„Es ist der verkehrte Zeitpunkt“Christof Kreutzer im Hockeyweb-Interview

Christof Kreutzer ist nun Sportdirektor der Schwenninger Wild Wings.  (Foto: dpa/picture alliance)Christof Kreutzer ist nun Sportdirektor der Schwenninger Wild Wings. (Foto: dpa/picture alliance)
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Herr Kreutzer, wie haben Sie die außergewöhnlichen letzten Wochen und Monate erlebt?

„Außergewöhnlich (lacht) – im Ernst, ich habe mir meinen Arbeitsantritt hier natürlich anders vorgestellt, als er jetzt vonstattenging.“

Was denken Sie über die gravierenden Einschränkungen? Es gab und gibt vielerorts Demonstrationen für die Einhaltung des Grundgesetzes. Sind Sie politisch interessiert?

„Ich bin schon politisch interessiert. Aber ich denke, der Lockdown war aus meiner Sicht letztlich schon gerechtfertigt. Man hatte mit einem Virus zu tun, den bis dato keiner kannte und richtig einschätzen konnte. Natürlich waren das für uns alle tiefe Einschnitte, die jeder Einzelne massiv gespürt hat. Jetzt glaube ich aber, dass wir Schritt für Schritt, mit der nötigen Disziplin, wieder in geordnete Bahnen zurückkehren.“

Sie sind nun Sportdirektor in Schwenningen. Wie ist es zu dieser Zusammenarbeit gekommen?

„Schwenningen hat sich sehr um mich bemüht und ich habe eine gute Basis für eine gute Zusammenarbeit gesehen.“

Was macht den Standort Schwenningen für Sie besonders?

„Es ist sicherlich auch ein Traditionsverein, was ich sehr mag. Eishockey spielt hier eine große Rolle. Es ist ein sehr emotionales Umfeld. Ich lebe Eishockey auch sehr emotional, deshalb passt das sehr gut. Schwenningen ist eine Herausforderung, aber genau das liebe ich.“

Schwenningen gilt als Kellerkind der DEL. Mit welchen Ambitionen treten Sie in die Fußstapfen von Jürgen Rumrich?

„Ich will versuchen, eine Mannschaft zu formen, die eine Gewinnermentalität hat. Ich bin trotz der aktuellen Einschränkungen sehr zuversichtlich, dass wir eine schlagkräftige Truppe in Schwenningen zusammenstellen werden. Außerdem glaube ich, dass die Stimmung in der Arena nach dem Umbau noch intensiver sein wird, als sie ohnehin schon war. Das könnte ein weiterer Mosaikstein für eine erfolgreiche Saison sein.

Niklas Sundblad ist der Cheftrainer. Wie klappt die bisherige Zusammenarbeit? Haben Sie schon gemeinsam in einem Club gearbeitet?

„Nein, wir arbeiten jetzt zum ersten Mal zusammen und das klappt bislang sehr gut. Wir legen auf viele Dinge gleich viel Wert. Wir sind beide hungrig erfolgreich zu sein. Das ist schonmal eine gute Basis, um gemeinsam Erfolg zu haben.

Inwiefern mischen Sie sich in Niklas Sundblads Trainerarbeit ein?

„Es wäre falsch, sich da groß einzumischen. Ich vertraue ihm und lasse ihm freie Hand. Wir tauschen uns natürlich intensiv aus. Meine Einstellung ist grundsätzlich so, dass eine gute Kommunikation untereinander einfach sehr wichtig.

Petri Liimatainen bat um Vertragsauflösung. Wie sehr schmerzt der Abgang des bisherigen Co-Trainers? Und wie sieht es mit dem Nachfolger aus?

„Es ist natürlich sehr schade, nicht nur, dass er hier nicht mehr weitermachen kann, weil Niklas und Petri sehr erfolgreich zusammengearbeitet haben. Das wäre in dieser Konstellation ausgesprochen gut für uns gewesen. Aber seine Entscheidung ist mehr als verständlich und wir nehmen die Situation jetzt so wie sie ist. Wir sprechen mit einigen potenziellen Kandidaten. Der Co-Trainer ist für den Headcoach Vertrauensperson Nummer eins.“

Ist es das erste Mal in ihrer Karriere, dass Sie ausschließlich als Sportdirektor fungieren? Werden Sie die Tätigkeit auf dem Eis und direkt an der Bande nicht vermissen?

