Interview mit Franz Reindl

Lesedauer: ca. 5 Minuten

Nach dem Aufstieg der U20 in die „A-Gruppe“

 sind für unsere Auswahlteams die Turniere

dieses Jahres abgeschlossen. DEB-Sportdirektor Franz Reindl zog in einem vom

DEB geführten Interview Bilanz.

 

Herr Reindl, welches Resümee ziehen Sie für

das Jahr 2009?

Franz Reindl: Alles, was wir 2009 an Höhen

und Tiefen erlebt haben, wurde durch den tragischen Tod unseres Nationaltorhüters

Robert Müller überschattet, der uns alle tief getroffen und mit großer Trauer

erfüllt hat. Sportlich gesehen war es für den DEB insgesamt ein sehr

lehrreiches Jahr. Das 1. Halbjahr war, bis auf die enorm wichtige und

erfolgreiche Olympiaqualifikation der Herren-Nationalmannschaft, überwiegend

negativ. Die Frauen haben sich nicht für Olympia qualifiziert, die U20 ist

abgestiegen und die Nationalmannschaft hatte eine schlechte WM 2009. Das 2.

Halbjahr wiederum brachte mit dem unerwarteten Gewinn des Deutschland Cup in

München und dem souveränen, sofortigen Wiederaufstieg unserer U20

Nationalmannschaft, aber auch mit einer neuformierten Frauen-Nationalmannschaft

eine absolut positive Trendwende für den Deutschen Eishockey-Bund.       

Bei den Herren haben wir somit, was die

Nationalmannschaft betrifft, im Anschluss an die erfolgreichen WM-Teilnahmen

2006, 2007 und 2008 im Februar 2009 unser großes Ziel des Jahres, die

Qualifikation für die Olympischen Spielen 2010 in Vancouver, erreicht. Im

November haben wir den Deutschland Cup in München gewonnen, das war nach der

nicht so erfreulichen WM 2009 für viele sehr unerwartet. 2009 war sportlich und

emotional eine Achterbahnfahrt, allerdings alles innerhalb eines langfristigen

Aufwärtstrends.

 

Sie haben es angesprochen, die WM 2009 war

wohl der Tiefpunkt des Jahres für Sie.

Ja, das war ein Rückschlag für uns, der so

nicht zu erwarten war. Nach dieser Enttäuschung sind wir aber nicht in Panik

verfallen, sondern haben nach internen Analysen und Diskussionen an unserem

Trainerteam festgehalten und unseren Mehrjahresplan nicht aus den Augen

verloren. Wir haben uns selber aus dem zwischenzeitlichen Tief gezogen und uns

nicht von der Kritik, die von allen Seiten einschlug, aus der Bahn werfen

lassen. Dass wir auf dem richtigen Weg waren und sind, hat zuletzt der

Deutschland Cup gezeigt. Ein anderes Beispiel ist die Tatsache, dass derzeit elf

deutsche Spieler einen NHL-Vertrag haben und in Nordamerika spielen.

 

Das Jahr 2009 war für die Nachwuchsmannschaften

nicht erfolgreich, die U20 und U18 Auswahlmannschaften waren in die Division I abgestiegen…

Auf den ersten Blick wirkt das natürlich

hart, insbesondere weil alles zusammenkam. Man muss das aber differenziert

betrachten. Die U20 Nationalmannschaft ist seit Jahren eine so genannte

Fahrstuhlmannschaft und stark abhängig von den Spielstärken der entsprechenden

Jahrgänge. Die Ergebnisse gegen die großen Eishockeynationen werden von Jahr zu

Jahr besser. Inzwischen ist die U20 wieder in die Eliteklasse aufgestiegen und

wir hoffen, bei der kommenden WM den Erhalt in der Top Division zu schaffen. Der

beeindruckende und souveräne Aufstieg der U20-Auswahl vor zehn Tagen war ein

großer Schritt für uns. Im Weltkonzert bewegen wir uns hier in etwa auf Platz

9, also besser als die Nationalmannschaft. Unsere U18-Auswahl hat in den

vergangenen acht Jahren Top-Ergebnisse erzielt und Mannschaften wie die

Slowakei oder die Tschechische Republik hinter sich gelassen, die ihrerseits den

Gang in die Zweitklassigkeit antreten mussten. Der Abstieg heuer war sehr, sehr

unglücklich. Im Weltniveau bewegen wir uns hier um Platz 6, das ist

ausgezeichnet. Man muss auch beachten, dass an den Nachwuchs-Weltmeisterschaften

nur zehn Teams teilnehmen und der Spielmodus ein anderer ist – man muss

zu den besten acht Mannschaften der Welt gehören, um nicht abzusteigen, d. h.

