Eisbären: Jünger - Schneller – Aggressiver

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Beim Berliner DEL-Klub EHC Eisbären neigt sich nun auch für die Öffentlichkeit spürbar die Sommerpause dem Ende entgegen. Am gestrigen Mittwoch luden die Hohenschönhausener die Presse zum vorsaisonalen Aufgalopp. Dass sich der EHC in den zurückliegenden Wochen mit Informationen eher dezent im Hintergrund hielt, verfehlte nicht die vielleicht gewünschte Wirkung – das Interesse der Pressevertreter war groß, weshalb man sich entsprechend zahlreich in der an der Konrad Wolf – Straße gelegenen Sportsbar „Overtime“ einfand.

Manager Peter John Lee eröffnete bestens gelaunt die Gesprächsrunde mit dem Hinweis an seine Gäste, dass „bei uns die Saison weder Anfang noch Ende hat, immer gearbeitet wird, auch wenn es zwischenzeitlich mal etwas ruhiger ist“. Der ehemalige DEL-Star zog ein positives Resümee über die Aktivitäten der Eisbären in den letzten Wochen und Monaten: „Wir sind sehr zufrieden, was wir bisher im personellen Bereich, insbesondere bei den Verpflichtungen ausländischer Spieler, erreicht haben. Es ist aber durchaus möglich, dass wir noch mal etwas tun.“ Offen ließ Lee, auf welcher Position er eventuell noch Nachbesserungsbedarf sieht. Der rührige Eisbären-Manager konnte diesen Umstand jedoch schlüssig begründen: „Wir arbeiten nun bereits in der zweiten Woche mit zahlreichen jungen Spielern in unserem Sommercamp. Die daran beteiligten Trainer, Pierre Pagé, Hartmut Nickel, Andreas Gensel, Torwarttrainer Gil Lefebvre und auch ich selbst, sind überaus überrascht, mit welch hoher Intensität und Disziplin die dort versammelten ca. 40 jungen Spieler arbeiten. Die letzten Tage auf dem Eis haben uns wirklich viel Spaß gemacht. Es ist nicht auszuschließen, dass sich der ein oder andere junge Bursche massiv aufdrängt und uns überrascht, wie in der vergangenen Saison Jens Baxmann (35 DEL-Einsätze). Die Jungs spüren, dass sie bei uns eine wirkliche Chance bekommen.“

Nach den doch bemerkenswerten Verpflichtungen der beiden Talente aus der Mannheimer Eishockeyschule, Juniorenauswahl-Torhüter Youri Ziffzer und Sturmtalent Christoph Gawlik, konnten die Eisbären mit Nils Liesegang aus Krefeld ein weiteres hoffnungsvolles Talent unter Vertrag nehmen. Der erst seit kurzem 17 Lenze zählende Stürmer erhält eine Förderlizenz und ist sowohl für das DNL-, Oberliga- und DEL-Team spielberechtigt. In den vergangenen zwei Spielzeiten verbuchte Liesegang in 70 DNL-Begegnungen 41 Tore und 82 Assists und empfahl sich so nachhaltig für ein Engagement bei den Eisbären. DEL-Chefcoach Pierre Pagé räumt dem auf der linken Seite stürmenden Ex-Krefelder durchaus Chancen ein, im DEL-Kader zum Einsatz zu kommen. Für Pagé verkörpert Liesegang, aber auch Norman Martens oder Christoph Gawlik, den Spielertypus, der die Spielweise des EHC Eisbären in naher Zukunft bestimmen soll: jung – schnell – aggressiv.

Gefragt, welche Umstände dazu führen, dass nun doch etliche auswärtige Talente den Weg zu den Eisbären finden, führt Manager Lee an: „Sicher, einige DEL-Klubs verfügen inzwischen wie wir über Farmteams (z.B. Krefeld – Duisburg; Mannheim – Heilbronn –Anm. d. A.), sowie die Möglichkeit der schulischen und beruflichen Weiterbildung, allerdings nicht alles so dicht beieinander an einem Ort wie hier bei uns. Die Jungs können direkt vom Training zur Schule gehen und umgekehrt. Nicht zuletzt ist der Einsatz in der DNL, Oberliga und DEL möglich und Pierre kann die Jungs jederzeit selbst beobachten – eben alles ohne lange Wege. Dieser Standortvorteil ist natürlich auch für die Eltern der Spieler interessant und ein wichtiges Argument, ihre Jungs bei uns unter zu bringen.“

Aber auch Berliner Eigengewächse, wie Marvin Tepper stehen unter besonderer Beobachtung des Trainerstabes. Ihm attestiert Pagé ein unglaubliches Talent, mahnt jedoch gleichzeitig an, dass Marvin und dessen Altersgenossen kontinuierlich die notwendige Motivation aufbringen müssen sich zu verbessern.