„Es ist das erste Mal, dass ich ausschließlich das Management mache. Ob ich die Arbeit auf dem Eis vermissen werde? Wahrscheinlich schon. Aber beide Jobs machen mir sehr viel Spaß und deshalb habe ich mich jetzt für den entschieden, was ja nicht bedeutet, dass ich für immer und ewig nicht mehr an die Bande zurückkehre.

In jüngster Vergangenheit wurde viel über die Gehaltseinschränkungen der Spieler diskutiert. Wie sehen sie die Sache?

„Wir haben im Moment eine besondere Zeit und es ist ja nicht so, dass es nur um Schwenningen geht. Es ist ja ein globales Thema. Die ganze Weltwirtschaft ist davon betroffen und wir müssen halt sehen, dass wir für unseren Club, aber auch für die gesamte Sportart, die Schritte gehen, die wir gehen müssen, damit wir weiter existieren und auf dem bestmöglichen Niveau Eishockey spielen können. Es gibt da viel zu beachten. Die Spielergehälter machen da den größten Teil aus, von daher war das unser erster Schritt. Da sich für uns Spiele ohne Zuschauer finanziell nicht rechnen, waren wir fast schon gezwungen, diesen Weg zu gehen.“

Befürworten Sie die Gründung einer Spielergewerkschaft?

„Ich war als Spieler selbst Gründungsmitglied der ersten Gewerkschaft, die es in Deutschland gab. Da kamen damals viele Dinge zusammen. Mit dem Bosman-Urteil brach das Gerüst, welches die Spielergewerkschaft getragen hat, auseinander. Aber generell ist es sicherlich nicht das Schlechteste, so etwas zu haben. Wenn wir vor der aktuellen Krise eine stabile Gewerkschaft gehabt hätten, wäre es für alle Beteiligten sicher leichter gewesen, miteinander zu kommunizieren, und einige Dinge, die jetzt auch in den Medien breitgetreten wurden, wären so in der Form nicht geschehen. Jetzt, in diesem Prozess, eine Gewerkschaft zu gründen, ist für mich der verkehrte Zeitpunkt. Es hat in dem Moment nur noch mehr Öl ins Feuer gegossen. Für die Zukunft ist das aber definitiv etwas, worüber man nachdenken muss.

 Werden Sie auf einen Teil ihres Gehaltes verzichten?

„Hier in Schwenningen wird jeder seinen Teil beitragen, vom Office über das Management bis hin zum Geschäftsführer. Spieler, Trainer – jeder muss seinen Beitrag leisten. Da bin ich nicht von ausgeschlossen.“

Zuletzt waren Sie zwei Jahre in Bad Nauheim beschäftigt. Wie sehen Sie die Zeit in der Kurstadt insgesamt? Ihr Fazit?

„Insgesamt war es eine schöne Zeit, die ich nicht missen möchte. Ich habe sehr viele neue Erfahrungen gesammelt. Bad Nauheim selber ist mir durchaus auch ans Herz gewachsen. Es hat sehr viel Spaß gemacht. Ich habe viele nette Leute kennengelernt und auch die Kurstadt ist sehr schön. Kurze Wege und ich habe nie schlecht gegessen, egal wo ich war. Vom Hockey her habe ich einen sehr guten Einblick bekommen, was auch die zweite Liga betrifft. Auch was die Entwicklung angeht. Wenn ich die beiden Jahre so vergleiche, dann finde ich schon, dass die Liga eine gute Entwicklung genommen hat. Es ist eine sehr gute Plattform für junge deutsche Spieler, um sich zu präsentieren und zu entwickeln. Eine gute Schule, in der man sieht, wer bereit für die erste Liga ist.“

Hatten Sie überlegt noch ein drittes Jahr in Hessen dranzuhängen?

„Ja – das war absolut Teil meiner Überlegungen. Wir waren da auch im Austausch. Ich habe aber nie einen Hehl daraus gemacht, wie gerne ich in die erste Liga zurückkehren möchte. Wobei da auch nicht jeder Club für mich in Frage kam. Bad Nauheim wusste immer Bescheid, wenn sich die richtige Möglichkeit für mich ergibt, dass ich diese dann auch annehmen werde.“

Zum Abschluss: Glauben Sie, die DEL-Saison wird regulär im September beginnen können?

„Ich hoffe es. Die ganzen Lockerungen, die positiven Entwicklungen sind gut für uns. Wir wollen abwarten, was da weiterhin passiert und am geplanten Start festhalten. In den nächsten zwei, drei Wochen wird man sicherlich wissen, ob das realisierbar ist.“

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