„Es wird relativ schwer, die Uhr zurück zu drehen“

Foto: eehf.deFoto: eehf.de
Lesedauer: ca. 9 Minuten

Der Verein „Echte Eishockeyfans e. V.“ aus Hannover hat seit seiner Gründung vor rund einem Jahr bereits einiges bewirken können. Hockeyweb-Redakteur Jens Wilke hat sich dem ersten Vorsitzenden Bernd-Olaf Kühn und Mitbegründer Sascha Hartung unterhalten, wie die Reaktionen der Fans auf die neusten Entwicklungen aussehen, und wie die Fans sich mehr mit einbringen könnten…

Die EEHF. e. V. gibt es noch nicht allzu lange Zeit. Was sind eure Ziele? Wofür steht eure Vereinigung?

Kühn: „Wir haben uns vor knapp einem Jahr unter den Eindruck der Weltmeisterschaft im eigenen Land gegründet, wo man gesehen hatte das es im deutschen Eishockey viele Möglichkeiten gibt, viel Potenzial schlummert und danach das Sommertheater aufkam. Wir haben damals gedacht, dass dieses Hickhack nicht zum Wohle des Eishockeys sein kann und das Aufgebaute durch Funktionäre im Prinzip mit dem Hintern wieder eingerissen wird. Das war der Grund, dass wir eine gesunde Basis gründen wollten. Deswegen auch als eingetragener Verein und nicht als `wilde Vereinigung´, die mittel,- oder auch langfristig für das deutsche Eishockey die Fans organisiert, damit eine Meinungsbildung entsteht und man vielleicht auf gewisse Dinge Einfluss nehmen kann. Wie sich jetzt zeigt, kann es vielleicht der richtige Schritt gewesen sein.“

Was unterscheidet euch von anderen deutschlandweiten Fangruppierungen die es gibt, bzw. gab?

Kühn: „Unser Anreiz war das es nichts gab, womit wir uns identifizieren konnten. Die VDEFC zum Beispiel war in letzter Zeit relativ wenig präsent gewesen, was die aktuellen Themen angeht. Das deutsche Eishockey ist uns eine Herzensangelegenheit und wir meinen, dass es Sachen gibt, die wir Fans nicht einfach so hinnehmen können ohne eine Stimme zu haben. Wir wollen nicht als Konkurrenz zu den anderen Organisatoren auftreten, sondern gemeinsam etwas aufbauen.“

Einer eurer Slogans lautet „Es ist fünf vor zwölf“. Wie weit ist die Uhr jetzt vorangeschritten? Wie habt ihr den neuen Kooperationsvertrag aufgenommen?

Kühn: „Dieser Kooperationsvertrag ist ein richtiger Schlag ins Kontor gewesen. Wenn sich die Leute nicht besinnen und flächendeckend den Nachwuchs, die Ligenstruktur und die Nationalmannschaft im Auge haben, könnte man sagen es ist fünf nach Zwölf. Es wird relativ schwer die Uhr zurück zu drehen.“

Habt ihr ein Bild davon wie die Reaktionen anderer Fanvertretungen aussehen?

Hartung: „Beim Treffen der Fanvertretungen im Juni in Nürnberg hatten wir schon längere Zeit diskutiert und auch die DEL-Fanbeauftragte waren ganz klar der Meinung - wie auch nach den jetzigen Gesprächen - das neu strukturiert werden muss. Ein Auf-, und Abstieg muss her, und zwar durchgehend von der DEL bis zur untersten Liga. Und nicht das es eine Liga mittendrin gibt, wo es keinen Auf,- und Abstieg gibt. Dazu haben wir auch gemeinsam ein Schreiben an die Funktionäre aufgesetzt.“

Kühn: „Es gibt in der DEL diese Strömungen, das hatte man auch schon auf dem Treffen in Nürnberg gemerkt, die so einer Entscheidung grundsätzlich nicht abgeneigt sind. Die grobe Tendenz war, und das war die einhellige Meinung vor und nach diesem Treffen, das es einen Auf-, und Abstieg geben muss und dazu parallel eine wirtschaftlich vernünftige Basis getroffen wird, sprich eine durchgehend strukturierte Lizenzierung. Auch seit letztem Freitag haben wir viele Meinungen eingeholt, wo es einhellig hieß dass dies der Genickbruch sein kann. Auch was die Laufzeit angeht. Wenn sich nichts ändert kann irgendwann die Ligenkultur komplett auf der Strecke bleiben.“

Mit Blick auf die diversen Foren, den vielen sozialen Netzwerken, ist von eurer Seite Verständnis für die harschen, heftigen und teils beleidigenden Reaktionen der Anhänger vorhanden?

