Nicht alles eine Frage der ZeitAndré Dietzsch im Hockeyweb-Interview

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Wir schreiben den 26. Dezember 2013. Es ist 5:12 Uhr morgens, als die SMS eintrifft. André Dietzsch, mit der U18 des DEB auf dem Weg zum 5-Nationen-Turnier nach Zuchwil (Schweiz), entschuldigt sich für die verspätete Rückmeldung. 1. Januar 2014, Neujahrstag! Gewohnt freundlich steht der vielbeschäftigte Trainer der nervenden Presse erneut aufgeschlossen gegenüber. Dabei macht er keinen Hehl daraus, dass er lieber redet als E-Mails zu schreiben. Zu erzählen hat der gebürtige Berliner, der nach seiner Zeit als sportlicher Nachwuchsleiter des ESC Dresden weiterhin in der sächsischen Landeshauptstadt lebt, einiges – besonders nach seinem turbulenten Sportjahr, das 2014 in die Fortsetzung geht.

Dietzsch und die wilden Jungs

Nicht lange überlegen musste André Dietzsch im Sommer, als das Angebot der Wild Boys, dem Kooperationspartner der Dresdner Eislöwen (DEL2), kam. Schnell war klar: „Die Herausforderung nehme ich an.“ Und bislang ist er mit seiner Truppe auch zufrieden: „Es ist gut zu sehen, dass ein Team, dem Experten vor der Saison keine Chance eingeräumt hatten, mit harter Arbeit, Fleiß und Disziplin in der Liga mitspielen und punkten kann“, ist er stolz und auch ein bisschen schadenfroh. Besonders Sebastian Staudts Aufstieg in die DEL freut den Trainer. „Das zeigt, dass die Oberliga als Ausbildungsliga sehr wertvoll sein kann.“ Da der ehemalige Wild Boy nun als Back-up-Goalie den Kasten der Straubing Tigers hütet, wurde Andreas Mechel mit einer Förderlizenz von Bietigheim nach Chemnitz geholt. Mit dem neuen Keeper „haben wir uns als Saisonziel den vierten Tabellenplatz gesetzt. Dazu wollen wir versuchen, durch attraktives Eishockey die Zuschauerzahlen zu steigern.“ So ganz konnte sich die schnellste Mannschaftssportart der Welt in der traditionellen Eiskunstlauf-Stadt bislang nämlich nicht durchsetzen. Wie will Dietzsch den Bogen von Katharina Witt und Ingo Steuer zu den Puck-Cracks der Gegenwart schlagen?

Raubtier-Dompteur

„Ein Freundschaftspiel in Chemnitz zwischen den Ice Tigers und einem anderen attraktiven Gegner könnte die Popularität steigern“, schlägt der ehemalige Profi-Keeper vor – eine Idee, die ihm bei seiner Arbeit als Torwarttrainer der Nürnberger kam. Seit dieser Saison unterstützt der 42-Jährige den DEL-Klub in der Frankenmetropole, wo er auf alte Bekannte trifft. „Martin Jiranek (Sportdirektor, Anm. Redaktion) kenne ich unter anderem von DEB-Maßnahmen in Füssen. Und mit Tray Tuomie habe ich zusammen in Bremerhaven gespielt.“ Zudem ist der Ex-Goalie mit Michael Elmer befreundet. Der Österreicher kümmerte sich vergangene Spielzeit um die Nürnberger Torhüter. „So kam also eines zum anderen und der Kreis schloss sich“. Einmal im Monat besucht der Berliner in der Regel das Training der Ice Tigers. Viel zu tun gibt es für ihn hierbei aber nicht: „Tyler (Weiman, Anm. Redaktion) und Andi (Jenike, Anm. Redaktion) sind so stark. Da geht es wirklich nur um Nuancen“, lobt er die beiden.

Ein Leben zwischen und neben den Pfosten

Unabhängig von der Höhe der zu nehmenden Hürden stünde bei seiner Trainer-Tätigkeit vor allem eines im Vordergrund: Vertrauen! Das hatte Dietzsch in seiner aktiven Torhüterzeit vor allem zu zwei Idolen: zum ehemaligen NHL-Coach Andy Murray, der 1993 die Eisbären Berlin in der ersten Liga hielt, sowie zu Ralph Krueger, den er aus seiner Zeit im österreichischen Feldkirch kennt. Der 42-Jährige schwärmt: „Ich habe echt Glück gehabt, unter solchen Coaches spielen zu dürfen. Beide haben mir, auch in Bezug auf meine heutige Trainerarbeit, sehr viel gebracht.“

