Aus der Ferne betrachtet - Kölner Volksschauspieler

Lesedauer: ca. 4 Minuten

Eigentlich mag ich ja die Stadt Köln und die Kölner Haie,

aber ich dachte bisher wirklich, dass die in Köln erst anfangen, haufenweise

Unsinn zu erzählen, wenn es „Kölle Alaaf“ durch die Gassen der Südstadt schallt

und Kölsch auf der Straße gezapft wird.
Der Trainer der Kölner Haie, Doug Mason,  hat mich nun eines besseren belehrt. Er muss

1000 Euro Strafe zahlen, weil er sich nach dem Spiel gegen die Eisbären in

unsportlicher Weise über Hauptschiedsrichter Daniel Piechaczek geäußert hatte.

Ich finde diese Strafe richtig, aber noch viel zu gering

angesetzt. Natürlich ist es ärgerlich, wenn der Schiedsrichter ein Tor gibt,

von dem man meint, dass es nicht regulär, oder in diesem Fall angeblich gar

nicht, erzielt wurde. Aber meint Doug Mason wirklich ernsthaft, es würde

Schiedsrichter in der DEL geben, die vorsätzlich betrügen, oder hat er sich in

seiner Erregung einfach nicht im Griff gehabt?
Die Tatsache, dass Mason in der Woche danach in der

örtlichen Boulevardpresse seine Vorwürfe auch noch wiederholt hat, spricht

gegen eine Kurzschlussreaktion aus plötzlicher Wut heraus. Ich denke, dass sich

bei dieser Geschichte um den Versuch handelt, Schiedsrichter unterschwellig zu

beeinflussen, in strittigen Szenen nicht gegen sondern die für die Haie zu

entscheiden. Denn ernsthaft kann in Köln niemand geglaubt haben, dass in der

Ligenzentrale ein paar Ecken weiter jemand zu der Entscheidung kommen könnte,

dass das Spiel wiederholt würde oder ähnliches. So betrunken ist man in Köln

schließlich nicht mal am Rosenmontag ab nachmittags.

Oder hat Doug Mason sich einfach nur den

Bekanntheitsgrad seines Fußballkollegen aus Köln - Müngersdorf gewünscht?  Ist die Aufregung, die Doug Mason da

inszenierte, in Wirklichkeit nur ein billiger Abklatsch des Ausrasters, den

Christoph Daum vor kurzem nach dem Spiel in Aachen zur Aufführung gebracht

hatte? Der immerhin nachher so ehrlich war, ein paar Tage später zuzugeben,

dass seine Vorwürfe eine „sehr bewusste Aktion“ waren und er bewusst in Kauf

genommen habe, dafür attackiert zu werden. Volksschauspieler waren in Köln ja

schon immer sehr beliebt, aber über Willy Millowitsch, dessen Todestag sich

übrigens in der letzte Woche zum 8. Mal jährte, konnte ich wenigstens befreit

lachen, weil er nie vorgab, etwas anderes zu sein, als ein Volksschauspieler.

Ich finde, dass ein Eishockeyspiel mit der Sirene

entschieden und beendet sein sollte. Ich hab ja gar nichts dagegen, wenn man

Spieler, die per Video brutaler Fouls überführt wurden, nachträglich bestraft.

Die Disziplinarkommission muss ja ab und an auch einen Grund haben, sich in der

Sportsbar mal gemütlich ein paar Videos auf Großleinwand reinzuziehen. Aber

Spielstrafen und Tore sind und bleiben nun einmal Tatsachenentscheidungen des

Schiedsrichters. Wie er dazu kommt, zu entscheiden, kann und sollte man ihm

auch nicht abnehmen. Wenn wir da anfangen Ligenleitungen, Schiedsgerichte und

Amtsrichter zu befragen, werden wir in Zukunft vermutlich noch nach der NHL

unseren Meister küren, weil wir nach der WM im Mai erst mal die

Wiederholungsspiele danach im Juni und Juli die Play-Offs samt gerichtlich

angeordneten Entscheidungs- Wiederholungs- und Revisionsspielen durchführen

würden.

Wenn Doug Mason behauptet, er habe auf dem fraglichen Video

genau erkennen können, dass der Puck nicht im Tor war, ist das seine freie

Meinung. Daraus abzuleiten, den anders entscheidenden Schiedsrichter als

„Betrüger und Lügner“ zu bezeichnen zu dürfen ist eine Frechheit, die mit einer

Strafe von 1000 Euro noch wirklich günstig geahndet ist.

Hier in China würde man so etwas anders lösen: Doug Mason

hätte ohnehin allein durch seinen öffentlichen Ausfall schon sein Gesicht

verloren. Als Strafe müsste er sich neben der Zahlung der Geldbuße auch noch

öffentlich bei Daniel Piechaczek entschuldigen. Eine größere Demütigung, als

eine öffentliche Entschuldigung ist in der chinesischen Gesellschaft unterhalb

von Haftstrafen kaum vorstellbar. In Deutschland dagegen darf man statt einer

Entschuldigung noch in der Boulevardpresse seine Vorwürfe wiederholen, ohne

dass sich das auf das Strafmaß ernsthaft auswirkt.
Und jetzt soll keiner von der DEL sagen, sie hätten diese

Äußerungen nicht  gekannt. Wenn ich das

sogar in China im Express lesen kann, sollte es doch bei den Mitarbeitern der

Ligenzentrale in der Willy-Brand-Strasse in Köln auch einen Express-Leser

geben, der mal den Sportteil liest, oder?

Also liebe Jungs von der DEL, schützt Eure Schiedsrichter

und greift zukünftig bei solchen Ausrastern richtig durch, vor allem wenn es

nachher auch noch an Einsicht zu fehlen scheint. Die Schiedsrichter werden

dieses Vertrauen hoffentlich mit erstklassigen Leistungen zurückzahlen. Der

Nachwuchs - Volksschauspieler Doug Mason sollten sich hingegen eine passendere

Rolle suchen, als die verfolgte Unschuld von Lande. Vielleicht ist in Köln der

„dumme August“ ja noch unbesetzt?

Es grüßt aus dem Land ohne

Karneval und Volksschauspieler

Torsten Weidemann

Torsten Weidemann wohnt in China und wird in dieser Saison

aller Voraussicht nach nicht ein Spiel der schönsten Sportart der Welt in

Deutschland sehen. Er ist nur über das Internet dabei und beobachtet und

kommentiert das Geschehen aus der Ferne.

Jetzt die Hockeyweb-App laden!