Kühn: „Heftige Reaktionen, ja. Wir sind der Meinung dass man das Kind beim Namen nennen sollte. Es muss und darf aber nicht beleidigend ausfallen. Man muss Dinge so nennen wie man es fühlt. Beim besagten Treffen in Nürnberg hatten wir auch Gespräche mit Vertretern vom DEB, und da haben wir jetzt das Gefühl das einige Ideale verraten und verkauft worden sind. Da kann man nicht um den heißen Brei herum reden. Aber persönliche Beleidigungen sind nicht der Weg den wir gehen wollen.“

Bei all den Reaktionen und Äußerungen der Fans hat man das Gefühl, das viele Halbwahrheiten im Umlauf sind. Für viele ist die DEL der Buhmann, für andere Harnos der Verräter. Ist in diesem ganzen Durcheinander nicht dringend „Aufklärung“ von Nöten? Vielleicht in Form eines runden Tisches?

Kühn: „Das sich alle an einen Tisch setzen ist vielleicht ein guter Weg. Allein dadurch, dass es durch diese Entscheidung drei Parteien geworden sind, obwohl eigentlich der DEB die ESBG vertritt, gibt es drei verschiedenen Meinungen. Dazu kommen die Fangruppen, die von irgendwoher ihre Informationen hat. All das verursacht ein Chaos in der Meinungsbildung. Wir konnten auch nur versuchen uns flächendeckend ein Bild zu machen. Es ist wie bei der stillen Post, keiner weiß was am Ende heraus kommt. Auch sind bei solchen Entscheidungen keine Fanvertreter dabei sind. Das ist auch eine Forderung der EEHF, das Fans mit in Entscheidungen mehr mit einbezogen sind. Natürlich können wir nicht mit am Tisch sitzen wenn Verträge unterzeichnet oder Details ausgehandelt werden. Aber es sollten mindestens im Vorfeld die Meinungen angehört werden. Ich habe das Gefühl das weder die DEL noch der DEB sich genug auf diese Sachen vorbereitet haben, und auch nicht die Meinung der Fans abgegrast haben. Dazu hat man viel zu viel Zeit verstreichen lassen. Dass der Vertrag endet wusste man nicht erst seit Ende des letzten Jahres.“

Hartung: „Es ist logisch das es unterschiedliche Meinungen gibt. Jede Partei versucht jetzt sich in das Licht zu rücken, wo sie am besten dasteht. Mit dem DEB haben wir im Übrigen auch schon darüber geredet, ob bei solchen Verhandlungen nicht vielleicht einer oder zwei Fans mit am Tisch sitzen, um die Meinung der Fans zu vertreten. Fast jeder Verein bis zur Oberliga hat mittlerweile einen Fanbeauftragten. Als Reaktion kam vom DEB, das dies auf jeden Fall ein Weg wäre den man gehen könnte. Aber das konnten wir in der Kürze noch nicht so vorantreiben. Es ist noch nicht aus der Welt.“

Kühn: „Das ist ein ganz wichtiger Punkt für die Zukunft. Die Vereine und die Ligen entfernen sich in großen Teilen immer mehr von der Fanbasis. Der Fan wird nicht mehr als Fan wahrgenommen, sondern als Eventbesucher. Das Wirtschaftliche steht, zu einem gewissen Teil natürlich auch zu Recht, viel zu stark im Vordergrund. Die breite Fanmasse, die ja gleichzeitig wirtschaftlich auch Kunde ist, wird irgendwo außen vor gelassen. Da muss man gegensteuern.“

Wie hätte den aus Sicht der EEHF die ideale Lösung ausgesehen?

