1000. DEL-Spiel: Eisbär Frank Hördler, der Rekordmeister!Am Sonntag feiert die EHC-Legende in Berlin gegen den ERC Ingolstadt sein Jubiläum.

Morgan Ellis (links), Kapitän Frank Hördler (mitte) und Kai Wissmann (rechts) bejubeln den Gewinn der Meisterschaft 2022. (Foto: dpa / picture alliance / Wagner)Morgan Ellis (links), Kapitän Frank Hördler (mitte) und Kai Wissmann (rechts) bejubeln den Gewinn der Meisterschaft 2022. (Foto: dpa / picture alliance / Wagner)
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Kürzlich habe ich mit einem Kollegen telefoniert. "Ich soll dich übrigens schön grüßen", sagte er. "Von Möbel Hübner?", entgegnete ich in Anlehnung eines kultigen Werbespruchs aus den 80igern. "Nein. Von Frank Hördler. Er hat sich nach dir erkundigt." Ich staunte. Immerhin bin ich ja schon einige Jahre aus dem Geschäft. "Ganz vergessen bist du also offensichtlich noch nicht", dachte ich. Und war - zugegeben - etwas gerührt. 

Warum ich Ihnen das erzähle? Am 11. Dezember bestreitet Frank Hördler gegen den ERC Ingolstadt sein 1000. DEL-Spiel (14 Uhr, Mercedes-Benz-Arena), wird damit Mitglied unter exklusiven Kufenkünstlern. Während seiner gesamten Profi-Karriere war er nur bei den Eisbären aktiv, sah keine Notwendigkeit den Verein zu wechseln. Mittlerweile spielt er seine zwanzigste Saison in der Hauptstadt. Es wäre müßig, alle Erfolge aufzuzählen. Unvergessen bleiben aber 2005, 2006, 2008, 2009, 2011, 2012, 2013, 2021 und 2022. Es sind die Titeljahre der Eisbären - und jene von Hördler. Der 37-jährige Verteidiger hat alle neun Meisterschaften auf dem Eis erlebt. Er ist das Epizentrum des Klubs. Weil André Rankel, Florian Busch und Jens Baxmann, die anderen Spieler der schon mythisch vergötterten 1985er-Generation, ihre Schlittschuhe inzwischen an den Nagel gehängt haben. 

Was für gigantische Zahlen. Hördler ist der erfolgreichste DEL-Spieler aller Zeiten. Eine Identifikations-Figur, der für die goldene Eisbären-Zeit steht. Längst ein Symbol für Kontinuität, Vereinstreue, Fan-Bindung. In Nordamerika nennt man solche Spieler "Franchise Player", Akteure, die mit ihrem Namen und Ausstrahlung für das ganze Unternehmen stehen. Typen, die im modernen Profisport immer seltener werden. Anders ausgedrückt: "Eine Legende", wie es Trainer Serge Aubin treffend formuliert. 

Bis 2015 habe ich seine Karriere beruflich begleitet, dann schickte mich die Gesundheit auf die Strafbank. So verpasste ich auch die sensationelle Silbermedaille der Nationalmannschaft bei Olympia in Pyeongchang, Hördlers größten internationalen Triumph. Ich wäre 2018 in Südkorea gerne vor Ort gewesen. Während ich also das Notebook zwangsläufig ausschaltete, macht Fränki weiter. Immer weiter. Und wirkt dabei fast so jung und dynamisch wie am ersten Tag. 

1000 Spiele also. Das ist unglaublich. Fantastisch. Faszinierend. Davor ziehe  meinen Hut. 1000 Spiele. Wie Klub-Ikone Sven Felski. Der allerdings mit dieser magischen Zahl - die er in Bundesliga und DEL erreichte - und seinem sechsten Meistertitel seine famose Karriere beendete. "Einen Spieler als Reporter so lange zu begleiten, ist ein Geschenk", sagte mein Chef damals zu mir. Dessen bin ich mir bewusst.  

1000 Spiele. Als ich Fränky 2003 zum ersten Mal auf dem Eis im Welli sah, war daran noch nicht zu denken. Auch nicht an die Dynastie, die die Eisbären kurz darauf begründeten. Er war ein Teenager. Wie Felle, als ich ihn 1992 kennenlernte. Während man bei anderen Spielern dieses Alters fast väterliche Gefühle entwickelte, war es bei Fränki anders. Er wirkte trotz seiner Jugend schon extrem reif und erwachsen. Zurückhaltend. Höflich. Fast vornehm. Ein Kavalier auf Schlittschuhen.

Eloquent. Intelligent. Differenziert. Pointiert. Seine abgeklärte Ausstrahlung wirkte auf mich beeindruckend, fast einschüchternd. Dabei bin ich nahezu auf den Tag genau 20 Jahre älter als er. Aber erwachsen? Bin ich immer noch nicht. Sagt man mir nach. Als Teenie war ich dies schon mal gar nicht. Da sorgte ich bei Menschen für graue Haare, die gar nicht wussten, dass sie welche bekommen können.  Fragen Sie mal die Sekretärinnen meines ehemaligen Arbeitgebers. Die hatten eine einhellige Meinung.  "Dich kriegen wir nicht mehr groß", war wohl der Satz, den ich von den Damen in meiner Laufbahn am meisten zu hören bekam. Andere Geschichte.

Hördlers bodenständige Ruhe hat fast meditativen Charakter. 

