„Wir sind in der Lage jedem Team ein Bein zu stellen“Bundestrainer Toni Söderholm über seinen Sommer, U 20 Spieler in der DEL und die kommenden Ziele

Bundestrainer Toni Söderholm. (Foto: dpa/picture alliance)Bundestrainer Toni Söderholm. (Foto: dpa/picture alliance)
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Hockeyweb: Hallo Herr Söderholm, wo sind Sie gerade und haben Sie den Sommer in Ihrer Heimat Finnland verbracht oder hier in Deutschland?

Toni Söderholm: Ich bin seit einigen Wochen wieder in München. Den Sommer habe ich in meiner Heimat verbracht. Dort gab es die gleichen Einschränkungen aufgrund der Pandemie wie in Deutschland, so hatte ich viel Zeit mit meiner Familie.

Sie verbringen ja einen Teil des Jahres in Finnland. Gibt es etwas, ohne das Toni Söderholm nicht zurück nach Deutschland kommt?

Ja, ich nehme immer Schokolade und Kaffee aus Finnland mit nach Deutschland.

Als bekannt wurde, dass die WM abgesagt wird, was war Ihre erste Reaktion darauf? Als Bundestrainer wartet man ja das ganze Jahr auf dieses eine Turnier.

Um ehrlich zu sein, war es kein Schock mehr, als die Entscheidung offiziell wurde. Es war leider vorhersehbar und so hatte ich genug Zeit mich darauf vorzubereiten. Die Entscheidung der IIHF war auch vollkommen nachvollziehbar.

Sie hatten jetzt relativ lange Zeit, sich Gedanken zu machen aufgrund der Corona-Pandemie. Können Sie dieser Zeit positives abgewinnen?

Ja, es war schön, so viel Zeit zusammen mit der Familie verbringen zu können. Wir haben die Zeit aber auch sehr produktiv genutzt, um die Spieler besser kennenzulernen. Hierfür haben wir zum Beispiel Umfragen und Ähnliches gemacht. Ich glaube, das war sehr hilfreich für beide Seiten.

Sie planten diese WM mit einem eingespielten Kader zu bestreiten und kaum Änderungen kurz vorher durchzuführen. Steht dieser Plan für das nächste Jahr noch und wie geht man als Bundestrainer damit um, dass die Vorbereitungszeit wahrscheinlich deutlich kürzer ist. Inwieweit wäre Finnland hier Vorbild, die es 2019 bei Ihrem Titel ähnlich gemacht haben?

Das wurde von vielen Seiten falsch verstanden, es war nur eine Überlegung meinerseits, falls das DEL-Finale über sieben Spiele gehen sollte und die Spieler dadurch wenig Pause haben. Der Vorteil dieser Idee ist, dass die Spieler eingespielt sind und sich so besser auf dem Eis kennenlernen können und die benötigte Chemie entwickeln. Ein Beispiel hierfür ist natürlich Finnland, die so das letzte Mal den Titel geholt haben. Die Vorbereitung wird diese Saison aktuell nicht viel kürzer sein, wie die Jahre zuvor, jedoch müssen wir aufgrund der WM-Verlegung um zwei Wochen, die Pläne sicher noch anpassen, um die bestmögliche Vorbereitung zu haben. Hierfür spielt der Deutschland Cup [05. – 08.11. in Krefeld] auch eine große Rolle, es ist so wichtig für alle, dass wir ihn spielen können.

Insbesondere die Top-Mannschaften wie München und Mannheim setzen die letzten Jahre vermehrt auf deutsche Spieler aus Ihrer eigenen Akademie. Wie sehen Sie im Allgemeinen die Entwicklung des deutschen Eishockeys in Bezug auf den Nachwuchs?

Ich sehe die Entwicklung als sehr positiv an und es ist entscheidend zu erkennen, wie viel Potenzial ein Spieler hat und wie dieses perfekt gefördert werden kann. Der DEB ist einen guten Weg in Bezug auf die Trainerausbildung gegangen, um den Nachwuchsspielern die beste Förderung zu garantieren. Dies muss natürlich immer weiter analysiert werden, um Verbesserungspotenzial zu finden und dieses zu nutzen.

Warum sind es Ihrer Meinung nach insbesondere die Top-Mannschaften, die auf den eigenen Nachwuchs setzen und weniger die kleineren Vereine?

