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Weil Eishockey in Kanada die Massen elektrisiertAuszug aus dem Buch "111 Gründe, Eishockey zu lieben!"

Auszug aus dem Buch "111 Gründe, Eishockey zu lieben!"

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Generell lockt jeder Sport seine ganz speziellen Anhänger. Fans,die in Ekstase geraten, wenn der Ball rollt, durch einen Korb geworfen wird, wenn Männer auf Ski durch die Luft fliegen, in Autos durch die Landschaft rasen oder mit dem Fahrrad höchste Berge erklimmen. Bei denen es Hysterie auslöst, wenn sie an­deren dabei zusehen können, wie sie ihren Sport auf höchstem Niveau betreiben. Manchmal auch einfach nur betreiben, ohne großes Niveau.Was die breite Masse angeht, so sind die Sportarten regional doch recht verschieden, die solcherlei merkwürdige Dinge bewirken. Europa zeigt sich da weit weniger aufgeschlossen als etwa Nordamerika. Während diesseits des Atlantiks überwiegend der Fußball angebetet wird, findet sich drüben neben Basketball, Baseball und American Football auch noch das Eishockey, das mit einer enormen Anhängerschar protzen kann. Der flächenmäßig größte Teil Nordamerikas, nämlich Kanada, pflegt dabei ein sehr spezielles Verhältnis zum Puck und allem, was dazugehört. Wer das einmal erlebt hat, der vergisst das nicht so schnell. Also als Europäer, meine ich, der aufgrund seiner euro­päischen, in diesem Fall deutschen, Erfahrungswelt echte Groß­ereignisse eigentlich nur aus dem Fußball kennt. War ja ordentlich was los bei der WM 2006 in Deutschland. Alle Mann im »Schland«­Modus, ein Land lag sich in den Armen, vereint im Fußball­ Fieber­ Freudentaumel. Jetzt folgt ein kleiner Erfahrungsbericht, 2011 war ich in Van­couver, der drittgrößten Stadt Kanadas. Dort befanden sich die Vancouver Canucks gerade im NHL­ Finale um den Stanley Cup,das alles entscheidende siebte Spiel stand bevor. Ein Heimspiel.Der Tag vorher war ein bisschen wie die Ruhe vor dem Sturm, über der ganzen Stadt lag eine gespannte Erwartung. Jeder stellte sich seelisch und moralisch auf den kommenden Tag ein. Der fiel mitten in die Woche, wirklich zu arbeiten schienen aber nur die An­gestellten in der Gastronomie. Schon am Vormittag füllten sich die Straßen. Erst hauptsächlich im Zentrum, aber irgendwann liefen überall Menschen mit blauen Trikots, den Heimfarben der Canucks, rum. An den Zielanzeigern der Busse, die noch fuhren, konnte man sich nicht mehr orientieren. Dort stand nur: »Go, Canucks,Go!« Selbst die Ältesten zeigten Flagge, eine Oma ­marschierte am Krückstock mit Trikot und Mütze durch die Gegend, ihr Hund war ebenso komplett ausgestattet. Nur ohne Krückstock. Weil Tickets für solche Spiele schwer zu bekommen sind, musste man sich früh anstellen, um in den Pubs noch einen Platz zu er­gattern. Bei den Olympischen Spielen ein Jahr zuvor, wo Kanada in Vancouver die USA im Finale schlug, wurden Tickets für die­se Partie für über 5.000 Euro gehandelt. Hier bezifferte sich der Wahnsinn nicht niedriger. Die Kanadier sind einfach verrückt nach Eishockey, es ist ihr Sport, ihr nationales Heiligtum, ihre Religion.Kanada ist Eishockey. Das führt dann dazu, dass man schon am späten Vormittag in der Schlange steht. Der Einlass wird eher strikt geregelt in den etlichen Bars: Man muss sich anstellen. Wer da zu spät kommt, wird gar nicht erst reingelassen. Die meisten Plätze in den Bars waren schon um 13 Uhr weg. Das Spiel begann allerdings erst um 17 Uhr. Eine Zeit lang beobachtete ich, wie sich die Hauptstraßen immer mehr füllten. An vielen Plätzen war kein Durchkommen mehr, weil es auch etliche Public-Viewing-Areale gab. In seiner Eishockeyliebe ist der Kanadier dann auch wenig zim­perlich. Fans der Canucks äußerten ihre Antipathie mit dem Geg­ner Boston auf skurrile Weise. An einem Eishockeyschläger wurde ein Braunbär, die Bruins sind die »Braunbären«, mit Boston-Trikot aufgehängt und mit herumgeschleppt. Aus der makabren Szene er­wuchs aber reale Sprengkraft. Die Canucks verloren 0:4, waren nie wirklich dran in diesem Spiel. Der Frust steigerte sich, die Stadt brodelte – und nachdem Boston den Cup geholt hatte, verloren viele Fans komplett die Nerven. Fensterscheiben von Geschäften wurden eingeschmissen in der Nacht nach dem Spiel, Feuer wurde gelegt, es wurde geplündert. Vancouver verfiel für ein paar Stunden in ein Chaos, geriet außer Kontrolle. Als ich am nächsten Tag durch die Straßen ging, noch ziemlich fertig von einem langen Eishockey­ Erlebnis, war das Zentrum teilweise nicht wiederzuerkennen. Die Reste eines Schlachtfeldes. Doch mittendrin erhielt alles eine interessante Note. Die Stadt rief die Bürger auf, beim Beseitigen dieses Chaos zu helfen. Viele Freiwillige schnappten sich tatsächlich Mülltüten und säuberten die Straßen. Solch eine Bürgerinitiative hatte ich bis dahin noch nicht erlebt. In Deutschland würde so ein Aufruf wohl eher ungehört verhallen. Na gut, wenigstens würde durch Eishockey auch niemals so viel zerstört werden.Weiterer Auszug aus dem Buch "111 Gründe, Eishockey zu lieben" >>

Marcel Stein

111 GRÜNDE, EISHOCKEY ZU LIEBEN

Mit einem Vorwort von Uwe Krupp

288 Seiten | Taschenbuch

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9,99 EUR (D)

Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, Berlin 2015