Medaillenträume: Schafft Deutschland die nächste Sensation gegen Kanada? Hockeyweb analysiert den Rekord-Olympiasieger

Brandgefährlich: Maxim Noreau vom SC Bern. (picture alliance/ZUMA Press)Brandgefährlich: Maxim Noreau vom SC Bern. (picture alliance/ZUMA Press)
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Nun ist die Sensation eingetreten. Die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft, die eigentlich nur gut aussehen wollte und vom Viertelfinale träumte, hat nach einem „Sieg für die Geschichtsbücher“ über Schweden sensationell das Halbfinale erreicht. Nun geht es, ungeschönt, um den Finaleinzug, eine Bronzemedaille ist möglich, aber auch Silber. Wenn man auf dem Boden bleibt, und das sollte bei dem Trainerteam möglich sein, dann ist alles möglich.

Am Freitag, dem 23. Februar trifft Deutschland um  13.10 Uhr MEZ, auf den Weltranglistenersten Kanada, zuvor um 8.40 Uhr MEZ spielt Tschechien gegen die olympische Auswahl Russlands.

Rekord-Olympiasiseger Kanada, das war schon vorher klar, gehören nicht nur wegen ihrer Weltranglistenposition zu den Favoriten, hatten aber das Problem, dass die Profiliga NHL, im Gegensatz zu den letzten olympischen Spielen, diesmal keine Pause einlegen wollte. Da die NHL international ausgelegt ist, mussten viele Länder Schwächungen hinnehmen. Auch Deutschland konnte einige Topakteure nicht einsetzen wie z.B. Leon Draisaitl (Edmonton Oilers) oder Tobias Rieder (Los Angeles Kings).

Die größten Probleme hatten jedoch die Kanadier und US-Amerikaner, die sich komplett neu aufstellen mussten. Das Problem wurde gelöst, in dem man sich aus dem europäischen Pool dort spielender Akteure bediente, da alle Ligen, die in Südkorea antraten, selbstverständlich in ihren Topligen eine dreiwöchige Pause einlegten.

Sehen wir uns also einmal das Team Kanada an, das sich am Freitag mit Deutschland misst.

Im Tor fängt Ben Scrivens (Salavat Yulaev Ufa). Aktuell steht er bei Olympia mit einer Fangquote von 92,9 Prozent und einem AVG von 1,61 auf Rang sechs. Platz eins hält übrigens der Schweizer Jonas Hiller (AVG: 1,14) vor dem Tschechen Pavel Francouz (AVG: 1,41). Back-up von Scrivens ist Kevin Poulin. Poulin glänzte beim Davoser Spengler-Cup über die Jahreswende, was ihm prompt einen neuen Vertrag beim Schweizer NL-Ligisten EHC Kloten einbrachte. Der dritte im Bunde, Justin Peters (Kölner EC), verbringt seine Arbeitstage mit dem Erstellen von Statistiken für Headcoach Willie Desjardins und seinen Helfern Dave King, Scott Walker und Craig Woodcroft.

Bester Mann und auch der entscheidende Torschütze im Viertelfinalspiel gegen Finnland war Maxim Noreau (SC Bern). Der seit drei Jahren in der Schweiz spielende Kanadier führt die olympische Verteidiger-Scoring-Liste mit fünf Punkten (2 Tore) an bei einem +/--Wert von exzellenten fünf. Bei letzterem Wert ist nur der Russe Vyacheslav Voinov mit +7 besser. Zweitbester Defender  und eingesetzt im ersten Block ist Chris Lee (Magnitogorsk/KHL).  Der Kanadier, der 2010 und 2011 auch in der DEL (Köln, Mannheim) spielte, ist trotz seiner 37 Jahre einer der Aktivposten der Ahornblätter. Allerdings ist sein Wert +/-Wert -1. Dritter Mann im Bereich der besten Defensivscorer ist Marc-Andre Gragnani (Minsk/KHL), der im dritten Block eingesetzt wird, mit zwei Punkten. In Minsk hat er in 53 Spielen 32 Punkte geholt (27 Assist), was auf ein gutes Spielverständnis schließen lässt. 

