Aus der Ferne betrachtet - Meisterdämmerung?

Lesedauer: ca. 3 Minuten

Was ist denn in der DEL bloß

los? Zwei Wochen gespielt und schon sind alle Wahrheiten der Experten dahin? Natürlich weiß ich auch, dass es letztlich völlig egal ist, ob eine

Mannschaft nach vier Spielen 1 oder 11 Punkte hat, aber wer hätte gedacht, dass

Mannheim gegen Wolfsburg in der SAP-Arena nur einen Punkt holt und dieser auch

noch der erste in der Saison sein würde?

Jetzt werden sie in Mannheim

also auch die Sprüche aus der Mottenkiste holen, von wegen: „Die Saison ist

noch lang,“ „Meister wird man in den Play-Offs und nicht im September,“ „Die

Mannschaft hat soviel Potential, da werden die Siege noch zwangsläufig kommen.“

Neu ist das alles nicht, wir kennen das vom Meistervorgänger der Adler. Der Ausgang

der letzten Eisbären-Saison kann den Adlern allerdings wenig Hoffnung bereiten.

Da glaubte man bis in den Januar hinein, dass es schon irgendwie klappen würde

mit den Play-Offs und dann könnte ja eh alles noch gut werden. Und am Ende

saßen die Eisbärenfans vor den Fernsehern, als es anderswo um die Meisterschaft

ging.

Aus der Ferne beschleicht

mich das Gefühl, dass es in Mannheim irgendein Problem in der Mannschaft geben

muss. Die spielt fast unverändert zur vergangenen Saison, den Abgang von Pelletier

und Robinson hat man auf dem Papier durchaus kompensieren können. Trotzdem muss

irgendwas passiert sein, wenn man Augenzeugenberichte liest, die von geradezu

erschreckend schlechter Spielweise und wenig Teamgeist und scheinbar

unmotivierten Spielern berichten. Fühlte man sich dort im Umfeld und in der

Mannschaft zu sicher? War die Tatsache, dass die Adler eindeutiger

Meisterschaftsfavorit waren (oder sind?) eher schädlich als der Leistung

förderlich? Hat der Trainer keine Möglichkeiten gefunden, der Mannschaft

klarzumachen, dass die Saison kein Selbstläufer wird?

Die Frage ist letztlich, wie

lange es die Verantwortlichen in Mannheim schaffen, die Ruhe zu bewahren. Ich

bin mir sicher, dass ganz weit hinten im Kopf von Marcus Kuhl schon ein Plan

versteckt ist, wie es gelingen könnte, Greg Poss loszuwerden und dabei

gleichzeitig den eigenen Posten zu sichern. Doch wann ist der richtige

Zeitpunkt dafür? Im September oder Oktober den Trainer auszuwechseln, könnte

als blanke Panik verstanden werden, im Januar oder Februar könnte es allerdings

bereits zu spät sein. Zeigt sich in dieser krisenhaften Situation, dass doch

die Spötter im Recht waren, die in der vergangenen Saison schon anmerkten, dass

die Adler nicht wegen des Trainers Poss Meister geworden sind, sondern einfach

ein so gutes Team hatten, dass nicht einmal Poss den Erfolg verhindern konnte?

Das grandiose Scheitern des Greg Poss sowohl in Nürnberg, als auch mit der

Nationalmannschaft ist bei vielen Eishockeyfans in Deutschland noch in grausig

schauriger Erinnerung. Und Marcus Kuhl hat schließlich noch jeden Trainer in

Mannheim überlebt, wie sehr er ihn vorher auch in höchsten Tönen gelobt hatte.

Das Publikum scheint mit der

Abstimmung mit den Füßen schon begonnen zu haben. 9236 Zuschauer wollten das

Spiel gegen Wolfsburg sehen, wovon ca. 6000 in Besitz einer Dauerkarte sind.

Innerhalb einer Woche haben die Adler also schon knapp 3000 Zuschauer

vergrault, die das Spiel gegen die Eisbären am Sonntag zuvor noch sehen

wollten.

Schon morgen haben die Adler

die nächste Chance, die Wende zu schaffen und den sprichwörtlichen Knoten zum

Platzen zu bringen. Hannover kommt zum Pokalspiel in die SAP-Arena. Mit mehr

Zuschauern ist da definitiv nicht zu rechnen und Hannover hat bisher in dieser

Saison auswärts noch nicht verloren. Besonders pikant: Am Freitag gibt es

dasselbe Duell noch mal an selber Stelle um DEL-Punkte.

Und ich lege mich mal frech

fest: Gewinnt das Team von Hans Zach beide Spiele, hat sich die Ära Poss in

Mannheim noch vor Oktober erledigt.

Für Marcus Kuhl könnte bei

der Entscheidungsfindung mein alter Freund Konfuzius, dessen Tempel ich ab und

zu besuche, helfen. Er wusste schon lange bevor es Eishockeytrainer gab „Kein

Amt zu haben ist nicht schlimm. Aber schlimm ist es, keine Fähigkeiten für ein

Amt zu haben, das man innehat.“

Es

grüßt aus der Heimat des Konfuzius

Torsten Weidemann

Torsten Weidemann wohnt in

China und wird in dieser Saison aller Voraussicht nach nicht ein Spiel derschönsten Sportart der Welt in der DEL sehen. Er ist nur über das Internet dabei

und beobachtet und kommentiert das Geschehen aus der Ferne.