Als Deutschland den Favoriten schlug und dabei den Weltrekord einstellteRubrik "Denkwürdige Momente im Eishockey" startet mit der Heim-WM 2010

Deutschland schlägt Team USA vor traumhafter Kulisse auf Schalke mit 2:1 (Foto: Imago) Deutschland schlägt Team USA vor traumhafter Kulisse auf Schalke mit 2:1 (Foto: Imago)
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Knapp fünf Jahre zuvor, am 13. Mai 2005, erhielt der DEB den Zuschlag für die Austragung der WM im eigenen Land. Nach 2001 fand also lediglich neun Jahre später wieder eine Eishockey-WM im Land der Dichter und Denker statt. Uwe Krupp, seit Februar diesen Jahres in seiner zweiten Amtszeit als Trainer der Kölner Haie, trainierte die deutsche Auswahl seit Bekanntmachung des Zuschlags für den DEB im Jahre 2005 auch im WM-Jahr 2010 und steigt erst 2011 aus, um erstmals Klub-Trainer zu werden.

Mit einer großen Eröffnungs-Gala, einer für den Eishockeysport ausgerichteten umgebauten Schalke-Arena bei sogar mehr Fassungsvermögen als der FC Schalke 04 bei seinen Bundesliga-Partien und tollem Programm vor und nach dem Spiel um das Stadion herum waren die Rahmenbedingungen bestens für einen tollen Start in die WM. Trotz stets spielbestimmender Amerikaner bissen sich die Gastgeber ins Spiel, waren immer gefährlich – und erzielten im Mitteldrittel gar das 1:0 durch Michael Wolf. Die Führung währte lange, aber nicht lange genug. Noch im Schlussdrittel glich die USA aus – aber wer hatte schon erwartet, dass das Spiel lange so offenblieb und Deutschland auf jeden Fall einen Punkt mitnehmen würde? Natürlich spielte da auch der Heimvorteil vor gigantischer Kulisse mehr als nur eine Rolle. Lediglich 21 Sekunden in der Verlängerung brauchten die Deutschen in Person von Felix Schütz, ehe aus dem ersten sogar ein zweiter Punkt wurde. Der Videobeweis zur Überprüfung auf Korrektheit aufgrund einer Kick-Bewegung des Pucks ins Tor zum vermeintlichen 2:1-Treffer unter lautstarken Pfiffen egalisierte sich, als der Schiedsrichter das Eis wieder betrat und auf den Mittelpunkt zeigte; der Treffer zählte, die Überraschung war gelungen, sie war perfekt!

Doch wie sah es parallel dazu in den Profiligen im eigenen Land aus? In der DEL wird mit den von Hans Zach trainierten Hannover Scorpions wenige Wochen vor der WM ein Überraschungs-Team Deutscher Meister im Eishockey – die drei Jahre später ihre DEL-Lizenz nach Schwenningen verkauften und vorerst von der großen Bühne verschwanden. Einen regulären Auf- und Abstieg zwischen den bestehenden Profiligen DEL sowie der zweitklassigen ESBG-Liga existiert bereits seit vier Spielzeiten nicht mehr.

DEB, ESBG, DEL – drei Namen, null Konsens. Eishockey-Deutschland glich einem zerstrittenen Flickenteppich, der Historiker an die Zeiten Deutschlands im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation erinnern könnte. Viele Beteiligte trugen ihre Mitschuld, Verbände und Organisationen waren zerstritten, zudem getragen von einzelnen Selbstdarstellern, die auf dem Rücken einer Eishockey-Nation jeglichen Fortschritt blockierten. Zentrale Streitpunkte stellten die Themen Auf- und Abstieg zwischen den Profiligen, Professionalisierung der Strukturen sowie die Nachwuchs-Arbeit im deutschen Eishockey dar.

Und wie schnitt das DEB-Team im WM-Jahr 2009 ab? In der Gruppe mit Russland, der Schweiz und Frankreich holten die Deutschen einen Punkt und rutschten damit in die Abstiegsrunde, die sie als Vorletzter beendeten – was auf dem Papier den Abstieg in die Division II bedeutete. Doch das Glück im Unglück will es, dass der Ausrichter der nächsten WM nicht in die Division II absteigen kann; Österreich stieg als Zweitplatzierter der Abstiegsrunde unter vier Teilnehmern ab. Umso bitterer: Den direkten Vergleich gewannen die „Ösis“ mit 3:1, doch es half nichts.

Inmitten der Streitigkeiten und der schwach verlaufenen Vorjahres-WM funkelte die WM 2010 deutlich und ließ deutsche Eishockey-Fans die hauseigene Tristesse kurzzeitig vergessen, aber auch Fan-Neulinge an Land ziehen und Interessierte in Deutschland erstmals wieder aufhorchen. Dass dabei die Rekordmarke eines besuchten Eishockeyspiels auf Schalke als Weltrekord in die Bücher einging, wurde somit mehr als nur eine kleine Randnotiz. Im späten Frühjahr flitzten Eishockey-Profis aus aller Welt über das Eis in Köln, Mannheim und Gelsenkirchen: Eishockey war in aller Munde!