Neben Lee verteidigt im ersten Block noch Mat Robinson  (ZSKA Moskau). Der nur 1,76m große Mann aus Calgary wurde nie gedraftet, zeigt aber im Augenblick beim Moskauer Armeeverein mit 22 Punkten in 42 Spielen wie wichtig er ist. Im zweiten Defensivblock eingesetzt wird Chay Genoway (Togliatti/KHL). Nur 1,75m groß, glänzt Genoway mit starkem Spielverständnis, perfekter Lauftechnik und guter Spielorganisation. Im dritten Defensivblock wird neben Gragnani noch Cody Goloubef (Stockton/AHL) eingesetzt. Goloubef stammt aus einer Eishockeydynastie. Sein Onkel Les Duff spilte 1.027 AHL-Partien, sein zweiter Onkel Dick Duff sogar 1.144 NHL-Spiele. Er ist bekannt als eisenharter Verteidiger, der aber immer versucht fair zu bleiben. In der vierten Verteidigungslinie werden noch Karl Stollery (Riga/KHL) und evtl. noch Stefan Elliott (Jonköping/Schweden) eingesetzt. Bei letzterem ist allerdings ein Einsatz nicht klar, da er gegen Finnland nicht eingesetzt wurde.

Den ersten Sturm könnten Gilbert Brule (Peking/KHL), Derek Roy (Linköping/Schweden) und Rene Bourque (Djugarden/Schweden) bilden. Die drei haben ein Durchschnittsalter von fast 34 Jahren und 350 NHL-Spiele, wobei Roy neben seinen Aktivitäten in der NHL auch auf 204 KHL-Spiele zurückblicken kann. Besonders Roy und Bourque befinden sich im dritten Frühling und waren im Spiel gegen Finnland besonders im zweiten und dritten Drittel die Aktivposten, wenn ihnen auch kein Tor gelang.

Die zweite Angriffsformation wird vom 37jährigen Chris Kelly (Belleville/AHL) geführt. Der hauptsächlich in Ottawa und Boston spielende Kanadier trat bisher 915 Mal in der NHL, 282 Mal in der AHL sowie 288 Mal in der OHL an. In 1.485 Spielen kam er auf 769 Punkte. Seine Flügelstürmer sind zwei Landsleute, die in der Schweizer NL ihr Geld verdienen. Zum einen der 32jährige Mason Raymond (Bern) und zum anderen Linden Vey (ZSC Lions).  Raymond, dessen Cousin Brady Murray einige Jahre in Lugano verbrachte, gilt als schneller Stürmer mit Torjägerqualitäten.  Linden Vey wurde als Ersatz für Robert Nilsson geholt. Der Schwede gilt als einer der drei besten Ausländer der NL, war aber lange Zeit verletzt und wer als Ersatz geholt wird, in diesem Fall aus Astana/KHL, der muss den Schweizer Qualitätsansprüchen genügen.

In der dritten Offensivlinie spielen Andrew Ebbett (Bern), Christian Thomas (Wilkes-Barre/AHL) und der polnisch stämmige Wojtek Wolski (Magnitogorsk/KHL). Überraschend taucht in der aktuellen Scoring-Liste Wolski mit drei Punkten (2 Tore)  auf. Die ehemalige Draft-Nr. 1 der Colorado Avalanche  sieht sich mehr als Passverteiler, so dass seine bisherige olympische Offensivkraft überrascht. Diese Rolle war eigentlich mehr Ebbett zugedacht worden, dem Sturmlenker des NL-Ligisten SC Bern. Der 35jährige erzielte bisher exakt 1,00 Punkte/Spiel und ist einer der Berner Leistungsträger. Interessant die Einschätzung der Fachleute zu Christian Thomas. In der NHL konnte er sich bei drei Vereinen (New York Rangers, Montreal und Arizona) nicht durchsetzen, da er bei seiner Größe von 1,74m trotz seiner Schnelligkeit den physischen Einsatz scheute. Im vierten Block schließlich könnten Rob Klinkhammer (Kazan/KHL), Brandon Kozun (Yaroslavl/KHL), Eric O`Dell (Sotchi/KHL) und Maxim Lapierre (Lugano) zum Einsatz kommen. Allerdings ist natürlich auch Einsatz in anderen Linien möglich, da besonders O`Dell mit einer Face-Off-Quote von 78,3 Prozent brilliert und diese Liste mit 10 Prozent Vorsprung vor dem Tschechen Mertl (68,4%) anführt. Mit Brule (66,7%), Roy (66,7%), Vey (63,6%) und Kelly (62,1%) folgen weitere Anspielspezialisten, so dass ein Tausch, um mehr Angriffsqualität zu erzeugen möglich ist.

Hier könnt ihr eure Olympia-Helden live sehen

 

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