WM-Erinnerungen (22)

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Kurz zu Anfang eine Berichtigung meiner letzten Folge: Natürlich war die WM in der Schweiz im Jahr 1990 und nicht 1991. Ich bitte daher, meinen Fauxpas zu entschuldigen. Und jetzt weiter…
 
Das Turnier in Lettlands Hauptstadt Riga ragte aus vielen heraus. Zum erstenmal war es für den Zuschauer möglich, während einer einzigen Drittelpause die zweite Halle aufzusuchen, um noch rechtzeitig zum folgenden Drittel einzutreffen. Da war nichts mit den weiten Wegen wie in Schweden, wo mangels Autobahn die Fahrten von Jönköping nach Karlstad und von dort aus nach Göteborg zu Tagestouren mutieren. Auch in Deutschland hatten wir weite Wege zu bestreiten, als die Hallen in Hannover, Köln und Nürnberg Schauplätze des 2001-er Turniers waren.
 
Vor dem Trip ins Baltikum holte ich mir erst einmal wertvolle Tips von Haralds Vasiljevs, dem Vater des Krefelder Kapitäns Herberts. Die nördliche Route führt über Stettin, die südliche über Posen, wobei letztere zwar weiter ist, aber wegen der neuen Autobahn schneller bewältigt werden kann. Nachdem wir in einem kleinen Ort im Oderbruch das erste Mal übernachteten, kamen wir am zweiten Tag via Landsberg an der Warthe (Gorzów Wielkopolski), Deutsch Krone (Walcz) und Allenstein (Olsztyn) bis in die Nähe der litauischen Grenze nach Suwalki, was in der unseligen Nazizeit in „Sudauen“ umgetauft wurde. Am anderen Tag ging es auf einer Autostraße recht schnell weiter Richtung Norden. Ein Stück Autobahn brachte uns schneller vorwärts. Jede zweite Stunde rief der besorgte Vasiljevs an, wo ich denn bliebe. Zum ersten Mal sahen wir die Memel, die breit und träge dahinfloss, mit ihrem grünen Strand.
  
Schon an der lettischen Grenze sahen wir Werbung für die WM. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Pech für uns Autofahrer, dass die Balten mit Fördermitteln aus Brüssel fast die gesamte Route gleichzeitig renovierten. Manchmal fehlte die Asphaltdecke, manchmal waren die Straßen einspurig, so dass Ampeln regelten, welche Richtung jeweils „dran“ war. Endlich fuhren wir über die Düna, endlich kamen wir in der alten, gemütlich wirkenden Handelsstadt an. Und dass Vasiljevs so etwas wie ein lettischer Nationalheld ist, merkte ich sofort. An eine richtige Unterhaltung war auf dem Weg in die Eissporthalle nicht zu denken. Immer wurde er ansgesprochen und um ein Autogramm gebeten. Oft musste er auch für ein Foto lächeln.
 
Nachdem sich die Wut der einheimischen Fans über den US-amerikanischen Schiedsrichter Rick Looker beim blamablen 0:11 gegen Kanada gelegt hatte (Kanada bekam 16, Lettland 32 Strafminuten) und die Letten kaum noch eine Chance auf das Viertelfinale hatten, war wieder alles im Lot. Denn der guten Stimmung taten diese Vorkommnisse keinen Abbruch. Dass die Eisqualität in der Skonto-Arena (zweite Austragungsstätte) nicht viel besser war als ein Jahr zuvor in der Wiener Stadthalle, „übersahen“ die Offiziellen, offensichtlich aus Sympathie zu den Gastgebern. Ohnehin wurde in dem kleinen Baltenland einiges klag- und schmerzlos weggesteckt.
 
Peggy und ich wohnten in einer Privatwohnung. Der Zugang hierfür gestaltete sich nicht ganz einfach. Insgesamt mussten wir uns drei Codes merken, einen für die Haustür, einen für den Aufgang im Innenhof und einen für die Wohnungstür. Einmal schaffte ich es nur bis zu Code Nummer zwei; den dritten hatte ich wohl verkehrt eingegeben. Der Alarmton weckte Kind und Kegel. Unsere Hauswirtin Velga (scheint in Lettland ein sehr gebräuchlicher Name zu sein, denn auch Haralds Frau hört darauf) erschien im Morgenmantel und schloss uns auf. Am anderen Morgen klingelte bei mir das Handy. Natürlich war Haralds Vasiljevs am anderen Ende. „Du hast die ganze Polizei von Riga alarmiert“, lachte er und amüsierte sich köstlich über mein Missgeschick.    
 
Fehlten die Deutschen gänzlich, so hatte auch die Schweiz keine glänzende WM erwischt. Die Eidgenossen kamen über die Zwischenrunde nicht hinaus, obgleich sie ein 2:2 gegen die Slowaken erzielten, nachdem diese mit 2:0 führten. Den zweiten Treffer für die Cracks von Donau und Tatra erzielte übrigens Dusan Milo auf Zuspiel von Richard Pavlikovsky. Beide avancierten später zum Starduo der Krefeld Pinguine.
 
In den Viertelfinals gab es keine großen Überraschungen. Mit Ausnahme der Partie Russland gegen Tschechien (3:4 i. V.) gab es nur klare Sachen. Auch die Endspiele gerieten nicht gerade zu „Hitchcocks“. Finnland deklassierte im Bronzematch die unmotivierten Kanadier mit 5:0, und einen Tag später setzten sich die Schweden mit 4:0 gegen die Tschechen durch. Aus deutscher Sicht gab es sogar vom Finale Erfreuliches zu berichten. Mit dem damals 39-jährigen gebürtigen Krefelder Richard Schütz leitete wieder ein Deutscher das Endspiel. Neun und acht Jahre zuvor war es der Harzer Gerhard Müller, nach dessen Pfeife die Finalisten tanzten. Während sich Dänemark und Italien in der A-Gruppe hielten, mussten die Slowenen mit Anze Kopitar, der auf dem neunten Platz der Scorerwertung landete, und Kasachen den Weg in die Unterklassigkeit antreten.
 
Das All-Star-Team hatte folgendes Aussehen: Mesin (WRU); Kronwall (SWE), Nummelin (FIN); Crosby (KAN), Vyborny (CZE), Owetschkin (RUS).