In einer brechend vollen Veltins-Arena besiegen die Mannen in schwarz-rot-gold die Mannschaft aus Übersee am 07. Mai zum Eröffnungsmatch mit 2:1 nach Verlängerung, die USA muss in der Folge sogar in die Abstiegsrunde – welche sie souverän meistern. Die Haupt- und die Zwischenrunde übersteht Deutschland knapp, ebenso knapp absolvieren die Krupp-Cracks das Viertelfinale: Mit 1:0 durch den goldenen Treffer Patrick Gogullas siegt Deutschland über die Nachbarn aus der Schweiz – die Eidgenossen, die den Deutschen so häufig vormachten, wie eine gute Förderung des Eishockey-Nachwuchses aussieht. Und dennoch: Deutschland steht im Halbfinale! Das 1:0 im Viertelfinale findet in der ausverkauften SAP-Arena in Mannheim statt.

Im Halbfinale ist dann allerdings Schluss: Als es lange 1:1 stand, erzielt Gegner Russland 110 Sekunden vor Ende der regulären Spielzeit den Siegtreffer und schickt den Gastgeber ins Spiel um Platz 3 – das die Deutschen ebenso 3:1 gegen die schwedische Nationalmannschaft verliert. Russland muss sich im Finale in der ausverkauften Kölner Lanxess-Arena den Tschechen 1:2 geschlagen geben.

In der darauffolgenden WM 2011 gewinnt die Deutsche Nationalmannschaft alle Gruppenspiele, darunter auch gegen Russland mit 2:0, scheidet im Viertelfinale aber gegen die Tre Kronor aus Schweden 5:2 aus. Dies schmälerte die Leistung der Deutschen in der Gruppenphase allerdings keinesfalls. 

Wirkte Eishockey-Deutschland augenscheinlich rehabilitiert nach Jahren des Pendelns zwischen Division I und Division II? Auch in den Jahren nach 2011 waren Gratwanderungen zwischen Abstiegs- und Zwischenrunden der Weltmeisterschaften für die DEB-Teams an der Tagesordnung. Nach der sechs Jahre andauernden Ära Uwe Krupps als Nationaltrainer wechselte der DEB – analog zum Bild der weiterhin währenden Streitigkeiten der Verbände von Oberligen, DEB und DEL sowie des Dauerbrenners des Auf- und Abstiegs zwischen den Profiligen – zu Jakob Kölliker und Pat Cortina. Stets beherrschten durchaus auch interne Stimmen aus Nationalspieler-Kreisen das Feld, beide erreichten die Top-Spieler kaum. Förmlich greifbar war der Wunsch nach einem gestandenen Nationaltrainer. 2014 entging man als 14. nur hauchdünn dem Abstieg in die Division II.  Marco Sturm, langjähriger NHL-Spieler und angesehen im deutschen Eishockey, übernahm – und erhielt prompt entsprechende Reputation. Absagen wurden rar, Platzierungen bei den Weltmeisterschaften besser.

Doch dies ist nicht Sturms Verdienst alleine: Seit Übernahme Franz Reindls als DEB-Präsident und damit dem Ende vieler Nebenkriegsschauplätze oder auch größerer Grabenkämpfe steht beim DEB nun die Nachwuchsförderung an erster Stelle; aus der ESBG-Liga wurde die DEL2, die sich zunehmend professionalisiert hat und immerhin „näher“ an die DEL rückt. Mit dem EHC Red Bull München stand 2019 zuletzt ein Team im international angelegten Champions Hockey League-Turnier sogar im Finale. Auch die sportliche Verzahnung zwischen DEL und DEL2 wurde trotz weiterhin langanhaltender Zwists erreicht und wird ab der kommenden Saison wieder ausgespielt. Die WM 2010 als Wendepunkt zu besseren Zeiten Eishockey-Deutschlands zu sehen, wäre aufgrund der danach noch anhaltenden Querelen um Auf- und Abstieg, Krach im DEB und den Landesverbänden und der bis dato brach liegenden Jugendarbeit verfrüht und damit vermessen, dies so darzustellen. Dass Eishockey in Deutschland hinter König Fußball die Nummer Eins darstellen kann, bewiesen nicht nur diese Wochen im Mai 2010, sondern auch die vergangenen letzten Jahre, nach denen sowohl Zuschauerandrang als auch Wirtschaftskraft der Profiligen und gar der Oberligen belegen, dass Eishockey eine feste Rolle in Deutschland spielt – deren mediale Präsenz sich zwar gebessert hat, aber auch noch weiter ausbaufähig erscheint.