Nicht zu vergessen, mit Keeper Lukas Lang verließ nur ein Mitglied der in der Vorsaison von der Presse liebevoll „Kindergarten“ genannten Gruppe der jungen Shooting Stars die Eisbären. Das ausgewiesene Torwarttalent versucht sein Glück nun unter Neu-Nationaltrainer Greg Poss in Nürnberg. Die Hoffnungsträger Tobias Draxinger, Florian Busch, Jens Baxmann, André Rankel, Matthias Forster und Frank Hördler aber blieben den Eisbären erhalten. Von ihnen erwarten die Verantwortlichen nun den Schritt zum nächsthöheren Level, zumal sie um die Erfahrung einer mehr als bewegten Saison reicher sind.

Dass die Pflege dieses „Jugendstils“ in Hohenschönhausen nicht vom Zufall diktiert ist, sondern ein langfristig angelegter Plan dahinter steht, belegt Pagé mit folgenden Zahlen: „In den zurückliegenden drei Spielzeiten haben wir unsere Mannschaft konsequent verjüngt. In der Saison 2001/02 hatte der Kader der Eisbären einen Altersschnitt von 26,43 Jahren; in der darauffolgenden Saison 25,43; 2003/04 waren es 24,29 Jahre und in die bevorstehende Spielzeit gehen wir mit einem Team, dass lediglich 23,12 Jahre auf dem Buckel hat. Und dennoch verfügen wir mit Spielern wie z.B. Denis Pederson, Ricard Persson, Stefan Ustorf und Shawn Heins über sehr erfahrene Cracks, welche die jungen führen können.“

Peter John Lee rundet die Aussagen des Trainers ab: „Mit den Juniors in der Oberliga haben wir die Lücke zwischen DNL und DEL geschlossen. Ziel des Oberliga-Teams ist zu aller erst die Ausbildung der Förderlizenzspieler, sie sollen sich für Profiverträge anbieten, Anschluss an den DEL-Kader finden. Als Phillip Anschutz im Juni in Berlin weilte, stellten wir ihm unser Konzept vor und er war begeistert. Allerdings würden wir uns freuen, wenn wir weitere Sponsoren fänden, die unser Nachwuchsprojekt unterstützen wollen. Wir investieren sehr viel in die Talentförderung und könnten darüber hinaus für jeden einzelnen Spieler noch mehr tun, wenn wir die Mittel zur Verfügung hätten.“



Die guten Trainingsvoraussetzungen bei den Eisbären sprechen sich offensichtlich auch im Ausland herum. Mit dem 1980 in Budapest geborenen Goalie Levente Szuper nimmt derzeit ein ambitionierter Puckfänger mit Überseeerfahrung am Trainingsprogramm der Eisbären teil. Am Ende der Saison 98/99 wurde er zum besten Torsteher der kanadischen Nachwuchsliga OHL gekürt. Der diesjährige Stanley Cup-Finalist Calgary Flames draftete Szuper im Jahre 2000 in der 4. Runde an 116. Stelle, zahlreiche Einsätze in den Minor Leagues AHL und ECHL für die Saint John Flames, Worchester Ice Cats und die Peoria Rivermen finden sich in seiner Vita. Sogar Wellblechpalast-Luft schnupperte der Ungar vor Jahren schon, als er als Steppke mit seinem Heimteam an einem Nachwuchsturnier im Sportforum teilnahm. Auch hier wurde er übrigens als bester Torhüter ausgezeichnet. Manager Peter John Lee zum Thema Szuper: „Da halten wir uns alle Optionen offen. Wir haben ihn eingeladen und ihn für die Vorbereitungszeit mit einem Try Out-Vertrag ausgestattet.“ Neben Youri Ziffzer stellte Torwarttrainer Gil Lefebvre auch dem erst 24-jährigen Szuper Bestnoten aus. Eine überaus interessante Personalie also, deren Ausgang gelassen abgewartet werden darf.

Der entspannten Personalpolitik tragen auch die Fans der Eisbären Rechnung und geben ihrem Lieblingsklub trotz erneut verpasster Meisterschaft einen Vertrauensvorschuss, wie Pressesprecher Moritz Hillebrand zu berichten wusste: „Bisher haben wir ca. 1000 Dauerkarten an die Frau und den Mann gebracht, so viel wie nie zuvor zum vergleichbaren Zeitpunkt. Im letzten Jahr waren es insgesamt 1200. Dabei ist hervor zu heben, dass wir in dieser Saison erstmals ein Premium-Paket anbieten, welches die Playoffs preislich beinhaltet. Auf eine normale Dauerkarte ohne Playoffs kommen bisher ca. zehn verkaufte Premium-Pakete.“

Das wird auch Anschutz-Europa-Chef und Eisbären-Geschäftsführer Detlef Kornett freuen, der inzwischen seine Geschäftsräume von der Londoner Themse an die Berliner Spree bzw. die Ostberliner Renommiermeile Friedrichstraße verlegt hat, um bei der Umsetzung des Arena-Projektes am Ostbahnhof ständig am Ort des Geschehens sein zu können. Am Ende zweier informativer Stunden blieb also festzustellen: Für die Eisbären läuft aktuell offensichtlich sportlich wie wirtschaftlich alles nach Plan. (mac/ ovk)

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