WM-Erinnerungen (23)

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Uns graute schon vorher vor dem Rückweg, der selbstverständlich wieder über die Via Baltica (mein estnischer Kollege mit finnischem Wohnsitz, Tom Ratschunas, der von Helsinki per Fähre über Estland kam und mit dem PKW aus dem Norden in Riga anlangte, redete wegen der vielen Baustellen von „Via Haltica“) führte. Wir übernachteten in der Nähe von Posen, weil wir diesmal die südliche Route benutzten. Als ich ausstieg, kam ich mir vor wie weiland Walter Röhrl, nur viel älter, staksiger und müder. Die freundlichen Damen im altertümlichen Hotel, das vor der Wende seine besten Zeiten hatte, warfen Gott sei Dank noch den Ofen in Gang und servierten uns ein typisch polnisches Essen mit viel Kalorien.
 
Zwei wichtige Neuerungen sollten zumindest für zwei Jahre ab dem Turnier 2007 eingeführt werden. Da ist zunächst das Drei-Punkte-System, was, wie in der DEL, (endlich) zum Tragen kommt. Nach einem unentschiedenen Spiel sollte es also eine maximal fünfminütige Verlängerung mit anschließendem Penaltyschießen geben, falls nach 65 Minuten noch kein Sieger feststehen. Dazu bestreiten wegen der relativ großen Entfernung die Teams der gleichen Gruppen die Viertelfinals und nicht mehr im Überkreuz-Verfahren. Im Klartext: Die jeweiligen Gruppenersten (und –zweiten) treten gegen die jeweiligen Vierten (und Dritten) ihrer eigenen Gruppen an. Dass die letzte Regelung wieder gekippt wurde, lag daran, dass als Austragungsort Mytischi für das weit entfernte Jaroslawl einsprang und sich die Entfernungen daher in Grenzen hielten.
 
Durch den 5:3-Sieg gegen Norwegen erreichte Aufsteiger Deutschland die Zwischenrunde, die allerdings mit null Punkten für die Adlerträger begann. Dort gewannen die Deutschen zwar sensationell gegen die Tschechen und siegten auch gegen die Weißrussen, doch kamen diese Triumphe zu spät. Die Niederlage gegen die USA bedeutete schon vorher das Ende der Fahnenstange. Im Gegensatz zur WM 2001, als unser Nationalteam ebenfalls als Aufsteiger ins Rennen ging, erreichte es diesmal nicht das Viertelfinale.
 
Unsere Spieler kamen auf folgende Scorerpunkte: Michael Wolf (5/3), Michael Hackert (3/4), Philip Gogulla (0/5), Robert Dietrich (2/2), Sven Felski (1/3), John Tripp (1/2), Martin Ancicka (0/3), Alexander Barta (2/0), Michael Bakos, Daniel Kreutzer (je 0/2), Christoph Ullmann, Florian Busch (je 1/0). Außerdem mischten Yannic Seidenberg, Felix Petermann, Aleksander Polaczek, Robin Breitbach, Tobias Draxinger, Alexander Sulzer, Sebastian Osterloh, Frank Hördler, Petr Fical und André Rankel mit. Im Tor standen Dimitrij Kotschnew, Dimitrij Pätzold und Oliver Jonas.
 
In den Viertelfinals war das Match der USA gegen Finnland, das Suomi mit 5:4 gewann, die einzige Partie, die länger als 60 Minuten dauerte. Ansonsten gab es klare Resultate. Die Finnen hatten sich offenbar an längere Spiele gewöhnt, denn überraschenderweise schalteten sie im Halbfinale Gastgeber und Favorit Russland nach 65;40 Minuten mit 2:1 aus. Das andere Semifinale gewann Kanada deutlich mit 4:1 gegen Schweden. Im Finale wartete auf die tapferen Finnen wieder einmal nur Silber. Denn auch das sechste ihrer sieben WM-Endspiele seit 1992 ging verloren. Die einzige Ausnahme war halt der Goldmedaillengewinn 1995, und der ging ausgerechnet in Schweden über die Bühne. 
 
Das All-Star-Team hatte folgendes Aussehen: Lehtonen (FIN); Markow (RUS), Nummelin (FIN); Morosow, Malkin (beide RUS), Nash (KAN). Absteigen mussten Österreich, das sich somit nur ein Turnier lang bei den „Großen“ aufhalten durfte, und die graue Maus aus der Ukraine. Die Plätze der beiden Absteiger nahmen Slowenien und Frankreich ein. Die Freude bei diesen beiden Teams war riesengroß, denn jetzt waren sie dabei, wenn das Weltturnier zum erstenmal im Mutterland des Eishockeys ausgespielt wurde.
 
Gestatten Sie mir bei dieser Gelegenheit einen kleinen Abweichler Richtung DEL, denn schließlich ist vorgestern die Saison in unserer höchsten Spielklasse zu Ende gegangen. Wie erwartet, setzten sich die Eisbären Berlin erneut durch. Sie dominieren eindeutig Eishockey-Deutschland. Köln begann in den 80er Jahren, die Rolle des überragenden Vereins zu spielen, Düsseldorf war quasi der Nachfolger der Domstädter. Dann wanderte der „Staffelstab“  zu den Mannheimern. Seit Jahren bestimmen die Eisbären, was in Deutschland auf dem Eis passiert. Auch wenn von der Anschutz-Gruppe viel finanzieller Rückenwind kommt, haben sich die Berliner durchgebissen und nicht nur den Lokalrivalen Preussen an die Wand gespielt. Ex-Manager Lorenz Funk sagte einmal in seiner prägnanten Art, dass die Eisbären vom Sch…haus in die Bel Étage umgezogen wären. Dazu kommt noch, dass sie jetzt eine vorzeigbare Heimstätte in einer fast idealen Umgebung haben.
 
Natürlich denke ich oft an die Zeiten zurück, in welchen Eishockey im Ostteil der Stadt regelrecht verpönt war. Zum Sommerturnier verirrten sich nur ganz wenige Fans in den Wellblechpalast. Einmal begrüßte der unverwüstliche Stadionsprecher Hans „Hanne“ Frenzel die Besucher über Mikrofon gar mit Namen. „Und da sind noch zwei Zuschauer aus dem Westen“, sagte er launig und meinte damit Peggy und mich. Als die DEL ins Leben gerufen wurde, waren am Ende der Punktrunde noch 17 Teams dabei, weil die Mad Dogs München zwischendurch ausstiegen. Von den 17 gingen 16 in die Play-offs, denn damals wurde auch noch das Achtelfinale ausgetragen. Alles lachte über die Eisbären, deren Cracks das Schlusslicht bildeten und daher als einzige die Schläger in die Ecke stellen konnten. Erster wurden übrigens die Preussen, die jedoch im Halbfinale am späteren Meister Köln scheiterten. So ändern sich die Zeiten!
 
Und ganz zum Schluss… In den Finalbegnungen hat das oberbayerische Schiedsrichter-Duo, soweit ich es beurteilen kann, einen astreinen Job hingelegt. Überhaupt waren die Leistungen der Unparteiischen, wieder soweit ich es beurteilen kann, in den Play-offs mit einer Ausnahme in Ordnung. Schade, dass einem auch international erfahrenen Schiedsrichter wie Rick Looker ein Lapsus in einer entscheidenden Situation unterlief. Haben Torwarte und Schiedsrichter nicht irgendwie den gleichen Job? Sie tragen viel Verantwortung, und wenn ihre Leistung auch noch so gut ist. Machen sie einen einzigen Fehler, stehen sie am Pranger. Ungerecht, oder?
 

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