Abendblatt lässt den Chef der Anschutz Entertainment Group Europa, Detlef Kornett, zu Wort kommen. Der hält nachwievor seine schützende Hand über den in der Öffentlichkeit stark kritisierten Capla und lastet die sportliche Misere der Freezers Sportdirektor Bob Leslie an. Zitat: „...seit Bob Leslie als Sportdirektor Teile der sportlichen Verantwortung übernommen hat, allerdings hat sich der Erfolg nicht eingestellt.“

Über seinen Untergebenen Capla findet AEG-Boss Kornett tröstende Worte. Zitat: „Er hat über die Jahre für uns einen sehr guten Job gemacht, auch wenn es nach außen manchmal einen anderen Eindruck macht. Unter ihm gibt es wirtschaftlich keine negativen Überraschungen, Kostenkontrolle ist eine seiner großen Stärken. Dinge, die der Fan nicht sieht.“

Eine deutliche Aussage. Bei der Frage des Abendblatt-Reporters zur Zukunft der Freezers in Hamburg weicht Kornett allerdings in den unverbindlichen Konjunktiv aus. Zitat: „Ein Ortswechsel des Teams wie der damals von München nach Hamburg würde nicht in unsere Strategie passen.“ Ein Statement, das durchaus Raum für Interpretationen lässt.

Ausgerechnet in dieser Situation nun hat sich der Fernsehsender EUROSPORT angekündigt, um zum ersten Mal seit langer Zeit ein Spiel der höchsten deutschen Eishockey-Liga im Free-TV zu übertragen. Eine einmalige Chance, den Kufensport positiv ins Bewusstsein der deutschen Sport-Öffentlichkeit zu rücken. Aber eine schlechtere Paarung hätte sich der Spartensender gar nicht aussuchen können: Hamburg gegen Köln.

Kaum anzunehmen, dass sich viele Fans aus der Domstadt, die ihre Haie zuletzt mit offenem Hohn und Spott beim Heimspiel gegen Frankfurt (1:2) bedachten, auf den Weg in den Norden machen werden. Und ein Großteil der Freezersfans, die beim letzten Spiel in der Color Line Arena ihr Team erst mit gellenden Pfiffen und dann über 60 Minuten lang mit eisigem Schweigen bedachten, sehen trotz der Fernseh-Präsenz keinen Grund, am Freitag von ihrer Protesthaltung abzuweichen.

Aber die AEG wäre nicht das professionelle Unterhaltungsunternehmen und Capla wäre nicht Capla, wenn man diesem Risiko der öffentlichen Blamage tatenlos entgegen sehen würde. Der bei den Freezers angestellte Fanbeauftrage Maik Behnk ist eifrig dabei, die Truppen für Freitag zu ordnen. Er lässt einen offenen Brief unter den Fans verteilen, in dem er darum bittet, den Protest für diesen Abend doch bitte einmal ruhen zu lassen und für das Köln-Spiel auf heile Welt zu machen. Und da er an den Erfolg seines Appells selber nicht zu glauben scheint, ist er auch hinter den Kulissen tätig geworden. Zitat: „Aus diesem Grunde wird es eine Choreo geben. Es wird nach der Einlauf-Show (wenn das Licht wieder an geht) ein Transparent mit der Aufschrift „WILLKOMMEN EURO-SPORT“ hochgehalten und 1500 A4 Zettel mit einem „Daumen nach oben“.

Wenigstens der Hilfe von 1500 Zettel-Hochhaltern scheint man sich bei den Freezers sicher zu sein. Der Rest der Hamburger Fanszene ist sich derzeit wohl noch nicht einig, wie man am Freitagabend reagieren soll. Einerseits will man sich dem Interesse des deutschen Eishockeys nach positiver Publicity nicht verschließen, andererseits sitzt die Verbitterung über die seit Jahren immer dramatischer werdende Talfahrt der Hamburger Anschutz-Filiale bei vielen zu tief. (jay)

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