Was das Wunder von Gangneung für das deutsche Eishockey bedeutetEine Einordnung des historischen Silbertriumphs

Die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft präsentiert in Gangneung ihre Silbermedaillen bei den Olympischen Winterspielen 2018. (Foto: dpa)Die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft präsentiert in Gangneung ihre Silbermedaillen bei den Olympischen Winterspielen 2018. (Foto: dpa)
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106 Jahre nach dem ersten Turnier um eine deutsche Eishockey-Meisterschaft, 110 Jahre nach Gründung der International Icehockey Federation – damals noch als Ligue Internationale de Hockey sur Glace (LIHG) – gelang der deutschen Eishockey-Nationalmannschaft unter Bundestrainer Marco Sturm etwas, das noch bis Beginn dieses olympischen Eishockey-Turniers gänzlich undenkbar schien. Eine Eishockey-Nation, deren wahre Größe in der Begeisterungsfähigkeit ihrer Fans liegt, die sportlich jedoch oft genug gegen den Abstieg aus der A-WM kämpfen musste – und das, weiß Gott, nicht immer erfolgreich – kann nicht fassen, was da passiert ist.

Es gab Medaillenerfolge in der Vergangenheit. Die von 1910 bis 1912 existierende LIHG-Meisterschaft als Vorläufer der heutigen WM-Turniere gewann Deutschland – damals noch vertreten vom Berliner Schlittschuh-Club – zweimal. Die 1991 abgeschaffte Europameisterschaft, die es als eigenständiges Turnier nur bis 1932 gab und danach eine „Sonderwertung“ im Rahmen der Weltmeisterschaft war, gewann Deutschland in den Jahren 1930 und 1934. Genau dazwischen gelang bei den Olympischen Spielen 1932 in Lake Placid der Gewinn der Bronzemedaille in einem Turnier, an dem wirtschaftsbedingt nur vier Teams teilnahmen. Und dann waren da die Spiele von Innsbruck 1976. Die bis hierher größte Legende des deutschen Eishockeysports, als Deutschland aufgrund einer kuriosen Regelung beim direkten Vergleich – es zählte der Torquotient – die zweite olympische Bronzemedaille gewann.

Als Franz Reindl, Bronzemedaillengewinner von Innsbruck und nun Präsident des Deutschen Eishockey-Bundes, nach dem Halbfinalerfolg von Gangneung gegen Kanada in der Kabine jeden einzelnen Spieler umarmte und schließlich bei Christian Ehrhoff ankam, da sprachen aus dem Blick des Olympiahelden von vor 42 Jahren, viele Dinge: Ungläubige Freude. Erleichterung. Und Dankbarkeit. So gern sie auch darüber sprechen – doch die Helden von 1976 müssen nicht mehr als erfolgreiche Kuriosität einer ansonsten bedröppelten Eishockey-Nation herhalten.

Was bedeutet der historische Silbertriumph – dieser mit Abstand größte Erfolg in der Ära des „modernen Eishockeys“? Nach der Premiere 1996 legte die nordamerikanische National Hockey League erstmals keine Pause für Olympia ein. War das der entscheidende Vorteil für die deutsche Mannschaft? Nein! Wenn diese Rechnung so einfach wäre, hätte ja auch Norwegen Silber gewinnen können. Oder Slowenien. Oder jedes andere Land. Ganz im Gegenteil. Die WM-Turniere der vergangenen Jahre haben gezeigt, wie abhängig die deutsche Mannschaft vom frühen Ausscheiden der deutschen NHL-Spieler aus den Stanley-Cup-Play-offs war, um bei der WM eine gute Rolle spielen zu können.

Der Grund für diesen Erfolg ist bei Marco Sturm zu suchen. Der Bundestrainer hat das perfekte taktische Konzept für sein Team gefunden: Defensiv muss das Team sicher stehen. Das galt übrigens auch schon bei Hans Zach als Maxime. Doch anders als in den zurückliegenden Jahrzehnten betont der aktuelle Bundestrainer nicht im vorauseilenden Selbstmitleid, wie überlegen andere Nationen sind, sondern ließ das Wort „Glaube“ in großen Lettern in der Kabine anbringen. Er impfte seinen Spielern Selbstvertrauen ein. Er schuf eine wahre Mannschaft, die zusammenhielt – und dazu vom „Team D“, also der gesamten deutschen Olympia-Mannschaft gestützt wurde.

Was bedeutet dieser Triumph nicht? Es gilt klar festzuhalten: Deutschland wird fortan nicht Jahr für Jahr bei Weltmeisterschaften Medaillen abräumen. Schon die WM in Dänemark in diesem Jahr wird gänzlich andere Teams sehen – und nicht nur, weil die NHL-Spieler aus der Hälfte der 31 Teams, die die Play-offs verpassen, und aus den acht Teams, die in der ersten Runde ausscheiden, dabei sein werden. Ohne Frage hat das DEB-Team in herausragender Art gezeigt, zu was eine an sich selbst glaubende Mannschaft fähig ist – doch ein Dauerzustand wird das nicht sein.

Oder zumindest noch nicht. Das DEB-Nachwuchskonzept Powerplay 26 muss nicht in Powerplay 18 umbenannt werden.

Was aber möglich sein muss, ist, dass das deutsche Eishockey nun nicht nachlässt. Der Begeisterungsschub kann helfen, Jungs und Mädchen für diese Sportart zu begeistern. Kids, die heute gesehen haben, was man im Eishockey erreichen kann. Das passiert allerdings nicht von selbst. Viele deutsche Clubs von der DEL bis zur Oberliga und gar darunter haben ihre Nachwuchsarbeit in den zurückliegenden Jahren intensiviert. Doch es ist noch sehr viel Luft nach oben.

Jetzt erst recht! Jetzt nicht nachlassen! Nur wenn alle vom DEB, über die DEL und die DEL2 bis in die Vereine nun nicht zufrieden sind, sondern gierig auf neue Erfolge werden, wenn jeder Trainer und jeder Papa und jede Mama, die als Betreuer oder Zeitnehmer bei den Bambini ihre Freizeit opfern, nun mehr statt weniger machen, dann kann der Traum vom Powerplay 26 wahr werden. Und vom Powerplay 30. Und vom Powerplay 34.

Die Silbermedaille von Gangneung kann ein Anfang sein. Legen wir los! Es liegt viel Arbeit vor dem deutschen Eishockey!

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