Eishockey - Stories

28.02.2012

Hockeyweb hautnah

Köpfe der Clubs: Ralf Kürten (Erding Gladiators)

von Richard J.Flohr

Dem Kölner in Oberbayern sind die Erding Gladiators zu einem „persönlichen Anliegen“ geworden. So arbeitet er bereits seit einem Jahrzehnt in unterschiedlichen Funktionen am Wiederaufstieg des Erdinger Eishockeys. Nun führt er ehrenamtlich die Eishockeyabteilung des bereits 150 Jahre alten TSV Erding mit ihren 400, meist jugendlichen Mitgliedern in seiner zweiten Saison. Wir stellen Ralf Kürten vor und sprachen mit ihm über den Charakter des Clubs als Ausbildungsverein und seine Hoffnung, die Oberligazugehörigkeit am ‚grünen Tisch’ zu erhalten.

Ralf Kürten

Ralf Kürten - Foto: Privat

Steckbrief

Alter: 49 Jahre

Geburtsort: Köln (seit 22 Jahren in Bayern und seit 12 Jahren in Erding)

Familie: verheiratet, 1 Sohn (18 Jahre)

Beruf: Kaufmännischer Angestellter

Hockeyweb: Herr Kürten, was führte Sie nach Erding und wie kamen Sie zum Eishockey? Haben Sie selbst einmal gespielt?

Kürten: „Nein, gespielt habe ich selbst nie. Aber ich war bereits in Köln vom Eishockey begeistert und ein echter Fan der ‚Haie’ weil ein Klassenkamerad von mir im KEC Eishockeynachwuchs spielte. Als ich vor 12 Jahren nach Erding kam, konnte ich hier dann die letzten beiden Jahre der ‚Jets’ erleben. Nach deren Insolvenz vor 10 Jahren mußte der Club dann wieder ganz unten in der Bezirksliga anfangen. Da wurden neue Vorstände gesucht und so fragte man auch mich, ob ich eine Aufgabe übernehmen wollte. Seither bin ich in den verschiedensten Funktionen dabei. Start als Zeitnehmer, später lange Jahre Kassier und seit 2010 Abteilungsleiter.“

Hockeyweb: Ihr Sohn Felix spielt auch im Team. Was war zuerst, Ihr Vorstandsengagement oder seine Aktivität als Nachwuchsspieler?

Kürten: „Ja, der Felix startete mit 4 Jahren in der Lauflernschule und war damit schon vor mir aktiv. Heuer spielt er mit der Nummer 33 in seiner ersten Herren-Saison im Team. Letztes Jahr ist er mit Landshut noch Deutscher Meister in der DNL [Deutsche Nachwuchs Liga, d. Red.] geworden. Nun bin ich gespannt, wie er sich in der Oberliga entwickelt.

Hockeyweb: Sie sind ein rein ehrenamtlich geführter Verein. Wie sieht die Aufgabenteilung in Ihrem Vorstandsteam aus?

Kürten: „Genau genommen sind wir sogar nur eine von 20 Abteilungen des TSV Erding mit seinen über 3.000 Mitgliedern. Ich leite also die Eishockey-Abteilung mit knapp 400 Mitgliedern und kümmere mich vor allem um die Senioren und die U24-Nachwuchsmannschaft. Wolfgang Krzizok, Vater unseres Top-Scorers Daniel, zeichnet sich für den Nachwuchs verantwortlich und ist nebenbei, zusammen mit Andreas Weigel, für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Unsere Finanzen sind bei Beate Bartke in guten Händen und das Sponsoringgeschäft verantwortet Patrick Kressler. Zudem haben wir zwei Jugendleiter und viele helfende Hände, ohne die der Betrieb nicht möglich wäre. Einen sportlichen Leiter für unsere 1. Mannschaft haben wir nicht – die Entscheidungen trifft unser Abteilungsvorstand in Abstimmung mit dem Präsidium des TSV und zusammen mit dem Trainer.“

Hockeyweb: Sie wiesen gerade darauf hin, daß mit Ihnen und Herrn Krzizok zwei Spieler-Väter an der Spitze der ‚Gladiators’ stehen. Ist denn nach dem Weggang der Söhne aus dem Team auch mit dem Abschied der Väter aus der Clubverantwortung zu rechnen? Und was käme danach?

Kürten: „Die Gladiators sind mein persönliches Anliegen und Hobby. Felix stieß erst diese Saison aufgrund beruflicher Herausforderungen wieder zum Team. Also gibt es da keinen bedingten Zusammenhang mit meiner Vorstandstätigkeit.“

Hockeyweb: Wie ist das Selbstverständnis der Gladiators, welche Philosophie verfolgen Sie?