Kühn: „Wir müssen uns an Fakten halten. In Deutschland ist es zu 99 Prozent so, dass es einen sportlichen Wettbewerb gibt. Dieser muss eine Transparenz haben, und von unten bis oben eine durchgängige Sache sein. Natürlich muss es auch wirtschaftliche Regularien geben. Das heißt, wenn ein sportlicher Aufsteiger Kriterien nicht erfüllen kann, das dann wie zum Beispiel im Fußball der Absteiger in der Liga bleibt. Nur muss das von vornherein transparent sein. Nicht dass, wie man in diesem Jahr das Gefühl hat, wenn Schwenningen es geschafft hätte das die DEL bereitwilliger gewesen wäre sie aufzunehmen.“

Hartung: „Nicht nur das. Auch müssten Strukturen her, wo man über Jahre hinweg denselben Modus behält. Man kann die letzten Jahre durchgehen, da hatte man jedes Jahr einen anderen Modus. Selbst die Hardcorefans wissen zum Teil nicht wie ist der Modus, wie geht es weiter. Das kann doch nicht sein. Als Fans muss ich einen Modus haben der über Jahre Bestand hat, den ich verstehe und wo ich mich dran halten kann.“

Kühn: „Ich hab manchmal das Gefühl, das die Fans da mehr Weitblick haben als die Funktionäre. Die Fans untereinander sind sich da mehr einig, als man das bei Funktionären vermuten würde.“

Würde denn ein geregelter Auf- und Abstieg das Allheilmittel sein?

Kühn: „Nicht das komplette Allheilmittel. Es gibt verschiedenen Faktoren die da eine Rolle spielen müssen. Du kannst sowas nur dann machen, wenn du eine langfristige Struktur vom Grundsatz her bildest. Es macht keinen Sinn wenn du zum Beispiel sagst, du machst das eine Jahr eine einheitliche Oberliga, im nächsten Jahr machen wir vier Staffeln etc. Du musst irgendwann dahin kommen die regionalen Gesichtspunkte zu sehen. So müsste man das vom Grundsatz her aufbauen und wenn das gegeben ist, gibt es keinen anderen Weg als diese Aufstiegsregelung. Die DEL ist das beste Beispiel. Man kann über Jahre hinweg verfolgen wie sich die Zuschauerzahlen entwickelt haben wenn feststand, dass die Play-off´s nicht mehr in erreichbarer Nähe sind.“

Hartung: „Nicht nur das. Vor ein paar Jahren hat Duisburg am Ende den Großteil seiner Spieler weggegeben. Das ist Wettbewerbsverzerrung hoch sieben. Am Ende verkauft man seine Spieler weil man nicht absteigen kann.“

Steht ihr in Kontakt mit DEL, DEB, ESBG und anderen Fanvertretungen, um vielleicht den angesprochenen runden Tischen zu organisieren?

Kühn: „Wir haben gewisse Ideen und Vorstellungen was man machen kann. Es wäre aber jetzt noch verfrüht dazu was zu sagen, weil wir noch nicht konstant zu allen Parteien Kontakt haben. Klar ist das was passieren muss.“

Welche Aktionen sind von eurer Seite aus geplant um den Unmut der Fans in einer sinnvollen und konstruktiven Art und Weise darzustellen und Ausdruck zu verleihen?

Kühn: „Das Problem ist das solche Entscheidungen immer in die eishockeylose Zeit fallen. Es wäre natürlich leichter die Leute direkt zu mobilisieren wo jetzt der Dampf noch da ist. Leider ist zum Beispiel der erste Spieltag noch einige Zeit hin. Wir haben Vorstellungen, nur müssen die realisierbar sein. Wir merken jetzt in unseren ersten Schritten - vielleicht weil es in den letzten Jahren keine konstant, deutschlandweite operierende Fanvertretung gab - das dieses Kontakte ziehen, Meinung verbreiten etc., unheimlich schwer ist. Wie gesagt, wir haben da Pläne und Ideen. Da wird in den nächsten zwei Wochen was kommen.“

Hartung: „Wir werden auf jeden Fall die Sache nicht stillschweigend hinnehmen, sondern entsprechend reagieren. Darüber hinaus wollen wir auch, dass die Fans sich einbringen. Die Unterstützung ist auch schon außerhalb Hannovers da.“

Ihr schreibt in einem Kommentar auf eurer Homepage, dass ihr gegen den Kooperationsvertrag ankämpfen wollt. Wie wollt ihr das umsetzen?

Kühn: „Es macht keinen Sinn mit irgendeiner Idee vorzupreschen, ohne diese auf Umsetzung zu prüfen. Das wäre in der jetzigen Situation unserer Meinung nach das Fatalste, puren Aktionismus walten zu lassen, der sich nachher vielleicht umdreht und das Gegenteil bewirkt. Die Chancen es umzusetzen hängen davon ab, ob den Funktionären und den Fans wirklich was am deutschen Eishockey liegt. Verweigert sich irgendwer dieser Perspektive und dem Gedanken, das es um das deutsche Eishockey geht, wird es schwer.“