"Eishockey war viele Jahre sehr gut zu mir" - Shulmistra beendet Karriere

Klare Worte bei den AdlernKlare Worte bei den Adlern
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Nach elf Profijahren, 403 Spiele in NHL, AHL, IHL und DEL, darunter zwei DEL-Spielzeiten bei den Eisbären und eine bei den Mannheimer Adlern, hat Richard Shulmistra im Alter von 33 Jahren seine Schlittschuhe an den Nagel gehängt. Hier ein Interview mit dem zurückgetretenen Ex-Adler-Keeper von der offiziellen Adler-Homepage (www.adler-mannheim.de):

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Richard, wie geht’s Dir?

Mir geht’s gut, danke. Ich habe mein übliches Sommertrainingsprogramm absolviert, also fühle ich mich gut und wirklich fit und bereit, jeden Tag anzugreifen.


Wie war Dein Sommer?

Der Sommer war gut. Es war hier in unserer Gegend nicht so warm, wie es normalerweise ist. Das hat mir gut gefallen. Ich mag große Hitze und hohe Luftfeuchtigkeit nicht. Ich mag moderate Temperaturen. Ich war auch ganz schön beschäftigt. Wenn man aus Europa zurückkommt, muss man viele Sachen rund ums Haus erledigen; viele Freunde und Nachbarn treffen. Und mit der Familie verbringe ich natürlich dann auch viel Zeit. Unsere Kinder (MacKenzie und Jackson) werden langsam älter und man kann jetzt schon mehr mit ihnen unternehmen.


Ich habe gehört, dass Du kürzlich einen Vertrag unterschrieben hast. Würdest Du verraten wo?

Ja klar. Ich habe bei einem Team namens Wells Fargo unterschrieben. Sie sind im Westen der USA recht berühmt. Wir werden nach San Jose (Kalifornien) umziehen.


Das ist kein Eishockeyteam, oder doch?

Ha, ha. Nein, ist es nicht. Wells Fargo ist ein großer Finanzdienstleister - mit Bankservice, einer Versicherungsabteilung, aber auch Service auf den Gebieten Investitionen, Hypotheken und Verbraucherfinanzen. Sie haben über 5900 Filialen in Nordamerika und agieren natürlich auch international z.B. über das Internet. Ich werde in ihrer Bankverkehrsabteilung arbeiten, vor allem im Großkundengeschäft. Hier bekomme ich die Aufgaben eines Analytikers für Handelskredite. Ich werde zum Kundenbetreuer ausgebildet werden, um später raus

zu gehen, Leute zu treffen und mittelgroße Darlehen zu betreuen. Mein Büro wird direkt in San José sein. 


Warum hast Du Dich entschieden, Deine Schlittschuhe an den Nagel zu hängen?

Es ist unmöglich dafür nur einen Grund zu nennen. Im Februar habe ich länger darüber nachgedacht, was in meinem Leben so los ist. Ich war nicht glücklich. Als meine Frau und ich uns entschieden, mit der Familie nach Europa zu kommen, damit ich hier spielen kann, waren wir begeistert. Wir waren froh, Teile der Welt kennen zulernen, über die man sonst nur in Büchern liest. Wir konnten Dinge erleben, die sonst für uns nicht möglich gewesen wären. Aber auf der Arbeit in der letzten Saison wurde es schwierig den Spaß am Eishockey zu behalten. Also habe ich angefangen mir Gedanken zu machen.

Meine Kinder kommen in zwei Jahren in die Schule. Ich würde sie gerne an einem Ort einschulen, an dem wir für eine längere Zeit wohnen. Dann können sie Freunde suchen und finden. Alles kann für die Familie beständiger werden. Als ich also gleichzeitig mitbekam, dass mir die Arbeit keinen richtigen Spaß mehr macht, warum sollte ich also noch Eishockeyspielen…?

Da habe ich mich daran erinnert, dass ich da ja noch meinen Uni-Abschluss habe. Ich habe das quasi als Versicherung gemacht, falls ich mich einmal verletze und nicht mehr weiterspielen kann. Ungefähr in der gleichen Zeit, also im Februar haben sich meine Knie zum ersten Mal gemeldet und 'Hello' gesagt. Es kam einfach alles zusammen. Es war Zeit, den nächsten Schritt zu machen.


Wirst Du Eishockey vermissen?

Aber natürlich! Ich habe 29 Jahre (von 33) meines Lebens Eishockey gespielt. Es hat mein Leben bestimmt. Meine Weihnachtspläne wurden von Turnieren oder Spielen bestimmt; dasselbe bei

Thanksgiving. Kein „Spring break“, weil wir ein Spiel hatten. Eishockey ist was ich bin. Ich liebe Wettkämpfe, liebe es zu arbeiten und alles zu geben, was ich habe. Ich mag die Kameradschaft mit den Jungs in meiner Mannschaft. Das kann man nicht ersetzen. Manchmal guckt man sich an und weiß wie doll es weh tut, aber man opfert sich trotzdem für das Team auf. Das bleibt für immer.

