Alles, was man in den rund zwei oder mehr Stunden Beobachtung an Eindrücken gesammelt hat, alles, was man sich notiert hat, muss jetzt noch in die jeweiligen Schiedsrichter-Beurteilungsbögen eingetragen, sprich klassifiziert und benotet werden.
Neben einfachen statistischen Feldern wie Ergebnis oder Anzahl der Strafen erfasst man auch die Qualität der Strafen oder eben der nicht gegeben Strafen.
Auf dem Bewertungsbogen werden zehn Kategorien in acht Stufen bewertet. Bei den Linienrichtern kommen vier spezielle auf sie gemünzte Kategorien hinzu. Für die Hauptschiedsrichter muss man die Regelauslegung je Drittel, ebenfalls in acht Stufen, bewerten. Hier wird auf einen Blick klar, ob er seiner Linie treu geblieben ist. Bei den Linesmen wird Abseits und Icing separat bewertet. Neben einem Feld für Kommentare kann man die positiven, aber auch die negativen Auffälligkeiten im Spiel vermerken. Hierbei handelt es sich um die 132 bzw. 122 zu beobachtenden Kriterien. Jeder Beobachter ist angehalten, mindestens jeweils einen zu verbessernden und positiven Punkt zu vermerken. Beschäftigt man sich etwas länger mit der Thematik und den Beobachtungsbögen, bekommt man den Eindruck, dass man das sprichwörtliche Haar in der Suppe finden will.
Dieser Einschätzung stimmt Gerhard Lichtnecker zu: „Genau so wenig wie eine Mannschaft über sechzig Minuten fehlerfrei bleibt, bleiben auch die Schiedsrichter nie ganz fehlerfrei. Auch wenn ein Schiedsrichter wirklich ein sehr, sehr gutes Spiel abgeliefert hat, perfekt wird er nie sein. Mit diesen Beobachtungsbögen versuchen wir tatsächlich, so etwas wie das Haar in der Suppe zu finden. Wir wollen immer das finden, was man verbessern kann und muss. Die Bögen helfen dabei sehr gut.“ Und auch in unseren Berichten findet man sicher immer wieder Fehler – schade, aber menschlich.
Nach dem Spiel hatte ich die Chance, in der Kabine mit den Schiedsrichtern zu sprechen. Mir stehen drei ziemlich verschwitze Menschen gegenüber. Es wird schnell klar, dass die Herren kein Schaulaufen gezeigt haben, sondern dass es auch bei ihnen um eine sportliche Leistung handelt. Diese Dinge findet man natürlich auch unter den Beobachtungskriterien zwischen den Punkten 40 bis 49. So bezeichnet z.B. Punkt 42 die „konditionelle Verfassung“.
Ich war den Teams ziemlich dankbar, da es fast keine hektischen und bis auf Kleinigkeiten auch kaum streitbaren Szenen gab - so zumindest mein Eindruck. Ulpi Sicorschi äußerte sich zu meiner Einschätzung eher vorsichtig: „Na ja, das war ein Derby, da muss man schon extra aufpassen, ob die Checks wirklich fair sind, nicht dass sich da Nickligkeiten einschleichen. Die muss man dann natürlich unterbinden. Aber im Großen und Ganzen war es schon eine ruhigere Partie.“ Erstaunlicherweise spricht er dann genau das an, was ich auf meinem Beobachtungsbogen unter den Dingen die mir gefallen haben notiert habe. „Ich habe den Kontakt mit den Trainern und Spielern gesucht, das erleichtert die Schiedsrichterarbeit dann auch.“
Da es ja um die Beobachtung geht, will ich wissen, ob es etwas Besonderes ist, wenn man beobachtet wird oder ob man sich als Schiedsrichter besonders vorbereitet. „Nein, egal welcher oder ob ein Beobachter im Stadion ist, das spielt keine Rolle, darf es auch nicht. Ich möchte mein Niveau halten, so dass beide Mannschaften zufrieden sind. Aber unser Chef findet tatsächlich immer etwas das man verbessern kann.“ Damit bestätigt Ulpi Sicorschi die Worte vor Gerhard Lichtnecker, der auch auf Kleinigkeiten Wert legt.
Dass die Schiedsrichter direkt nach dem Spiel Besuch vom Beobachter bekommen, ist ein normaler Vorgang. Allerdings steht sonst keiner mit dem Diktiergerät in der Kabine und stellt Fragen. In der Regel werden noch in der Kabine eventuelle schwierige Situationen durchgesprochen. Auch die Möglichkeit, sich das auf einem Fernsehgerät noch mal anzusehen, besteht.
Auch wir haben uns über einige Kleinigkeiten unterhalten. Nahezu verblüfft war ich von einer Disziplinarstrafe mit Ansage. Im ersten Abschnitt war der Nürnberger Spieler Greg Leeb vom Anspiel weggeschickt worden und redete erst auf den Linienrichter und dann auf den Hauptschiedsrichter recht wild gestikulierend ein. Da es deutlich über das leider übliche Murren hinausging, war das für mich persönlich schon haarscharf an einer Disziplinarstrafe. Schon in der Drittelpause habe ich mit Gerhard Lichtnecker über die Szene gesprochen. Er meinte: „Er hat ihn sicher ermahnt und wird ihn bei einer weiteren Diskussion sicher eine Strafe geben“. Nicht gleich mit den großen Strafen um sich zu schmeißen und auf die Spieler mit Worten, wenn auch entscheidenden zuzugehen, nennt man dann wohl Fingerspitzengefühl. Doch der Spieler G. Leeb wollte seine Chance nicht nutzen, redete im zweiten Drittel erneut auf den Hauptschiedsrichter ein und bekam die angesagte Zehner.
Bei gut einem Drittel aller Spiele ist ein Schiedsrichterbeobachter in der Halle. Doch was würden all diese ausgefüllten Zettel nutzen, würde man sie nur in einem Ordner im Schrank verschwinden lassen? Nichts! So ist es auch nicht.
Der tatsächliche Effekt dieser durchaus anspruchsvollen Tätigkeit wird im Laufe einer Saison sukzessive aufgebaut. Die ausgefüllten Bögen werden in einer Software erfasst und ausgewertet. Da bei jedem Spiel und bei jedem Schiedsrichter dieselben Kriterien abgefragt werden, wird ziemlich schnell ersichtlich, welcher Schiedsrichter welches Probleme hat, oder ob es gar ein generelles Problem bei den Schiedsrichtern gibt.
Aus den festgestellten Schwachpunkten ergibt sich, sozusagen automatisch, der Schwerpunkt für den nächsten Schiedsrichterlehrgang, um dann genau diese Fehler so schnell wie möglich abzustellen. Spätestens jetzt wird klar, wie ausgetüftelt das System der Schiedsrichterbeobachtung ist und wie man tatsächlich aus den gemachten Fehlern seine Lehren zieht. Nicht einfach aus einem Bauchgefühl heraus, sondern mit fundierten Fakten und Zahlen.
Morgen wird sich zeigen, wie gut der Aushilfsbeobachter wirklich war. In Teil drei folgt die Auswertung.


















