Emotionaler Ausnahmezustand: Deutschland im Olympia-FinaleHockeyweb-Reporter Ronald Toplak über die Sensation der deutschen Eishockeyhelden

Was für ein Jubel! Was für ein Erfolg! (picture alliance/Laci Pereny)Was für ein Jubel! Was für ein Erfolg! (picture alliance/Laci Pereny)
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Eigentlich wollte ich gestern gar nicht schlafen gehen. Ich wollte ganz sicher gehen, dass ich alles nicht nur geträumt hatte. Schließlich schloss ich doch noch die Augen. Meine Gefühle eingeschlossen in einem Kokon. Nach kurzer Nacht erwachte ich. Ich kniff mich. Ja, ich war wach. Ich griff zu Fernbedienung. Videotext. Ich schaute. Ich strahlte. Und mein Kokon explodierte. Heraus kam ein zauberhafter Schmetterling des Glücks. Es! Ist! Wirklich! Wahr! Deutschlands Eishockey-Spieler stehen bei Olympia im Finale gegen Russland.

Ich wischte mir den Schlaf aus den Augen. Immer noch ein wenig ungläubig. Alles irgendwie surreal. Ich weiß nicht warum. Ich griff in den Plattenschrank und nahm eine Scheibe heraus, die ich schon seit Jahren nicht mehr angefasst habe. Spandau Ballet. Der Titel: Gold! Erschien mir passend. Was für ein Wahnsinn. Ich bin immer noch im Bann der Jubel-Bilder dieser unglaublichen DEB-Helden. Denen alles zuzutrauen ist. Alles. Auch Gold! Das, was Bundestrainer Marco Sturm da macht, ist nicht in Worten zu beschreiben. Taktik großartig. Zudem einen Zusammenhalt, der jetzt schon legendär ist. Völlig verdient ist Christian Ehrhoff, der alte NHL-Haudegen, Fahnenträger des deutschen Olympiateams bei der Schlussfeier.

Ich musste das Spiel wie üblich in einem anderem Raum schauen. Allein. Ist schon immer so. Meine Kollegen fürchten sich ob meiner Gefühlsausbrüche. Positiv oder negativ. Manche nennen mich den Liveticker. Weil sie, auch ohne das Spiel zu sehen, alles mitbekommen. War auch diesmal so. Da helfen auch keine geschlossenen Türen. Ein Sauerstoffzelt wäre angebracht gewesen. Vor allem in den letzten zehn Minuten des fantastischen Halbfinals gegen Kanada. Emotionaler Ausnahmezustand in Reinkultur.

Nach dem Spiel glühte mein Handy. Alle wollten mir zu dem Sieg gratulieren. Verbales Schulterklopfen in Endlosschleife. Dabei hatte ich doch gar nicht mitgespielt. Aber meine Freunde wissen eben, wie sehr ich Eishockey liebe. Lebe. Atme. Fühle.

Da war zum Beispiel Gerald Hagen. Er opfert seine ganze Freizeit dem Eishockeysport. Bei FASS Berlin in der Regionalliga. Einst spielte dort per Förderlizenz ein gewisser Jonas Müller. Der Verteidiger von den Eisbären ist für mich schon jetzt einer der ganz großen Helden dieses Turniers. „Ein Ausbildungsspieler von FASS im olympischen Finale“ - Gerry kann es im wahrsten Sinne des Wortes immer noch nicht FASSen. Olympia-Finale, mit 22 Jahren. Gänsehaut! Ich freue mich auch ganz besonders für die Eisbären Frank Hördler und Marcel Noebels. Sorry, liebe Leser, ein bisschen Lokalpatriotismus muss schon sein.

Ich musste aber auch Aufbauarbeit betreiben. Bei meiner Freundin Carol zum Beispiel. Sie ist Kanadierin. Ihre Eltern wanderten dorthin aus. Sie kehrte nach Berlin zurück - der Liebe wegen. Niemals aber gab sie ihre Heimat auf. 2010 schauten wir gemeinsam das Endspiel, als Kanada bei Olympia in Vancouver Gold holte. Damit rechnete sie auch diesmal. Ganz normales Anspruchsdenken im Land der Ahornblätter. Dann der Schock. Sie fing sich aber schnell: Morgen drückt sie dem DEB-Team die Daumen. Mit voller Wucht. Mit vollem Enthusiasmus.

Dies gilt auch für meine Nichte Nele. Ein Jahr lebte sie in Kanada, ging dort zur Schule. Natürlich hat sie noch viele Freunde in diesem eishockeyverrückten Land. Sie staunten, als die von ihrer Leidenschaft für die Eisbären erzählte. Fußball-Fan in Deutschland? Okay. Aber Eishockey? Das nahmen sie nicht ernst. In ihrer Gastfamilie schnüren alle die Schlittschuhe. Auch die Töchter. Gestern musste Nele Tränen trocknen. Viele Tränen.

Auch ich muss immer noch heulen. Vor Begeisterung. Verzeihen Sie mir meine Tippfehler. Ich zittere vor Aufregung. F-I-N-A-L-E! Märchenhaft. Ich singe schon wieder: Gold, glaube immer daran!

Was habe ich im Eishockey schon alles erlebt. Als Kind die Bronzemedaille in Innsbruck 1976. Ein Wunder, auch wenn die Topnationen Kanada und Schweden fehlten. Das ich immer mit Lorenz Funk senior in Verbindung bringen werde. Später, ich war inzwischen Reporter, erzählte er immer wieder Anekdoten von diesem Erlebnis. Im letzten Jahr ist Lenz leider verstorben. Viel zu früh. Ich bin mir aber sicher, dass er oben schon längst einen himmlischen Eishockey-Stammtisch gegründet hat, mit seinem eigenen Maßkrug seinem damaligen Trainer Xaver Unsinn zuprostet. Ich weiß, dass Lenz am Sonntag auch neben mir sitzen wird.

2010, bei der grandiosen Heim-WM, war ich live dabei. Ich kann mich erinnern, wie Sven Felski nach dem Einzug ins Halbfinale überglücklich durch die Katakomben stiefelte, immer wieder mit dem Satz auf den Lippen: „Leck mich am …..“. Am Ende wurde es nur Platz 4. Nur? Für mich war es eindeutig der größte Erfolg des deutschen Eishockeys.

Bis eben zu den historischen Tagen von Pyeongchang. Ich werde heute durchmachen. Sicher ist sicher. Verschlafen ist nicht. Muss ja sowieso ins Büro. Mein Chef hat mich vorher eingeladen. Zum Konzert. Um die Zeit zu überbrücken. Die Rocklegenden von Toto spielen in der Columbia-Halle. Danach werde ich mich fühlen wie als kleiner Junge vor Weihnachten. Aufgeregt. Minuten werden zu Stunden. Bis es endlich so weit ist. Bescherung. Sonntag um 5.10 Uhr bekomme ich das allerschönste Geschenk, dass ich mir als Eishockey-Fan vorstellen kann: Deutschland steht im olympischen Finale gegen Russland. Egal wie es ausgeht. Ich bekomme das Grinsen gar nicht mehr aus dem Gesicht.  Es hört nicht auf, in meinem Kopf zu summen: Always believe in, because you are Gold!

Anmaßend? Vielleicht. Aber ein bisschen Träumen wird ja wohl erlaubt sein. Jetzt ist ALLES möglich. In diesem Sinne, ich wünsche allen Lesern ein tolles Finale.  

       

 

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