Eishockey war viele Jahre sehr gut zu mir. Hat mich an Orte gebracht, von denen ich nicht einmal geträumt habe, hat mich ausgebildet und es mir erlaubt meine Familie zu unterstützen. 


Was war die beste Zeit in Deiner Karriere? Woran erinnerst Du Dich gerne zurück?

Es gibt viele Dinge, an die ich mich erinnere. Ich habe immer davon geträumt, in der NHL zu spielen. Das habe ich geschafft. Ich habe an der Miami University (Ohio) eine gute Ausbildung erhalten und hatte dort vier tolle Jahre. Ich habe Europa gesehen: Meine Familie liebt Berlin! Ich habe in drei Ländern gelebt und Freunde überall auf der Welt. Ich habe Wayne Gretzky getroffen und einen seiner Schlagschüsse gehalten.

Ich erinnere mich genau. ‚Als ich den Puck gefangen hatte, schaute ich in meinen Handschuh und dachte ich habe gerade Wayne Gretzky gestoppt…’

Ich erinnere mich ebenso an die Leute und Dinge, die meine Leben verändert und meinen Charakter geprägt haben. Mein Trainer an der Uni, George Gwozdecky und mein GM in New Jersey Lou

Lamoriello waren fantastische Vorbilder. Beide haben mir verschiedene Aspekte von Professionalität, Hingabe und Arbeitsauffassung beigebracht. Ich schätze sie sehr. Sie brachten mich viel weiter, als ich selbst dachte zu kommen. 

Ich fühle mich in gewisser Weise gesegnet.


Bleibst Du dem Eishockey in irgendeiner Form verbunden?

In den letzten drei Sommern habe ich ehrenamtlich in dem Jugendeishockeyclub hier in meiner Gegend geholfen. Ich habe Torhüter trainiert und den Coaches gezeigt, wie sie Torhüter trainieren sollten. Ich habe auch mit den etwas älteren gearbeitet. Seit 1990 habe ich außerdem bei verschiedenen Hockeyschools mitgearbeitet, z.B. bei den Huron Hockey

Schools. Ich weiß nicht genau, wie es in San José mit dem Nachwuchseishockey aussieht. Aber ich werde es herausfinden und dort vielleicht auch etwas mithelfen. Außerdem bin ich natürlich gespannt, was meine Kinder im Sport so machen werden. 


Willst Du den Eishockeyfans in Deutschland noch irgendetwas sagen?

Hmmmm, darüber habe ich noch nie nachgedacht. Sie haben mich wirklich sehr gut behandelt. Ich persönlich, konnte mich überhaupt nicht beschweren. Es ist hart, das Gefühl zu beschreiben, das man bekommt.

Stell Dir vor, Du bist auf der Arbeit: Wenn Du etwas gut machst, jubeln 6000 Leute! Wenn Du etwas schlecht machst, sagen wir, Dich vertippst oder einen Fehler im Betrieb machst, dann buhen Dich 6000 Leute aus. Wir haben alle schon einmal gesehen, wie einer Kellnerin ein Glas heruntergefallen ist und wissen, wie erniedrigt sie sich fühlte. Stell Dir vor, 6000 Leute würden sie auspfeifen und sie noch mehr runtermachen. Es ist hart. Die Fans in Deutschland haben das nie mit mir gemacht. Sie haben mir hoch geholfen, wenn ich am Boden lag und haben mich noch höher gehoben, als ich oben war. Das war toll!

Manchen Fans, vor allem in den Auswärtsstadien möchte ich sagen: nehmt es nicht so persönlich. Es kam öfter bei einer Auswärtsfahrt vor, dass

ich beim Verlassen des Busses angepöbelt wurde. Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich den Typen dann angeguckt habe und mir gedacht habe ‚Wer bist Du? Warum bist Du wütend auf mich?’ Ich hätte es ja eingesehen, wenn ich ihm oder den Spielern seiner Lieblingsmannschaft etwas angetan hätte, aber ich trug nur ein anderes Trikot. Warum diese

Feindschaft?

Ich werde diese Person nie wieder sehen. Ich denke nur, was für ein Vorbild bist Du für Kinder? Und wenn es uns andere Teams nicht geben würde, gäbe es in Deiner Stadt auch kein Eishockey. Es ist manchmal schockierend, weil man den Einzelnen ja nicht einmal kennt.


Viel Glück für die Zukunft!

Danke, das kann ich gebrauchen! Beste Wünsche an Alle… Berlin und Mannheim waren schön, ich werde immer gerne an diese Zeit zurückdenken.


(Vielen Dank an Daniel Goldstein für das Interview)

(Quelle: http://www.adler-mannheim.de/aktuelles/news.php?d[nr]=503)