Kürten: „Wir sehen uns als Ausbildungsverein und wollen eine Erdinger Mannschaft mit möglichst vielen Spielern aus unserem eigenen Nachwuchs auf’s Eis schicken. Zusammen mit unserem 1b-Team, das mehrheitlich eine U24-Mannschaft ist, und unseren Nachwuchsteams in allen Altersklassen sehen wir eine gute Basis für dieses Ziel. Wir freuen uns, wenn Spieler sich bei uns für eine höhere Liga entwickeln. Das ist dann zwar schade für uns, aber darin sehen wir unsere Aufgabe.“

Hockeyweb: Das klingt ein bischen defätistisch, nach freiwilliger Selbstbeschränkung. Und das vor dem Hintergrund Ihres vergleichsweise guten Zuschauerpotentials...

Kürten: „Nein, gar nicht. Unser Umfeld, hier in Erding, läßt das Spielen in einer höheren Liga nur unter gewissen Einschränkungen zu. Das haben wir ja damals bei den ‚Jets’ gesehen. Deren Zusammenbruch hängt uns heute oft noch nach. Da muß man dann auch ehrlich sein und sich realistische Ziele setzen.“

Hockeyweb: Ist denn vor dem Hintergrund des wirtschaftlichen Risikos und der damit verbundenen Gefahr für den Gesamtverein an eine Ausgliederung des Spielbetriebs der 1. Mannschaft in eine eigene Gesellschaft gedacht?

Kürten: „Nein, die Organisation als Verein soll bleiben. Etwas anderes würde die Stadt und würden einige Sponsoren nicht noch einmal mitmachen. Wir wollen Eishockey solide finanzieren. Dann stellt sich diese Frage auch gar nicht.“

Hockeyweb: Welche Rolle spielt denn Eishockey in Stadt und Region?

Kürten: „Wir erhalten große Unterstützung von unserem Bürgermeister in vielen Fragen. Außerdem helfen uns die Stadtwerke auch finanziell, sonst wäre unsere Arbeit gar nicht möglich. Zudem haben wir ein treues Publikum. Allerdings haben wir auch viel Konkurrenz allein von anderen Eishockeyclubs in unserer Umgebung: München, Landshut, Dorfen, Grafing, um nur einige zu nennen.“

Hockeyweb: Wo wir nun schon beim Wirtschaftlichen sind, mit welchem Etat und Zuschauerzahlen planen Sie denn für diese Saison?

Kürten: „Unser Etat für die gesamte Abteilung ist in dieser Saison kleiner als 400.000 Euro. Dafür kalkulieren wir mit 600 Zuschauern pro Spiel.“

Hockeyweb: Ihre sportliche Zielsetzung für diese Saison war der achte Tabellenplatz und damit der Klassenerhalt als Aufsteiger. Inzwischen ist dieses Ziel auch rechnerisch nicht mehr möglich und der DEB hat schon deutlich erklärt, daß eine Aufstockung der Liga über Nachrücker von unten, nicht über den Verbleib des sportlichen Absteigers erfolgen soll. Welche Folgen hat der postwendende Abstieg in die Bayernliga für die ‚Gladiators’ und insbesondere für die Zusammensetzung des Teams?

Kürten: „Der sportliche Abstieg ist besiegelt. Es besteht jedoch eine 80 %-Chance die Liga aufgrund günstiger Auf- und Abstiegskonstellationen der angrenzenden Ligen zu halten.“

Hockeyweb: Können Sie schon Gründe benennen, warum Sie Ihr Saisonziel so klar verfehlten? Was muß sich im nächsten Jahr ändern?

Kürten: „Wir sind mit der erfolgreichen Bayernliga Mannschaft ohne aufsehenerregende Transfers in die Oberligasaison gestartet. Die Abteilungsleitung bedankte sich auf diese Weise für die herausragende Vorsaison. Wir mussten viel Lehrgeld zahlen und erkennen, dass gezielte Verstärkungen unbedingt notwendig sind. Mit ein wenig mehr Kaltschnäuzigkeit und bei glücklicherem Spielverlauf wäre dennoch Platz sieben oder acht durchaus möglich gewesen.“

Hockeyweb: Vor der Saison tippten Sie auf Bad Tölz als Meister der Oberliga Süd und nannten Kassel und Frankfurt als Top-Aufstiegskandidaten für die Bundesliga. Wie sehen Sie Ihren Tip heute, vor dem Saisonfinale?

Kürten: „Mein Tip Bad Tölz kann sich mit den beginnenden Play-Offs noch bewahrheiten. Bad Tölz war die einzige Mannschaft, gegen die wir nicht punkten konnten.“

Hockeyweb: Herr Kürten, wir danken Ihnen für das ausführliche Gespräch!

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