Die Straubing Tigers zur HalbzeitFast alles normal

Larry Mitchell und seine Straubing Tigers. (Foto: dpa)Larry Mitchell und seine Straubing Tigers. (Foto: dpa)
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Sechs Minuten Spitzenreiter

Die Niederbayern starteten gut in die neue Saison und das nach einer eher schwachen Vorbereitung. Doch schon das ist typisch Straubing. Die besten Jahre hatte man stets nach den schwächsten Vorbereitungen. Zumindest wenn man nur auf die Ergebnisse schaut. Doch schon bei den ersten gewonnenen Spielen hatte nicht jeder Fan ein Lachen im Gesicht. Gegen Ingolstadt fiel der Siegtreffer elf Sekunden vor der Schlusssirene, da sprachen die Pessimisten von einem „glücklichen Sieg“, die Optimisten haben ein Team gesehen, „das bis zum Ende gekämpft hat“. Ähnlich gegen Nürnberg, als die Franken „sich selbst geschlagen“ haben, oder Straubing „die Fehler clever ausgenutzt hat“. Gegen Bremerhaven sah man entweder eine „Minusleistung“ oder einen „unangenehmen Gegner“. Am sechsten Spieltag verlor man in Köln mit 1:6, war nach dem 1:0 durch Mike Hedden aber für sechs Minuten virtueller Tabellenführer. So viel scheinen Larry Mitchell und Rob Leask also nicht falsch gemacht zu haben. Aber auch das ist typisch – typisch Mitchell. Der Mitchell ist der Coach, der mit seinen Mannschaften in der Anfangsphase eine Saison regelmäßig oben steht und die meisten Punkte sammelt.

Die Niederlagenserie

Nach der virtuellen Tabellenführung ging es jedoch rasant bergab. Eine Niederlage jagte die nächste. Dabei spielte man oftmals nicht so schlecht, vermisste verletzungsbedingt aber einige wichtige Spieler. Das Hauptproblem lag aber wohl in der nicht vorhandenen Disziplin. So zumindest viele übereinstimmende Aussagen von Spielern und Trainer. Immer wieder wurde sich über 40, 45 oder 50 Minuten etwas aufgebaut, dass man sich dann fünf oder zehn Minuten wieder kaputt gemacht hat. In Niederbayern hat sich wieder einmal die alte Eishockey-Weisheit „Auf der Strafbank gewinnt man keine Spiele“ bewahrheitet. Die ganze Sache ging so weit, dass Larry Mitchell wohl drastische interne Strafen in Aussicht gestellt hat.

Deutschland-Cup-Pause

Ohne Nationalspieler in den Reihen hieß es für das ganze Team, Abstand vom Eishockey zu gewinnen und nach der Pause neu anzugreifen. Das klappte, denn kaum ging die Saison weiter, schon kamen die Siege zurück – und das nicht gegen irgendwen. Köln und Mannheim sind wahrlich keine Laufkundschaft. In Bremerhaven gab man dann aber eine Führung und ein Spiel her, das man deutlich in der Hand hatte. Trotzdem kamen die Gäubodenstädter wieder deutlich besser in Schwung und punkteten regelmäßig.

Larry Mitchell in der Kritik

Einst war er als „Heilsbringer“ und „Godfather of Scouting“ vom Straubinger Anhang gefeiert. Doch in diesem Jahr rechnen ihm die Fans die vermeintlichen Fehleinkäufe vor, die man aber durchaus differenzierter betrachten muss. So vergessen viele, auch Mitchell kann nicht zaubern und muss das nehmen, was mit dem Etat möglich ist. Gaby Sennebogen erinnerte in einem Interview auf der Homepage der Tigers vor kurzem wieder mal daran, was viele Verantwortliche in vielen Clubs immer wieder sagen: „Die Gehälter für deutsche Spieler aus den mittleren und hinteren Reihen sind geradezu explodiert.“ Nationalspieler sind ohnehin nicht in der Preisklasse der Niederbayern. Ein Importspieler mit deutschem Pass ist schlichtweg billiger zu haben. Daher bleibt Larry Mitchell und Jason Dunham, sowie einigen anderen sogenannten kleinen Clubs, gar nichts anders übrig, als diesen Weg zu gehen. Das betonte Mitchell schon im Hockeyweb-Interview vor Saisonbeginn: „Wir müssen auch nach finanziellen Möglichkeiten entscheiden und mit dem Geld das Bestmögliche zusammenstellen.“

Dass Mitchell auch immer wieder auf Spieler zurückgreift, die er schon mal trainiert hatte, ist auch nicht ungewöhnlich, wird ihm aber trotzdem angekreidet. Doch zum einen kennt er den Spieler und weiß, was er von ihm erwarten kann. Zum anderen dürfte es auch ein kleiner Vorteil bei den Verhandlungen sein, denn der Spieler weiß ebenfalls, was er vom Coach zu erwarten hat. Außerdem ist es nicht ungewöhnlich, dass Cheftrainer immer wieder alte Bekannte ins neue Team holen. Es ist keine Garantie, dass es klappt, aber in gewisser Weise eine Art Risikominimierung.

