WM-Erinnerungen (24)

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Es war ein in vielerlei Hinsicht bemerkenswertes Turnier, was in den kanadischen Städten Halifax und Québec über die Bühne ging. Da war zunächst einmal das Gastgeberland. Noch nie war Kanada der Hausherr einer Weltmeisterschaft. Mit ganz wenigen Ausnahmen wurden  die WM-Turniere auf europäischen Eisflächen absolviert. Deutschland spielte außerhalb der Eisfläche eine unrühmliche Rolle, während die Adlerträger in den Matches selbst mit einer Ausnahme gutes Eishockey boten. Und zu schlechter Letzt waren auch die Cracks der Gastgeber erneut nicht in der Lage, den Titel im Land zu behalten.
 
Die Deutschen wurden bereits vor der Abreise mit Problemen konfrontiert. Florian Busch, Stürmer des deutschen Meisters Eisbären Berlin, verweigerte zunächst die Durchführung einer Doping-Kontrolle, besann sich jedoch anschließend eines Besseren und wollte sie nachholen. Doch da griffen schon die Zähne der Justiz, der man für alle Sportarten solch scharfkantige Beißer wünschen sollte. Bundestrainer Krupp lehnte sich weit aus dem Fenster, sprach davon, dass er sich für Busch stark machen würde. Zunächst gab die WADA Krupp Recht und erteilte dem gebürtigen Oberbayern die Freigabe. Der DEB erteilte dem „Sünder“ lediglich eine öffentliche Rüge und verurteilte ihn zu einer Geldstrafe von 5.000 Euro und einer 56-stündigen Arbeit im Nachwuchsbereich (nota bene: Arbeit im Nachwuchsbereich ist eine Strafe). Doch kaum war der „Fall Busch“ gelöst, stand mit dem „Fall Holland“ die nächste Unannehmlichkeit im Raum. Der damals 32-jährige in Kanada geborene Jason Holland hätte vier Jahre ununterbrochen in Deutschland spielen müssen, um für das DEB-Team an den Start gehen zu dürfen, es waren aber nur deren drei. Warum Holland trotzdem grünes Licht vom Weltverband bekam, ist mir auch Monate später noch schleierhaft. Da fragt man sich automatisch, was die Leute in Zürich denn den lieben, langen Tag machen. Um das Maß vollzumachen, legte sich der Bundestrainer auch noch mit den kritischen Fans an und empfahl einigen von ihnen, nach Hause zu fliegen.
 
Eishockey wurde von den Adlerträgern auch gespielt und das trotz der unschönen und der Konzentration abträglichen Randerscheinungen nicht einmal so schlecht. Trotzdem kam für die Schützlinge von Bundestrainer Uwe Krupp nach der Zwischenrunde wie im Vorjahr das Ende. Der 1:5-Eröffnungsniederlage gegen Finnland folgte in den Gruppenspielen immerhin ein 4:2 gegen die Slowakei. Doch mit einem kaum für möglich gehaltenen 2:3 gegen Norwegen folgte die Blamage auf dem Fuß. Zwei Niederlagen gegen die beiden Nordamerikaner und zum Abschluss ein versöhnlicher Triumph gegen Lettland in einem nur noch für die Statistik wichtigen Match beschlossen das Turnier für unser Team.
 
Die Scorerliste unserer Akteure sah folgendermaßen aus: Chris Schmidt (2/4), Florian Busch (2/3), Michael Hackert (1/4), Christoph Ullmann, Philip Gogulla (je 1/3), Marco Sturm (2/1), Christoph Schubert, Michael Wolf, Yannic Seidenberg, Stefan Ustorf (je 1/2), Michael Bakos (1/1), Anreas Renz (0/2), Frank Hördler (1/0), Jason Holland, John Tripp, Sven Felski (je 0/1). Ohne Punkte blieben André Rankel, André Reiß, Marcel Goc, Dennis Seidenberg, Sebastian Osterloh, Petr Fical sowie die drei Torwarte Dimitri Pätzold, Robert Müller und Dimitrij Kotschnew.
 
Das All-Star-Team, das stets vor dem Finale gewählt wird, hatte folgende Besetzung: Nabokow (RUS); Green (KAN), Tomás Kaberle (CZE); Heatley (KAN), Owetschkin (RUS), Nash (KAN).
 
Die Russen mit ihrem Cheftrainer Wjatscheslaw Bykow spazierten geradezu durch das Turnier. Zwar besiegten sie in den Gruppenspielen die Tschechen und in der Zwischenrunde die Weißrussen erst in der Verlängerung, doch das änderte nichts am souveränen Auftreten der Sbornaja. Das Viertel- und Halbfinale gewannen Owetschkin & Co. gegen die Schweiz bzw. Finnland sogar ohne Gegentor. Doch als im Endspiel die Kanadier nach einer knappen Viertelstunde bereits mit 3:1 und vier Sekunden vor der „Halbzeit“ noch einmal mit 4:2 führten, schien alles für die Gastgeber zu laufen. Die Russen bissen jedoch zurück und kamen in der Verlängerung durch Ilja Kowaltschuk zum Titelgewinn. Somit gelang es den Hausherren erneut nicht, den Titel im eigenen Land zu gewinnen. Nach 1986, als die Sbornaja im Luschnikipark Weltmeister wurde, war es bis heute jedem Gastgeber verwehrt, sich mit Weltmeisterehren zu schmücken.
 
Und ob es heuer die Schweiz schafft, bezweifele nicht nur ich.