Eigentlich ist das Ziel eines Schlussmanns und Torhütertrainers klar: Die Scheibe muss gestoppt werden. Dietzsch lacht: „Im Ernst, manchmal ist es kurioserweise wirklich egal, wie sich ein Goalie im Tor gibt. Natürlich haben Stars wie Dominik Hasek oder Jonathan Quick eine gewisse Technik und gute Athletik, aber das meiste geht doch über Intuition und Individualität. Man kann nicht sagen, das eine oder andere sei richtig, da es viele Möglichkeiten gibt. So entscheidet also am Ende nur: Stoppt er die Scheibe oder nicht.“ Und die fliegt nicht selten mit einer Wahnsinnsgeschwindigkeit auf den Keeper zu. Klar, dass dieser da ein bisschen verrückt sein muss, oder? „Keine Frage“, bestätigt der Berliner, den mit Eisbären-Legende Sven Felski eine tiefe Freundschaft verbindet. „Doch ein Stürmer oder Verteidiger, der sich ins Spiel schmeißt, ist es nicht weniger. Von daher nehmen sie sich nicht viel.“ Für Dietzsch, der mit sechs Jahren zum ersten Mal die Laufschule besuchte, war jedoch früh klar: Das Tor soll es sein. Und so begann eine Goalie-Karriere, die nach Stationen in Berlin, Bad Tölz, Feldkirch, Duisburg und Bremerhaven im Jahr 2001 aufgrund einer Knieverletzung endete.

Das Herz des ehemaligen Torhüters schlug aber weiter für das Eishockey, so dass er sich nach seiner Ausbildung zum Industriekaufmann dazu entschied, „in dem Bereich weiterzumachen“. Los ging es mit der Übungsleitung der jungen Hannover Indians (U16), bevor es ihn schließlich nach Dresden verschlug.

Familienglück

Doch was sagt eigentlich seine Frau zu seiner zeitaufwendigen und reiseintensiven Leidenschaft? „Die kennt das nicht anders“, hat er fast ein bisschen Mitleid mit Heike, mit der er über 20 Jahre zusammen und davon die Hälfte verheiratet ist. „Klar, es ist nicht immer einfach und die Woche hat nur 168 Stunden, aber in Chemnitz muss ich ja nicht permanent vor Ort sein, so dass auch Zeit für die Familie bleibt.“ Neben seiner Gattin gibt es noch zwei weitere „Mädels“ in Dietzschs Leben: die Töchter Marie (25), die in Berlin studiert und lebt, sowie die 16-Jährige Ann-Kathrin. „Marie hatte meine Frau mit in die Beziehung gebracht. Sie war damals gerade drei Jahre. Ich habe mir angeschaut, wie es so als Vater ist“, scherzt er, „doch schnell war klar: Das passt. Und dann kam die Kleine.“

Das „Problem“ mit dem Nachwuchs

Aber nicht nur der Familien-Nachwuchs liegt dem Ex-Keeper am Herzen. Nach der U16 der Indians und der Dresdner Eishockey-Jugend profitieren aktuell die Kids der Chemnitzer Torwartschule und Jugendlichen des DEB von seiner Arbeit. Gerne setzt sich der Berliner für die nächsten Generationen ein. „Die Kinder sind überall gleich. Egal ob sie aus Kanada, Russland oder der Schweiz kommen – alle fangen bei null an.“ Allerdings gebe es Unterschiede zwischen den genannten Eishockey-Nationen und Deutschland. „Dort liegen klare Strukturen vor. Es wird viel Wert auf die Ausbildung gelegt und viel Geld in sie investiert. Hierzulande dagegen dient das gesamte Bildungssystem als Alibi-Funktion“, gibt er sich kritisch. „Vereine und Eltern wollen einen Profi, vergessen aber, dass zwischen Beginn und Karriere mindestens zehn Jahre liegen. Das kostet.“ Was im Fußball bereits umgesetzt wurde, davon sei man im Eishockey – einmal abgesehen von den Standorten Mannheim und Berlin – weit entfernt.

Die Hoffnung gibt Dietzsch jedoch nicht auf. Immerhin hätten die Jungs der U18-Nationalmannschaft mit dem 3:1 gegen Tschechien in Zuchwil bewiesen, „dass sie mit einer geschlossenen Mannschaftsleistung auch die Großen im Eishockey schlagen können.“ Das Spiel gegen die Finnen (0:2) habe aber auch gezeigt, auf welchem Level andere Länder sind und dass hier in Deutschland etwas getan werden muss, um sportlich konstant weiterzukommen. „Es wartet also eine Menge Arbeit auf uns, denn im April steht die entscheidende Phase der Saison an" – die WM in Schweden.


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