Wie 2010. Ich traf ihn in Gelsenkirchen. Diesmal trug er den Trainingsanzug des DEB-Teams. Mein Adrenalin-Pegel war am Anschlag. Dabei dauerte es noch ein paar Stunden, bis zum Auftaktspiel der Heim-WM. Wir waren noch fast allein im Stadion des dort ansässigen Fußball-Klubs. In nur vier Tagen hatten etwa hundert Arbeiter die größte Eishockey-Arena der Welt geschaffen. Wir grüßten uns. Standen staunend nebeneinander. Und schwiegen. Fränki war kurz zuvor aus dem Kader gestrichen worden. Von Bundestrainer Uwe Krupp, der bekanntlich später auch in Berlin sein Coach wurde. Es bedurfte keiner großen Worte. Ich wäre ausgerastet, nach einem solchen Stich ins Herz. Er hätte allen Grund dazu gehabt. Frust. Den schob er.  Sicher. Aber er ruhte in sich. Ja, gegen Fränki wirkt ein buddhistischer Mönch wie ein Marktschreier. Wir starrten auf die noch leeren Tribünen im Theater der Träume. Dachten an das Spektakel, das da noch kommen sollte. Weltrekord! 77.803 Fans! Beim Eishockey! Die enthusisatisch einen 2:1-Sieg nach Verlängerung gegen die USA bejubelten. Was für ein Schauspiel. Atemberaubend. Für uns beide. Auch, wenn Fränki nur auf der Tribüne saß. Er freute sich für die Kollegen, zeigte Größe in der persönlichen Niederlage, trug die Entscheidung mit professioneller Fassung. Würdevoll. Abgeklärt. Souverän. Der Mann steht fest im Leben. Die Lausitzer Eiche, Hördler wurde in Bad Muskau geboren, wirft so schnell nichts um. Was auch an Corinna liegt. Ohne seine Ehefrau wäre alles nichts.  

Wobei wir wieder bei meinem Problem wären. Frei nach Peter Maffay: Ich wollte nie erwachsen sein. Vielleicht ist der Unterschied, dass Fränki - im Gegensatz zu mir - früh als Vater Verantwortung übernahm. Nach der ersten Meisterfeier 2005 war sein ältester Sohn Eric schon acht Monate alt. Inzwischen erfüllte sich der Senior seinen größten Traum, der mehr wert ist, als alle Titel, Medaillen und Pokale. Er spielt gemeinsam mit dem Stammhalter als Profi in einer Mannschaft. "Mein Highlight", schwärmt der stolze Papa. Wichtig für den Filius: Auch im Herbst seiner Karriere ist und bleibt der Vater ein Vorzeige-Athlet. Einer, zu dem die Jungen im schnelllebigen Eishockey-Geschäft aufblicken.

So bedeutend wie dieses am Sonntag, war kein Jubiläum vorher. Unbestritten.  Andererseits fühlt sich auch keines so unwichtig an. Denn die Ereignisse lassen es eigentlich gar nicht zu, eine Person in den Vordergrund zu heben. Weil die Saison des DEL-Rekordmeisters bislang überhaupt keine Erfolgsstory darstellt. Man muss den Tatsachen knallhart ins Auge schauen. An Titelverteidigung, der Hattrick war als klares Ziel ausgegeben, ist nicht zu denken. Im Gegenteil, es droht sogar der Absturz in die Zweitklassigkeit. Hördler hat fast alles erlebt. Aber Abstieg? Gab es nicht in seinem Wortschatz. Das wäre im Herbst seiner Karriere das ultimative Drama.

Umso mehr ist der Kapitän gefragt, das Horror-Szenario zu verhindern. Angesichts der derzeit düsteren sportlichen Lage hofft der Routinier, dass sein Festtag auch dem gesamten Team einen positiven Impuls geben kann: „Es wäre gigantisch, wenn das jetzt helfen würde, Lockerheit und Coolness reinzukriegen. Dann bin ich doppelt glücklich."

Nein, er führt das Team nicht als Lautsprecher, sondern durch natürliche Autorität und spielerische Klasse. Er denkt auf dem Eis für seine Kollegen mit, zwei, drei Schritte voraus, korrigiert, dirigiert, lenkt sie - und somit das Spiel. Er spielt Pässe, die zunächst von keinem besonderen Können zu zeugen scheinen, bei näherer Betrachtung jedoch verraten, dass jeder, auch quer oder zurück, einen Sinn verfolgt. Oft erst drei Kontakte später. 

Ich bin daher guter Hoffnung, dass sich alles wieder zum Guten wendet und Fränki noch eine Saison dranhängt. So es der Körper zulässt. Für den 10. Titel. Einen weiteren Meilenstein. Dann eben 2024. Abwehr-Kante Nante, so sein Spitzname, wäre im wahrsten Sinne des Wortes auf dem "Zehnit"! Warum auch nicht? Zu alt? Von wegen! Viele beginnen zwar um die 40 gegen die Zeit zu leben, verzweifeln an Falten und grauen Haaren. Aber das ist totaler Blödsinn, wie ich es mit fast 60 Lenzen auf dem Buckel beurteilen kann. Um es mit dem dänischen Philosophen Søren Kierkegaard zu sagen: „Verstehen kann man das Leben nur rückwärts. Leben muss man es aber vorwärts.“ Aus Erfahrung gut! Das ist das Motto. In diesem Sinne: Mach weiter, Fränki! Es müssen ja keine 1000 Spiele mehr werden. Die kann sich ja der Junior vornehmen.


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