Das ist schwierig im Allgemeinen zu sagen, da es stark davon abhängt, wo die Eltern wohnen und welchen Berater sie haben. Es wäre natürlich ideal, wenn alle U20-Nationalspieler in der DEL spielen würden. Es sind aber nicht nur die großen Vereine, die gute Nachwuchsarbeit leisten, sondern es wird generell großer Wert auf junge Spieler gelegt und die Spieler werden in den DEL-Kadern auch eingesetzt. Man kann sagen, dass die DEL in diesem Bereich einen sehr positiven Schritt gemacht hat und die Vereine auch einen Plan haben, wie sie junge Spieler einsetzen und die Anlagen des Spielers individuell verbessern.

Mit Tim Stützle, Lukas Reichel und John Peterka stehen drei große Talente bereit für den NHL-Draft. Wie haben Sie die Entwicklung gesehen und was trauen Sie ihnen in Nordamerika zu?

Ich erwarte zunächst, dass Moritz Seider nächstes Jahr einen Platz in der Verteidigung der Detroit Red Wings einnimmt, wann auch immer die neue Saison in Nordamerika beginnen kann. Alle vier Spieler zusammengenommen haben auf jeden Fall die Mentalität, sich in Nordamerika durchzusetzen. Es ist jedoch eine komplett andere Welt, gegen die besten Spieler der Welt zu spielen und sie müssen jederzeit körperlich und mental bereit sein, ihre Chance zu nutzen und sie dann auch wahrnehmen, wenn sie kommt.

Wenn wir schon beim Thema Nordamerika sind: Wie motiviert man Spieler aus der NHL - insbesondere Superstars wie Leon Draisaitl - den Reisestress für eine WM auf sich zu nehmen?

Die Teilnahme hängt natürlich von den Vereinen ab, da dort viele Formalitäten geklärt werden müssen, wie beispielsweise die Versicherung. Ich habe bis jetzt immer das Gefühl gehabt, dass die Jungs es eher als Bonus sehen. Aber natürlich gibt es immer zwei Seiten, da die Spieler sich natürlich auch einem gewissen Verletzungsrisiko aussetzen. Solche Fragen besprechen wir mit den Spielern aber erst kurz vor einer WM oder einem Turnier.

Sie haben direkt nach Ihrer Spielerkarriere als Trainer angefangen. Was sind für sie die wohl grundlegendsten Veränderungen, die man im Wandel von Spieler zu Trainer forcieren muss?

Es ist komplett anders. Als Spieler ist man nur für sich und seine eigene Leistung verantwortlich, als Trainer muss man das Kollektiv beeinflussen und verändern. Ziel ist es immer, das Beste aus jedem der Jungs herauszuholen und ihn als Spieler und Person weiterzuentwickeln. Für mich ist es das Wichtigste, die Persönlichkeit zu entwickeln.

Sie sind direkt vom Oberligisten SC Riessersee zum DEB gekommen und haben dort die Stelle des Bundestrainers bekommen. Welche Unterschiede gibt es zwischen der Arbeit bei einem Verein und einer Nationalmannschaft?

Für mich ist es wirklich überragend, mit den besten Spielern des Landes und als Nationaltrainer zu arbeiten. Der größte Unterschied zwischen der Arbeit beim Verband und bei einem Verein ist, dass der Kalender komplett anders aussieht. Man muss Turniere planen, die relativ weit weg sind und man verbringt viel Zeit mit der Beobachtung der Spieler, um die Entwicklung einzuschätzen. Zudem hat man nicht ständig ein Trainerteam um sich wie im Verein.

Ihr erstes Jahr war mit WM-Platz sechs und Platz zwei beim Deutschland-Cup sehr erfolgreich. Was wollen Sie bis 2022 erreichen - insbesondere bei Olympia?

Ich glaube, das größte Ziel ist aktuell, wieder zu einem geregelten Spielbetrieb zurückzukehren. Da bekommen wir von der Politik aber gerade wirklich gute Signale. Ich glaube schon, dass wir das Zeug dazu haben, um die Top-Sechs bei der WM mitzuspielen. Es ist immer ein großer Erfolg, wenn man auch mal um eine Medaille kämpft. Jedoch ist es auch schwierig, ein Ziel im Voraus zu definieren, da es sich während der WM meist entwickelt, wozu das Team in der Lage ist. Wichtig ist, dass man keinen Gegner zu groß macht. Wir sind in der Lage, jedem Team ein Bein zu stellen.