Eisbären: Die Vergangenheit besiegen

Lesedauer: ca. 6 Minuten

Am vergangenen Wochenende fielen im Playoff-Viertelfinale der Deutschen Eishockey Liga die Würfel: In den jeweils sechsten Partien der Serien zwischen den Hamburg Freezers und Adler Mannheim, Kölner Haien und Frankfurt Lions, sowie den Nürnberg Ice Tigers und den Panthern aus Ingolstadt wurden die Gegner für die Vorschlussrunde gesucht und gefunden. Am Ende von zum Teil hart umkämpften Matches durften die Freezers, Lions und Panther nach den Berliner Eisbären ihren Halbfinaleinzug bejubeln. Der Vorrundendritte Hamburg trifft dort auf den Fünften aus Frankfurt und die Eisbären bekommen es mit dem diesjährigen Überraschungsteam, dem Tabellensiebten aus der Audistadt zu tun.



Der Halbfinalgegner der Eisbären landete zweifelsohne den größten Coup der ersten Play off-Runde. Die von Ex-Eisbärencoach Ron Kennedy betreuten Ingolstädter konnten die mit viel Vorschusslorbeeren in die „best of seven“-Serie gestarteten Ice Tigers ausschalten. Den zwei Auftaktniederlagen ließen die Panther dann vier unerwartete Siege in Reihe folgen und schickten so die Franken in den frühen Urlaub. Mit diesem Triumph im erst zweiten Jahr ihrer DEL-Zugehörigkeit sorgten die Oberbayern dafür, dass jenes DEL-Team ausgeschaltet wurde, gegen das die sonst sehr souveränen Berliner alle vier Vorrundenbegegnungen verlor. Damit wurde den Eisbären zwar scheinbar ein Problem aus dem Weg geräumt, jedoch gleichzeitig ein neues verschafft. Wie im Vorjahr bekommen es die Berliner im Halbfinale mit dem vermeintlich schwächsten Team zu tun. Dazumal scheiterten die Hohenschönhauser überraschend nicht nur am späteren Meister, den Krefeld Pinguinen, sondern auch an der eigenen Überheblichkeit.


Selbst die hartgesottensten Fans des Vorrundenmeisters beschleicht bei der nun erneut eingetretenen Konstellation das bange Gefühl, Vergangenes könnte sich wiederholen. Allerdings spricht bei allen Parallelen auch einiges dafür, dass sich die Mannen von Trainerfuchs Pierre Pagé nicht ein zweites Mal in ähnlicher Weise vorführen lassen. EHC-Manager Peter John Lee versuchte so auch die Normalität der Situation zu betonen: „Als Erster der Vorrunde spielst du im Halbfinale meistens gegen eine Mannschaft, die für eine Überraschung gesorgt und gerade einen Lauf hat."


Auch der Verlauf der bisherigen Saison selbst liefert einige schlagkräftige und den Eisbären-Anhang zur Gelassenheit mahnende Argumente: Von Anfang an hatten die Ostberliner in dieser Spielzeit mit massiven personellen Problemen zu kämpfen. Lange wirkten die Folgen des unsäglichen Schweden-Skandals nach. Spät kamen die betroffenen Routiniers Brad Bergen und Yvon Corriveau zurück ins Team und brauchten entsprechend Zeit, um zu alter Form und Normalität zurück zu finden. In der mit Bravour absolvierten Serie gegen den Altmeister DEG gehörten beide Cracks zu den Besten ihrer Mannschaft.


Zusätzlich verfolgte die Verletzungshexe die Eisbären mit lästiger Hartnäckigkeit:

Mit Kapitän Ricard Persson, David Roberts, den bei der WM in Finnland schwerverletzten Sven Felski, Florian Keller und später auch Kelly Fairchild und Denis Pederson, fielen Leistungsträger über lange Zeiträume aus. In nicht wenigen Punktspielen musste das Trainer-Duo Pagé/ Nickel bis zu neun Stammkräfte ersetzen. Das alles konnten die Eisbären bekanntlich durch das erstaunlich starke Auftreten ihrer Förderlizenzspieler kompensieren. Zwar sorgten die zahlreichen DEL-Einsätze und die ungewohnt große mediale Beachtung, mit reichlich Lob versehen, bei einigen Jungstars zwischenzeitlich zu unangebrachten Höhenflügen, doch wurde diesen Negativerscheinungen mit disziplinarischen Maßnahmen rechtzeitig vor den Play offs Einhalt geboten.


