Eisbären: Mit dem „Gesellschaftssonderzug“ zur Brehmstraße

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Am frühen Sonntagmorgen glich der Bahnhof im Stadtteil Lichtenberg einem Ameisenhaufen - einem sehr bunten Ameisenhaufen. Mehr als 600 Fans des EHC Eisbären Berlin trafen sich dort, um mit dem alljährlich stattfindenden Sonderzug ihrer Mannschaft nach Düsseldorf nachzureisen und stimmgewaltig zu unterstützen. Die Bäckerei auf der Tiefgeschossebene des Bahnhofs durfte sich wahrscheinlich seit langem einmal wieder über einen immensen Umsatz freuen. Prompt schlugen einige Eisbärenfans die diensttuenden Verkäuferinnen zu Mitarbeitern des Monats vor. Literweise Kaffee wurde ausgeschenkt und dutzende Semmeln und belegte Brötchen wanderten über den Ladentisch.


Als Ziel des Sonderzuges war diesmal die Düsseldorfer Brehmstraße und das Spiel gegen die DEG von den Fans auserkoren worden. Mit diversen „Kaltgetränken“ und sonstiger Verpflegung gut gerüstet, setzte sich der Tross um 6.10 Uhr in Richtung nordrhein-westfälische Landeshauptstadt in Bewegung. Im sogenannten Sambawagen sorgten die DJ´s vom Carrera-Klub, Tim und Spencer, für die unerlässliche musikalische Untermalung. Die Stimmung an Bord war gut. Alle waren sich einig, dass der freitägliche 4:1-Sieg gegen die Frankfurt Lions einen sehr wesentlichen Anteil daran hatte. Denn nicht nur der gebotene Sport war hochklassig, sondern auch die Atmosphäre im Wellblechpalast sorgte für zusätzliche Motivation, der sogenannten „gelb-roten Wand“ an der altehrwürdigen Brehmstrasse zu zeigen, wie in Berlin Eishockey gefeiert wird. Sieben Stunden lang hatten die Reisenden in Sachen Eishockey Zeit sich in Stimmung zu bringen und die wurde erfolgreich genutzt, wie sich nach der Ankunft in Düsseldorf erweisen sollte.


Unter den verwunderten Blicken der zum Kaffeekränzchen bei der lieben Verwandtschaft unterwegs befindlichen Einheimischen, ergoss sich eine Flut bestgelaunter und buntgewandeter Hauptstädter über die Halle des Düsseldorfer Hauptbahnhofs. Auf dem Vorplatz kam es sogleich zu Kostproben aus dem umfangreichen Liedgut der Eisbären-Anhängerschaft, in welches auch die bereits zur Unterstützung der Eisbären anwesenden Fans der Krefeld Pinguine einstimmten. Die einfahrende „Sonderstraßenbahn“ wurde schnell geentert und ab ging es in Richtung Eisstadion an der Brehmstrasse. Dort traf man dann auch auf die Insassen des zusätzlichen Fanbusses, die sich separat aus der Bundeshauptstadt auf den Weg gemacht hatten, um nach dem Spiel des eigenen Teams auch noch nach Krefeld weiterzufahren. In der nur wenig entfernten Seidenstadt sollten die Play Down-gefährdeten Pinguine zum Sieg über die Kölner Haie supportet werden. Leider reichte die stimmliche Unterstützung der Berliner nicht aus, den schwächelnden Meister der Vorsaison zu einer erfolgbringenden Leistung zu schreien und zu trommeln - die Krefelder unterlagen den Haien 2:5.


Zuvor hieß es jedoch die Eisbären gegen den Altmeister DEG vorwärts zu treiben, auf dass die jüngst zurückgewonnene Tabellenführung verteidigt würde. Das gelang eindrucksvoll! Dabei sah es gleich zu Beginn des Spieles gar nicht danach aus, dass die Eisbären alle drei Punkte mit nach hause nehmen könnten. Schon nach 42 Sekunden traf Jeff Tory nach Vorarbeit von Thuresson und Kreutzer zur frühen 1:0 Führung für den Gastgeber. Auch in der Folge bestimmten die Metro Stars das Geschehen auf dem Eis und Rich Parent musste sich zu allerhöchster Top-Form aufschwingen, um die Mannen von DEG-Coach Michael Komma nicht mit einem größeren Vorsprung davon eilen zu lassen. Als sich die Düsseldorfer gedanklich schon auf den Pausentee vorbereiten, gelang Denis Pederson neun Sekunden vor der ersten Sirene nach tollem Shearer-Pass von der Hintertor-Bande überraschend der 1:1 Ausgleich.