20 % der Teilnehmer steigen jeweils ab. Die Leistungsdichte an der Spitze ist insgesamt

extrem hoch.

 

Bei der Frauen-Nationalmannschaft findet

nach der verpassten Qualifikation für Olympia 2010 auch ein ziemlicher Umbruch

statt.

Bei den Frauen haben wir einen radikalen

Schnitt gemacht und neue Ziele gesetzt. Wir bauen auf unsere jungen

Nachwuchstalente aus der U18 Mannschaft und führen diese sehr früh in die A-Mannschaft

ein. Das langfristige Ziel ist, mit der neuen jungen Generation die

Qualifikation für die Olympischen Spiele 2014 in Sotschi zu schaffen. Die

ersten positiven Ergebnisse haben wir früher als erwartet bereits dieses Jahr

erzielt mit Siegen gegen die Mannschaften aus der Slowakei, der Schweiz und

China, die allesamt in Vancouver mitspielen.

 

Welche Ziele haben Sie für das Jahr 2010?

Im Januar steht der MLP Cup an, bei dem

unsere Frauen-Nationalmannschaft ihren nächsten Auftritt hat. Im Februar kommt

dann das erste sportliche Highlight für die Herren-Nationalmannschaft, die

Olympischen Spiele in Vancouver. Wir sind in unserer Gruppe mit Schweden,

Finnland und Weißrussland sicherlich der Außenseiter, aber wir können in Kanada

unbeschwert spielen und durch gute, kämpferische Leistungen vielleicht eine

Überraschung schaffen und vor allem Werbung für das nächste anstehende Top-Event

machen, die 2010 IIHF Weltmeisterschaft in Deutschland. Davor hat die U18

Nationalmannschaft im April bei der Division I Weltmeisterschaft als klar

gestecktes Ziel den Wiederaufstieg in die Top Division.

 

Was erwarten sie sich speziell von der IIHF

Weltmeisterschaft in Deutschland?

Mit dem Eröffnungsspiel vor der

Weltrekordkulisse von über 76.000 Zuschauern in der Arena auf Schalke werden

wir Eishockey in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses holen, das wird

ein großartiges Erlebnis. Dazu möchten wir in den international herausragenden Spielorten

Köln und Mannheim den Zuschauern Eishockey der Spitzenklasse präsentieren und

mit unserem Team eine couragierte und engagierte Leistung zeigen, um die

Menschen zu begeistern. Wir wollen bei der WM natürlich auch etwas reißen, wie

man so schön sagt. Ich bin überzeugt, dass wir 2010 den Trend der letzten

Monate weiterführen werden.

 

Haben Sie sonst noch weitere Wünsche?

Ich wünsche mir, dass die Institutionen des

deutschen Eishockeys – DEB, DEL, ESBG und Landeseissportverbände in

Zukunft noch enger zusammenarbeiten und ein gemeinsames, übergeordnetes Ziel

verfolgen: die Förderung des national Eishockeysports. Dies ist eine besondere

Herausforderung für unser Präsidium mit Uwe Harnos an der Spitze. Wir haben

dieses Jahr zusammen einiges erreichen können, ein positives Beispiel war etwa die

kurzfristige Zusage der ESBG zur Ausführung des DEB-Pokals, um die U20

Nationalmannschaft besser auf die Division I WM vorbereiten zu können. Das hat

sich im Nachhinein als eine wichtige Maßnahme für den geglückten Wiederaufstieg

herausgestellt. Es gibt aber sicherlich noch vieles, was verbessert werden kann

und muss. Dennoch blicke ich positiv in die unmittelbare Zukunft. Ich wünsche allen

ein gutes Jahr 2010, das in jeglicher Hinsicht ein großartiges Jahr für das

gesamte deutsche Eishockey werden möge.