So sah sich DEG-Coach Michael Komma mit dem Fakt konfrontiert, dass sein Gegenüber Pierre Pagé in der kompletten Serie, in allen möglichen und noch so brenzligen Spielsituationen, konsequent vier bestens funktionierende Reihen ins Feld führen konnte. Young Guns wie Barta, Baxmann (als Vertreter des in diesen Tagen wieder ins Training zurückkehrenden Rob Leask) und Busch machten den Metro Stars erfolgreich die Hölle heiß. Sogar der bis dahin arg gescholtene Nils Antons zeigte endlich den zuvor häufig vermissten Biss. Weshalb die Verantwortlichen des EHC also mitunter schon mit dem Schicksal haderten, scheint sich nunmehr als Gewinn auszuzahlen. Nicht zu Unrecht behauptet man heute im Sportforum, über einen Kader zu verfügen, der weit mehr Tiefe besitzt als der vorjährige. Gerade in den Play offs ist das ein nicht zu unterschätzender Vorteil. Eröffnet er doch nicht nur personelle Alternativen, sondern auch taktische.


Dass das EHC-Team der Saison 2003/ 04 auch die notwendigen mentalen Fähigkeiten hat, wurde in Spiel 1 und 2 des Viertelfinals angedeutet. Auch nach Rückständen suchte man geduldig nach seiner Chance und als diese kam, wurde sie konsequent genutzt.

Sicher, momentan haben diese Einschätzungen in Bezug auf das bevorstehende Halbfinale eher noch hypothetischen Charakter - ein Stück weit gilt es für Pagé & Co. - mit einem Jahr Verspätung- auch die verloren gegangene Serie gegen Krefeld doch noch zu gewinnen, um ein für alle Mal das leidige Geschwafel vom Playoff -Trauma zu beenden!



Dennoch, nicht zu Unrecht dringen starke Töne aus Ingolstadt in die Hauptstadt.

Abgesehen davon, dass sich die Ingolstädter in der zweiten Hälfte der Vorrunde als eines der beständigsten Teams präsentierten, sie ließen auch in den Playoffs keinen Zweifel daran aufkommen, dass sie als Mannschaft gewachsen und mit dem notwendigen Charakter ausgestattet ist eine Serie von engen Spielen für sich entscheiden zu können. So sagte Panther-Coach Ron Kennedy im Hinblick auf die Auseinandersetzung mit dem EHC: „Ja, gegen die Eisbären sind wir der klare Außenseiter. Aber gegen die Nürnberger waren wir das auch!“ Die Eisbären sollten also gewarnt sein, galten die von den Ingolstädtern bezwungenen Ice Tigers unter deren jungem Trainer Greg Poss doch als die gelungene Kopie des Berliner Offensivsystems. Zumal mit Verteidiger Brad Byrym und Stürmerstar Cameron Mann zwei wichtige Cracks pünktlich zum Serienbeginn im Panther-Kader zurück erwartet werden.


Günther Oswald, schon mit den Krefeldern ein Eisbären-Bezwinger, fasst die Stärken, mit denen man der Angriffspower der Eisbären begegnen will, schlicht zusammen: „Starke Defensive, starker Torwart – wir werden wieder einen harten Beton anmischen!“ Und mit genau dieser Art von Eishockey zwangen die Ingolstädter die elanvoll anstürmenden Nürnberger auch in die Knie. Jimmy Waite hielt sein Team mit unzähligen wie atemberaubenden Paraden im Spiel.

Ob der derzeit in Ingolstadt herrschende Playoff-Hype das Kennedy-Team bis ins Finale trägt, wird sich ab Freitag (19.30 Uhr) erweisen. Mit den Panthern stellt sich den Eisbären jedenfalls ein mehr als ernst zu nehmender Gegner in den Weg, der willens ist das Maximale zu erreichen.



Die Fans der Panther bliesen indessen vehement zum Sturm auf die Kassenhäuschen – innerhalb von vierzig (!) Minuten waren sämtliche Stehplatztickets und nach neunzig (!) alle Sitzplatztickets restlos vergriffen!

In Berlin ging es da weit gemächlicher zu. Schließlich hatten die Eisbärenfans ja reichlich Zeit sich Eintrittskarten zu verschaffen. Spätestens am Sonntag in einer Woche werden wir wissen, welche der beiden Fangruppen sich in die Schlacht um die begehrten Finaltickets werfen darf.



Als Leiter der ersten beiden Spiele teilte die DEL Schiedsrichter-Routinier Gerhard Lichtnecker ein. Danach übernimmt Richard Schütz das Regiment. Beiden Referees obliegt es, mit guten Leistungen der andauernden wie nervigen Schiedsrichter-Diskussion keinen neuen Zündstoff zuzuführen. Für alle beteiligten Teams geht es um viel – Erfolg oder Misserfolg einer langen Saison. Da sollte kein Platz für Ego-Trips oder zweifelhafte Entscheidungen und zudem auch klar sein, dass den Cracks mit den Krummstöcken die Rolle der Hauptdarsteller zukommt.

In diesem Sinne: Mögen die Spiele beginnen! (mac/ ovk/ Radio Eiskalt)

Jetzt die Hockeyweb-App laden!