Das Pederson-Tor war für die Berliner ein wahrer Weckruf. Fortan bestimmten sie im Mittelabschnitt das Spiel. Mit hoher Laufbereitschaft und viel Einsatz setzten sie die Komma-Truppe derart unter Druck, dass die nicht mehr zu ihrem guten Spiel des ersten Drittels fand. Auch lautstärkemäßig neigte sich die Waage so langsam zugunsten der Eisbärenfans. Enthusiastisch feuerten sie ihr Team, unterstützt von 30-40 KEV-Fans, an und trieben es immer weiter nach vorn. Nur ab und an übertönte das „Heja, heja DEG!“ die Lautstärke des Gästeblocks. Erstaunlich, standen den ca. 1000 EHC-Jüngern doch 7000 heimische Fans gegenüber. Diese hatten ihre Sprechorgane wohl offensichtlich auf der letzten Karnevalssitzung verschlissen.

In der 26. Spielminute wurden die gemeinsamen Bemühungen der Eisbären und ihrer Fans endlich belohnt: Nach einem von DEG-Goalie Trefilov nach vorne abgewehrten Aldridge-Schuss versenkte Youngster Alex Barta den Rebound bei eigener Überzahl abgezockt zur erstmaligen Berliner Führung. Das vorentscheidende 3:1 für den EHC erzielte Kapitän Ricard Persson, der von halbrechts ein Zuspiel über die Stationen Shearer und Beaufait verwertete und den Puck präzise unter die Latte nagelte (29.). Von nun an hieß es Party ohne Ende in der Eisbären-Kolonie!

„Bernie“ Parent parierte bis zum Ende der Begegnung alles, was die DEG-Cracks auf sein Tor feuerten - und das war bei weitem nicht wenig. Die Metro Stars mühten sich redlich, doch zu viele Ungenauigkeiten schlichen sich in ihr Spiel ein. Selbst bei einer längeren 5 gegen 3 Überzahlsituation im letzten Drittel gelang ihnen kein Treffer mehr, der das Spiel sicher noch einmal spannend gemacht hätte. So aber verwalteten die Eisbären ihren Vorsprung erfolgreich bis zur Schlusssirene.

Zuletzt hatten die EHC-Fans oft kritisiert, dass sich ihre Mannschaft nach Auswärtsspielen nicht hinlänglich für ihren Support bedanken. Am Sonntagnachmittag war das anders: Alle Spieler hoben ihre Schläger in Richtung Fanblock, applaudierten und kamen sogar zur gemeinsamen Welle nochmals aufs Düsseldorfer Eis. Einer genoss die ihm geltenden Fan-Huldigungen besonders - Rich Parent. Runde um Runde drehte der über das ganze Gesicht lachende Kanadier und animierte die Berliner Anhänger zu einer Vielzahl von Wellen.


EHC-Coach Pierre Pagé sagte, nach den Fans gefragt: „1000 Eisbärenfans waren heute so gut für uns! Die Fans sind immer da, überall. Sie geben uns so viel Energie und Motivation. Sie sind unsere Inspiration! Vor dem Spiel am Freitag gegen Frankfurt waren wir sehr nervös, aber sie haben uns geholfen“. Nationalverteidiger Rob Leask meinte gar: „Also ich weiß ja nicht, aber streckenweise fühlten wir uns heute, als würden wir zu hause im Wellblechpalast spielen.“

Und so machten sich die EHC-Fans zufrieden und noch besser gelaunt auf den Heimweg. Auf dem Bahnsteig wurde nochmals das legendäre „UFFTA“ zelebriert, was sogar die Gesetzeshüter des BGS veranlasste die Welle mit den Eisbärenfans zu machen. Unter großem Gelächter wurde das von der „Bahnhofsansagerin“ als „Gesellschaftssonderzug“ angekündigte Verkehrsmittel bestiegen und die Party dort bis zur Ankunft in Berlin fortgesetzt. Bis dahin war darüber Einstimmigkeit hergestellt, dass dieser Ausflug ein voller Erfolg war. Nebenbei sei erwähnt, dass die Eisbären noch nie ein Spiel verloren zu dem ein Sonderzug auf die Schienen gebracht wurde. Nicht nur aus diesem Grund ist eine Wiederholung bereits jetzt beschlossene Sache.

Anmerkung: Einen Wermutstropfen gab es jedoch: Viele Teilnehmer mussten nach Wiederbesteigen des Zuges feststellen, dass sich dreiste Langfinger an ihrem Eigentum zu schaffen gemacht hatten. Jacken, Rucksäcke und diverse Wertgegenstände, die unvernünftigerweise zurückgelassen wurden, sind verschwunden währenddessen der Zug auf einem Abstellgleis geparkt war. Für die Geschädigten bleibt zu hoffen, dass sich die Versicherungen zur Schadensregulierung bewegen lassen. Die Anzeigen gegen Unbekannt werden dagegen wohl erfahrungsgemäß im Sande verlaufen. (mac/REK)

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