Adler: Der schwere Gang nach oben

Klare Worte bei den AdlernKlare Worte bei den Adlern
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Die Fans, von denen viele eben noch im Internet "kreuziget sie" gerufen

hatten, sangen freudetrunken von der deutschen Meisterschaft. Beides scheint verfehlt, das eine zeugt nicht eben von Durchhaltevermögen, das andere lässt Realitätssinn vermissen. Gleichwohl: Es fielen viele Steine von

Adler-Herzen, auch bei jenen Leuten, die hinter Trainern und Team standen,

selbst bei einer Talfahrt, die verwundern ließ.

4:2 stand es zum Schluss gegen Hannover, ein verdienter Sieg, der in den

ersten Minuten eingeläutet wurde durch zwei Tore, Corbet traf in Unterzahl,

Podollon im Alleingang kurze Zeit später. Damit waren die Weichen auf Sieg

gestellt, den auch eine zünftige Schlägerei und später umstrittene

Schiri-Entscheidungen nicht wirklich gefährden konnten.



Bitter für die Adler: Sowohl Jochen Hecht als auch Rene Corbet mussten zum

Duschen. Obwohl sie, wie deutlich sichtbar, die Handschuhe anbehalten

hatten. Hecht nach Spielende einigermaßen fassungslos: "Ich habe extra die

Handschuhe anbehalten, Rene auch, damit so etwas nicht passiert. Das war

eine Fehlentscheidung, zweimal zwei Minuten wären angemessen gewesen. Aber

was hilft es, wir haben diskutiert, letztendlich muss man die Entscheidung

des Schiedsrichters akzeptieren." Was vor allem Corbet schwer fiel, der

nickelte im Kabinengang erstmal weiter nach dem Rauswurf. Dass zwei

Hannoveraner mitgingen, war ein schwacher Trost, die beiden hatten zumindest

die Handschuhe nicht mehr angehabt.

In der 24. Minute markierte Podollan (auf Edgerton und Kelly) in Überzahl

das 3:0, hin und wieder flog mal ein Adler raus wegen Spielverzögerung.

Glänzend in Form Steve Passmore, der das Tor hütete. Enorm seine Wendigkeit

und Übersicht. In Drittel drei schoss der Ex-Mannheimer Alexander Serikow

das 1:3, ärgerte sich als Soccio als Schütze angesagt wurde. Stadionsprecher

Udo Scholz entschuldigte sich beim Seri, der sofort wieder fröhlicher wurde.

Healey auf Carciola und Joseph schossen das 4:1, bevor Morczinietz auf Hock

zum 2:4 traf. 26 Sekunden vor Schluss nahm Kevin Gaudet eine Auszeit, die

nichts mehr brachte, die Skorpione zogen geschlagen in die Kabine ab.



Todd Hlushko, verletzungsbedingt nicht im Einsatz, freute sich sichtlich,

wieder an alter Wirkungsstätte zu sein, schließlich hat er lange hier

gespielt, war immer einer der Publikumslieblinge, auch bedingt durch seine

witzigen Einlagen bei Feiern. Robert Hock, noch bis vor kurzem ein Adler,

hatte, sagte er zu Hockeyweb, "ein komisches Gefühl zurückzukommen."

Immerhin habe er mit dem Großteil der Mannschaft die Vorbereitung

bestritten. Überrascht war Hock von der Tatsache, dass die Gegner nicht

druckvoller aufgespielt hätten. "Wir waren anfangs sogar drängender, aber

unser Knackpunkt war das frühe Gegentor." Kevin Gaudet traut Hock zu, das

ein wenig lecke Scorpions-Schiff wieder flott zu machen: "Ich denke, das ist der richtige Trainer für uns."

Dass er gerne in Mannheim geblieben wäre, daraus hat Robert Hock nie ein

Geheimnis gemacht. Aber: "Ich wollte einfach spielen und das konnte man mir

nicht garantieren." Was ihn dabei ärgerte: "Tomas, Klaus und ich haben uns

immer eingesetzt für die Mannschaft in der letzten Saison. Das wurde jetzt

nicht mehr gewertet." In Hannover, sagt er, fühle er sich in dieser Hinsicht

ausgesprochen wohl, möge die deutsche Reihe mit Serikow, Morczinietz und

hoffe, mit ihr noch einiges auf die Beine zu stellen, weg vom Tabellenende.

Wichtigstes Ziel: "Unten raus, Punkte einfahren, je mehr desto besser. Die

Mannschaft hat Charakter, die kann das."

Alexander Serikow sieht das ähnlich: "Die Playoffs sind weit entfernt, da

muss man realistisch sein, aber wir können uns nach oben bewegen." Nach

Mannheim zu kommen, ist auch für den Seri immer etwas besonderes, "ich hab

noch viele Freunde hier und ich freu mich, dass wir diesmal sogar über Nacht

bleiben." Serikow gehts gut, das merkt man ihm an: Frau Martina und Sohn

Moritz (18 Monate) bestimmen das Leben des Spielers: "Man führt einfach ein

geregelteres Leben, wenn man früh aufstehen muss", grinst der Crack und ist

ganz offensichtlich superstolz auf Frau und Kind.



Steve Passmore hat eine ganz besondere Art. Er strahlt immer und überall

Fröhlichkeit aus. Nur, wenn man ihn darauf anspricht, dass dieses Team

vielleicht nicht fest genug gewinnen wolle, wird er ein wenig ungeduldig.