Ein weiterer Kritikpunkt ist immer wieder, dass Mitchell die Reihen zu oft durchzumischt. Doch wer Mitchell kennt, der muss davon ausgehen, dass er die 52 oder mehr Spiele nicht mit derselben Formation spielt. Besonders vor dieser Saison zeichnete sich das deutlicher denn je ab, denn man hat ganz bewusst Spieler geholt, die auf mehreren Positionen spielen können. Spieler und Trainer, nicht nur von den Tigers, heben genau das immer als besonders wertvolle Qualität hervor, eben weil es dem Coach ein hohes Maß an Flexibilität gibt. Als Top-Beispiel sind die letzten Jahre von Don Jackson in Berlin zu sehen. Natürlich hatte Jackson Spieler einer etwas besseren Klasse. Doch ohne die Flexibilität, die ihm seiner Spieler boten, hätte er niemals das höchst attraktive und dynamische „Five-Man-No-Position“-System spielen können. Und das hat die Eisbären so stark gemacht.

Gegen die Großen ist es leichter

Auffällig ist, dass die Tigers deutlich mehr Punkte gegen die Top-Teams machen, als gegen die Mannschaften in ihre eigenen Tabellenregion und direkten Konkurrenten im Rennen um Platz zehn. Doch auch dafür gibt es fast logische Gründe.

Ein wichtiger Bestandteil des Spiels der Tigers ist das schnelle Umschaltspiel und möglichst schnell die neutrale Zone zu durchqueren. Doch das wird schwer, wenn der Gegner tief steht und selbst eher wenig fürs Spiel macht.  Die Räume, die die Tigers für ihr Spiel brauchen, bekommen sie eher von Mannschaften, die offensiv ausgerichtet sind. Und das sind in der Regel die Top-Mannschaften. Darum sind die Spiele gegen Bremerhaven, Schwenningen oder Iserlohn oftmals wenig attraktiv für den Fan, aber hochinteressant für die Coaches und bei Spiele gegen Nürnberg, Mannheim oder Köln sieht man rassiges und schnelles Eishockey.

Natürlich kann man so nicht jede Niederlage erklären. Wie oben schon erwähnt spielte auch die Undiszipliniertheit und die Schwäche im Unterzahlspiel sicher eine große Rolle. Es gab auch Spiele, an denen man als Fan und sicher auch als Coach verzweifeln kann. Als Beispiel sei das Spiel in Bremerhaven zu sehen, als die Hausherren im ersten Drittel praktisch nicht anwesend waren und die Tigers nach 20 Minuten klar mir 4:0 oder 5:0 führen müssten, am Ende jedoch ohne Punkte in den Bus steigen mussten. Doch auch die Chancenverwertung gehört dieses Jahr nicht zu den niederbayerischen Stärken.

Fast im Soll

Doch trotz der Niederlagenserie, dem Rummel um den Coach, der von Fans und der Lokalpresse einiges auf die Ohren bekam, den Spielen in denen die Stürmer verzweifelt sind, Spielen in denen sich die Tigers selbst geschlagen haben, Spielen in denen die Straubinger viel investiert hatten und doch mit leeren Händen dastanden. Trotz all dieser Unwägbarkeiten, sind die Niederbayern nach 26 Runden auf Platz elf und damit nur einen Platz und zwei Punkte hinter dem begehrten zehnten Rang. Auch wenn die Spiele mitunter kurios waren, am Ende zählt sicher auch in Niederbayern die Tabelle und da ist man genau in der Region, in der man die Tigers erwarten kann. Im Gespräch mit Larry Mitchell beim Media-Day vor Saisonbeginn sagte dieser über die Ziele der nun laufenden Saison: „Der zehnte Platz ist für jeden kleinen DEL-Club sehr schwer. Da müssen viele Dinge zusammenkommen. Man muss Glück haben bei Verletzungen, man muss eine geschlossene Einheit haben. Aber natürlich wollen wir nicht Elfter werden, das ist der bitterste Platz, den es gibt und alles von elf bis vierzehn hat keine Chance auf die Meisterschaft. Wir wollen so lange wie möglich um Platz zehn mitspielen.“