Deutsches Eishockey – Betrachtung von außen

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Deutschland kratzt unter Zach am Lack der Besten. Deutschland am World Cup 2005 im Konzert der Grossen. Sturm, Hecht und Benda gehören zur Weltklasse! Poss will Medaille und langfristig den Titel.

Szenenwechsel:

Deutschland dauernd im Fahrstuhl zwischen der A- und B-Gruppe bei den Junioren. Deutschland verliert 80% der Juniorenspiele gegen die Schweiz. Nur knapper Sieg im Testspiel gegen die drittklassigen Ungarn. Supergau in Wien: Abstieg!

Wo steht das Deutsche Eishockey wirklich?

Die Wahrheit liegt, wie so oft im Leben, zwischen diesen beiden Extremen. Aus neutraler Sicht beurteile ich das Deutsche Eishockey heute als ein Team in der Weltrangliste zwischen den Rängen 8 und 12. Bedenken wir aber, dass die Klassenunterschiede zwischen den Rängen 8 und 16 kleiner sind als der Unterschied zwischen Rang 7 und 8. Im Vergleich mit der Schweiz beurteile ich das Deutsche Nationalteam in Komplettbesetzung (mit Sturm, Kölzig, Seidenberg und Lüdemann) als eine Spur besser als das Nationalteam der Schweiz. Insgesamt beurteile ich aber das Schweizer Eishockey in der Breite und im Juniorenbereich als etwas besser als das Deutsche. Die Unterschiede sind im Nationalteam wie auch in der Juniorenentwicklung gering. Der Grat zwischen Erfolg (WM-Zwischenrunde) und Misserfolg (Abstiegsrunde) ist sehr schmal. Rang 8 oder der Abstieg sind hingegen Ausnahmen und nicht Jahr für Jahr zu erwarten. Weil dieser Grat so schmal ist, kommt der psychologischen Ausgangslage, der Erwartungshaltung, eine grosse Bedeutung zu. Ein Meister der psychologischen Rhetorik war Hans Zach. Er hat mit seinen öffentlichen Einschätzungen die Erwartungshaltung immer tief gehalten, in erster Linie um sich selbst vor Misserfolg zu schützen aber sicher auch, um den Druck von seinem Team und dem Umfeld fernzuhalten. Ein kleiner aber effizienter Winkelzug, speziell wenn man bedenkt, wie klein der Unterschied zwischen Himmel und Hölle bei dieser Leistungsdichte ist. Poss hat hingegen, wie früher Krüger in der Schweiz, mit seiner unrealistischen Erwartungshaltung Enttäuschungen vorprogrammiert. Er wollte das Deutsche Team „gutreden“, mit Rhetorik Selbstvertrauen aufbauen. Er hat aber vergessen, dass man sich Selbstvertrauen nicht einreden kann, schon gar nicht mit trivialen mentalen Techniken. Selbstvertrauen lässt sich nur mit unerwarteten und/oder beständigen Eigenleistungen aufbauen. Exakt in dieselbe Falle sind auch die Oesterreicher getappt. Die Kommentare nach der knappen Auftaktniederlage gegen Russland waren zu euphorisch. Von Weltklasseleistung und Weltklassespielern war da die Rede. Ich ahnte, dass dies ein böses Ende nehmen könnte. Zum Glück hatten wir Schweizer diese Szenarien bereits hinter uns und Ralph Krüger, der Coach der Schweizer, hat in den letzten Jahren hervorragende psychologische Arbeit geleistet. Er hat all die kleinen, unspektakulären aber aus meiner Sicht ausgezeichneten Erfolge auf einer realistischen Selbsteinschätzung und Erwartungshaltung aufgebaut und das Spielsystem entsprechend angepasst. Gute Spieler sind wichtig, daneben ist eine realistische Selbsteinschätzung der Schlüssel zum Erfolg. Der erste kleine Schritt für Deutschland wie für Oesterreich wird sein, den Wiederaufstieg anzustreben und dann knappe Siege gegen Kasachstan, Dänemark etc. als echte Erfolge zu feiern. Erst dann darf man daran denken, mal einem Grossen ein Bein zu stellen und falls dies gelingen sollte bedeutet dies noch lange nicht, dass die Deutschen, Schweizer oder Oesterreicher zu den Grossen aufgeschlossen haben sollten. Dies ist die nüchterne Wahrheit, meine Wahrheit…selbstverständlich kenne die reine Wahrheit auch ich nicht…aber es lohnt sich vielleicht, darüber nachzudenken.

Thomas Roost, Central Scouting Europe Zürich, 14. Mai 2005


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