"Niemand ist sauerer als wir Spieler, wenn wir verlieren. Wir wollen nicht

verlieren, wir wollen gewinnen." Der Druck in Mannheim sei es nicht, der

Cracks unsicher werden ließe: "Wir sind alle daran gewöhnt, unter enormen

Druck zu spielen." Dass dieses Spiel gewonnen worden sei, wäre natürlich

schön, "aber es ist ein Spiel wie alle anderen Vorrundenspiele auch. Wir

versuchen in jedem unser Bestes zu geben." Die Liga sei gut, viele

talentierte Cracks hat er in den Vereinen erlebt. Und selbst, wenn die NHL

wieder antrete im Januar, was er persönlich für alle Beteiligten hofft -

Passmore ist eines ganz klar: "Ich bleibe in Mannheim."



Noch nie hat man in Mannheim einen Goalie so oft den Helm auf und absetzen

sehen. Passmore grinst: "Das mach ich schon meine ganze Laufbahn durch. Ich

spiele überhaupt nicht gerne mit Helm, aber er hat seine Vorteile. Heute ist

mir ein Puck an die Maske geprallt, da sähe ich jetzt anders aus, wenn ich

keinen Helm angehabt hätte. Aber ich kanns nicht ertragen, wenn immer die

heiße Luft vom Hals hochsteigt."



Auch Trainer Helmut de Raaf musste sich erst an seinen Goalie gewohnen.

Passmore sei nie in sich gekehrt, lacht de Raaf, der bei Torleuten

normalerweise anderes erlebt, der spaziere auch in den Drittelpausen immer

in der Kabine auf uns ab, mache Scherze mit den Leuten und sei einfach

großartig für die Stimmung im Team. Dass er sich dann aber wieder

hundertprozentig konzentrieren könne, das habe er nicht gedacht, gibt de

Raaf zu und ist sehr angetan von diesem Schlussmann, der so enormes leisten

kann auf dem Eis. Huet sei viel mehr in sich gekehrt, viel europäischer

irgendwie, aber beide seien einfach Spitze. De Raaf glaubt übrigens nicht,

dass die NHL so bald wieder antritt: "Unseren Informationen nach soll der

Streik sogar bis 2006 gehen, aber sowas kann sich natürlich schnell ändern."

Im Moment denke er so weit gar nicht, er ginge mit dem um, was jetzt

geschehe.



Und da ist ihm erstmal ein wenig Druck von der Seele genommen. Gerade

Hannover sei sehr unangenehm gewesen mit all den ehemaligen Mannheimern, die

hier natürlich ihr Bestes hätten geben wollen, sagte de Raaf im Gespräch mit

Hockeyweb. Dazu noch der neue Trainer, das hätte höchst unangenehm werden

können.

Was los war im Team in den vergangenen Wochen? De Raaf: "Das sind viele

Individualisten, die zu einem Team zusammenfinden müssen. Bei dem einen geht

das schneller als bei dem anderen." Aber man bemühe sich, alle Seiten seien

daran interessiert.



Sein eher kompliziertes Torpedo-System habe er schon längst so vereinfacht,

dass es für alle spielbar sei, sagt de Raaf. "Wir spielen doch jetzt fast

ein kanadisches System, um den Spielern Sicherheit zu geben", fügt er an.

Der Bruch sei passiert, weil alles zu gut lief anfangs. Die

Vorbereitungszeit sei noch durchwachsen gelaufen, was auch gut sei, damit

niemand abheben würde. Dann aber kam die Siegesserie und mit ihr stieg der

Übermut. "Das war auf einmal eine enorme Arroganz", konstatiert der

Headcoach, "und wenn man die Leitung kritisiert hat, wurde man schief

angeschaut".



Als er hörte, "das ist doch nur Wolfsburg" vor einem Spiel gegen die Grizzly

Adams, da sei ihm klar gewesen, dass es so nicht weitergehen könne. Die

Spieler seien unkonzentrierter ins Training gegangen, man habe manches

schleifen lassen. Dann das Krefeld-Spiel, das sei ja noch gegangen, Köln und

schließlich der enorme Einbruch gegen Frankfurt. "Danach haben alle erstmal

nur noch gezittert, das Selbstvertrauen war weg." Jetzt nähere man sich

langsam wieder einem Level an, das aufwärts zeige. Die Trainingsleistung

werde immer besser, alle würden ihren Job sehr ernst nehmen. Da stellt sich

de Raaf übrigens bedingungslos vors Team: "Wenn ich höre, die Spieler

wollten nicht, ist das einfach falsch. Die wollen alle spielen und die

wollen alle gewinnen". Aber manchmal könne man nicht alle Leistung abrufen

und in der ausgeglichenen Liga reichten noch nichtmal 80 Prozent, die man im

Moment erreicht habe. Gegen Frankfurt seien es unter 50 gewesen. 100 Prozent

müssten sein in der DEL, betont de Raaf.



Dass jedes Team Höhen und Tiefen im Laufe einer Saison habe, das sei normal,

meint er noch und geht davon aus, dass die Talfahrt beendet ist. Was ihn ein

wenig negative berührt: "Es zeugt eigentlich von Arroganz, wenn man immer

meint, wir müssten gewinnen. Arroganz den anderen Teams gegenüber, die

treten schließlich auch an, um zu gewinnen und nicht, um am Ende hinter den

Adlern zu landen." Was er deswegen dem Team auch immer wieder vermitteln

möchte, ist der Respekt vor den anderen Mannschaften. Nur dann könne man die

schlagen. (Angelika von Bülow)

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