Die DEL als letzte Karriere-Ausfahrt – Die Zeiten sind wohl vorbei

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Was hat man sich in Berlin über die Rückkehr seines Play-off-Helden Derrick Walser gefreut! Der Offensiv-Verteidiger galt als einer der wichtigsten Bausteine beim zweimaligen deutschen Meister, der helfen sollte, die sportliche Scharte der vergangenen in der neuen Spielzeit schnell wieder auszuwetzen. Völlig überraschend erhielt Walser von den Toronto Maple Leafs jedoch einen Einwege-Vertrag angeboten und bleibt Berlin für eine weitere Saison vorerst fern. Eine Offerte, die der Kanadier schlicht nicht ausschlagen konnte. Zwar hält sich unter der Anhängerschaft der Eisbären Enttäuschung und Stolz ob dieser Angelegenheit die Waage, für Manager Peter John Lee aber beginnt die Suche nach Verstärkung für die Defensivabteilung von neuem.  Kein leichtes Unterfangen, bietet der Spielermarkt derzeit offenkundig nur wenige, vor allem aber bezahlbare Alternativen.

Vor dasselbe Problem sah sich jüngst auch Nürnbergs Manager Otto Sykora gestellt, ging ihm mit Jame Pollock doch ein, wenn nicht der Erfolgsgarant der zurückliegenden Vizemeistersaison an die Organisation der Washington Capitals verloren. Im Wissen, den torgefährlichen Blueliner nicht adäquat ersetzen zu können, stärkte Sykora die Defensive der IceTigeres mit dem eher defensiv ausgerichteten ehemaligen Düsseldorfer Sean Brown. Die Tore, die Pollock nun nicht mehr für die Nürnberger erzielen kann, muss nun der durch Ahren Nittel aufgewertete Sturm markieren.

Mit den Verteidigern Jean-Luc Grand-Pierre (Foto by City-Press), Ian Moran (beide New Jersey Devils), überraschender Weise auch Straubings Matt Kinch (Ottawa Senators) und selbst den in Berlin so enttäuschenden Jeff Jillson (Colorado Avalanche), sowie der Stürmer Steve Kelly (Minnesota Wild) und Greg Classen (Vancouver Cannucks) gelang es doch einer insgesamt stattlichen Anzahl ehemaliger DEL-Spieler, sich wenigstens mit Zweiwege-Verträgen ins unmittelbare Blickfeld der NHL-Klubs zu rücken. Nicht zu vergessen der Deutsche Alexander Sulzer, der bei den Nashville Predators fortan um einen Platz im NHL-Kader kämpfen wird.

Ist auch bestimmt nicht damit zu rechnen, dass allen der angestrebte Sprung in die beste Hockeyliga der Welt gelingt und sie sich dort gar dauerhaft etablieren können, so sprechen diese Personalien dennoch für den deutlich verbesserten Ruf der DEL in Übersee, bedingt durch eine fortschreitende Professionalisierung und einer daraus resultierenden Qualitätssteigerung innerhalb der letzten Jahre. Die Zeiten, in denen Spieler vor allem aus Nordamerika nach Deutschland wechselten, deren einzige Perspektive noch darin bestand, zum Ende ihrer Karriere hin noch ein paar leicht verdiente Scheinchen einzusammeln und auf dem alten Kontinent etwas Sightseeing zu betreiben, scheinen indes ein für alle Mal vorbei. Für die Verantwortlichen hierzulande heißt das zukünftig freilich, auf der Suche nach neuem Spielerpersonal sich nicht mehr nur eindimensional nach Nordamerika zu orientieren, sondern auch zuletzt vernachlässigte Märkte neu zu erschließen.

Vor allem aber, und das wäre ohne Zweifel die wünschenswerteste Konsequenz aus den jüngsten Entwicklungen, die vorliegenden Konzepte zur Förderung des einheimischen Nachwuchses nachhaltig umzusetzen und aus dem Status purer Willensbekundungen heraus zu führen, sie tatsächlich mit Leben zu erfüllen. Dieser Weg ist, in Anbetracht der Versäumnisse und Sünden auf diesem Gebiet in den zurückliegenden Jahren, sicher kein einfacher, dürfte aber am ehesten die Aussicht in sich bergen, vom internationalen Spielermarkt eines Tages unabhängiger zu sein als das heute noch der Fall ist. Die DEL würde sich so noch mehr in Richtung einer Liga entwickeln, in der internationale Spielerkarrieren ihren Anfang nähmen, anstatt dass sie in ihr endeten.

Matthias Eckart