80 Prozent sind nicht genugNürnberg – Hannover 2:3

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„Natürlich sind wir angepisst“, brach es aus Marco Nowak nach der Partie heraus, „wir müssen aus der Scheiße herauskommen!“ Dass dies der Fall sein wird, ist sich der Verteidiger sicher. Und auch Jeff Tomlinson weiß, dass sich das Blatt noch zum Guten wenden wird. Die Frage ist nur, wann? Denn aktuell ist die Lage unbefriedigend.

Und gerade deshalb kann Tomlinson die negativen Reaktionen der Fans auch verstehen: „Sie bezahlen für die Spiele und wollen natürlich sehen, wie alle auf dem Eis kämpfen – genauso wie sie es täglich für ihren Arbeitgegber tun“, zeigt der 42-Jährige Verständnis für den Unmut der 2.975 Zuschauer. Bei den Pfiffen und Buhrufen blieb es allerdings nicht: Da es immer am Einfachsten ist, dem Trainer den Schwarzen Peter zuzuschieben, waren auch vereinzelte „Jeff Tomlinson raus“-Rufe aus dem Publikum zu hören. „Ich kämpfe jeden Tag und gebe alles“, stellte sich der Coach den Kritikern, gab aber auch zu: „Natürlich ist es mein Job, Erfolg zu haben, doch ich kann zurzeit gar nicht so handeln wie ich möchte“, erklärte er und sprach dabei die Verletztenmisere an. Sobald der Kader aber wieder vollständig ist, „werden einige der Jungs überrascht sein, sich auf der Tribüne wiederzufinden“, warnt und prophezeit der Cheftrainer.

Chancen nicht genutzt, für Fehler bestraft

Denn neben den Kämpfern wie Patrick Reimer, Connor James, Yasin Ehliz und Jason Jaspers gebe es eben auch Leistungsträger, die ihrer Rolle derzeit nicht gerecht werden. „Und so lange das der Fall ist, sind wir nur eine mittelmäßige Mannschaft“, stellt Tomlinson klar. „80 bis 90 Prozent des Teams geben derzeit alles, doch das reicht nicht.“ Auch Yan Stastnys falscher Ehrgeiz geht zurzeit nach hinten los: „Ein Eishockeyspieler hat am Stück normalerweise 30 bis 40 Sekunden Eiszeit. Yan will nach einer Minute immer noch nicht wechseln“, so der Coach. Dazu kommt, dass einige Spieler auf Positionen eingesetzt werden müssen, auf denen sie eigentlich gar nichts zu suchen haben – wie zum Beispiel ein Yasin Ehliz oder Peter Lindlauber im Powerplay.

Und genau diese Schwierigkeiten spiegelten sich auch im Dienstagsmatch gegen die Hannover Scorpions wieder, was letztendlich dazu führte, dass die Chancen nicht genutzt, die Fehler dafür eiskalt bestraft wurden – „wie schon so oft in dieser Saison“, weiß Tomlinson.

Das große Zittern

Die Ice Tigers bestimmten weitgehend die Partie, doch das effizientere Team waren wieder einmal die Gegner, die in der 13. Minute durch Chris Herperger in Führung gingen. Der Kanadier nutzte das erste Überzahlspiel der „Skorpione“ und netzte ein. Unsicherheit machte sich breit unter den Franken, die durch das fehlende Puckglück nur noch verstärkt wurde. Die Folge: Fehlpässe, Puckverluste und Zögern vor dem niedersächsischen Kasten. „Die Jungs zittern schon richtig vor dem Tor“, nimmt Tomlinson seine Truppe in Schutz. Und so fiel zu Beginn des Mittelabschnitts statt des Ausgleichstreffers das 2:0 für Hannover (22.). Torschütze diesmal: Ex-Ice-Tiger Scott King (Assists: der gebürtige Nürnberger Gerrit Fauser und Robin Thomson). Die Franken taten sich zunehmend schwerer, während die Gäste immer stärker wurden.

Aufholjagd bleibt unbelohnt

Doch dann: Powerplay für die Heimmannschaft und die Chance auf den Anschlusstreffer, die Patrick Reimer auch nutzte (33.). Wie schon am vergangenen Freitag gegen Düsseldorf gelang dem Kapitän zunächst das 1:2 und den Franken anschließend der Ausgleich. Wieder war es Reimer, der traf (43.). Jeff Tomlinson ist stolz auf seinen „Chief“: „Er hat die Mannschaft auf die Schultern genommen.“ Kaum hatten die Nürnberger ausgeglichen, war auf einmal das nötige Selbstvertrauen wieder weitgehend hergestellt. Die Ice Tigers attackierten Dimitri Pätzold, doch nicht er, sondern Tyler Weiman musste wiederholt hinter sich greifen, so dass die Gastgeber nach dem Tor von Andreas Morczinietz erneut in Rückstand gerieten (48.). Die Franken machten weiter Druck, warfen alles in die Waagschale und sich ins gegnerische Drittel – jedoch ohne Ergebnis, das am Ende 3:2 für Hannover lautete.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

„Drei Punkte sind ein Hammerergebnis für uns“, freute sich Scorpions-Coach Igor Pavlov über den Erfolg. Ice-Tigers-Verteidiger Casey Borer dagegen ließ seiner Wut und Enttäuschung freien Lauf – wie auch das fränkische Publikum. Doch Pavlov stellte sich vor das gegnerische Team: „Die Nürnberger Zuschauer sollten stolz auf ihr gut geformtes Team sein“, so die Meinung des Trainers, der zugleich die beiden Keeper Dimitri Pätzold und Tyler Weiman lobte.

Alles in allem war es ein Spiel, das Jeff Tomlinson und seine Ice Tigers schnell abhaken wollen. Denn am Freitag heißt es wieder einmal „Derby-Time“ – diesmal in München. „Unser Ziel ist es, jeweils neun Punkte aus fünf Spielen zu holen“, erklärt der Nürnberger Trainer. „Wenn wir das bis zum Saisonende durchziehen, haben wir genügend Punkte für den Heimvorteil in den Play-offs“, blickt er optimistisch in die Zukunft. Doch bevor es so weit ist, heißt es erst einmal: den Kopf frei kriegen und bei den "Bullen" siegen – vielleicht mit Brett Festerling, der am Freitag möglicherweise wieder am Start ist.

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