3:4-Niederlage gegen Russland. Deutschland ist Olympiasieger der Herzen!Final-Wahnsinn: DEB-Helden verlieren unglücklich erst in der Verlängerung

Da konnten sie schon wieder lachen. Dieses SIlber glänzt wie Gold. (picture alliance/Michael Kappeler/dpa)Da konnten sie schon wieder lachen. Dieses SIlber glänzt wie Gold. (picture alliance/Michael Kappeler/dpa)
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Jungs, ihr seid Helden. Deutschland hat dem Olympiasieg nur um Haaresbreite verpasst. So knapp. So verdammt knapp. So unglaublich knapp. Um winzig kleine Millimeterchen. Am Ende fehlten ganze 55,5 Sekunden zur goldenen Krönung. Brutal. Das DEB-Team verlor gegen Olympischen Athleten aus Russland erst nach Verlängerung mit 3:4. Silber. Nur? Nein! Es ist ein Silber, das Golden glänzt. Blendet. Strahlt. Leuchtet. Es ist der goldene Schatz im Silbersee. Deutschland hat nicht 3:4 verloren. Deutschland hat 3:4 gewonnen. Und dahinter ein ganz fettes Ausrufezeichen!       

Ganz Deutschland war im Eishockey-Fieber. Überall trafen sich die Fans zum Frühstücksfernsehen. Bei den Eisbären in Berlin zum Beispiel unter anderem im Fanbogen unter der Warschauer Brücke. Aber auch in Bremerhaven, Köln, Düsseldorf, Mannheim, München, Freiburg oder Kaufbeuren wurden Stadiongaststätten oder sogar die Stadien selbst geöffnet. Überall volle Hütte. Die Begeisterung – riesengroß.

Logisch, es ist war ein Tag für die Ewigkeit. Der Finaleinzug ist jetzt bereits der größte Erfolg eines deutschen Eishockey-Teams. 1976 hatte die Auswahl des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB) in Innsbruck sensationell Bronze gewonnen.       

Der haushohe Favorit aus Russland lechzte nach einer Medaille. Vor 26 Jahren gab es das letzte Mal Gold.  Aber das DEB-Team versteckte sich nicht, zeigte das Selbstvertrauen, das man sich mit den Siegen gegen die Schweiz, Schweden und eben Kanada erarbeitet hatte. Kampf, Wille, Leidenschaft gegen Technik und Spielkunst. Die DEB-Cracks warfen sich in alles, was die Russen abfeuerten. Dazu der erneut überragende Keeper Danny aus den Birken. Aus den Birken? Dieser Mann kommt direkt aus dem Himmel!

Als sich jeder schon mit einem 0:0 vor dem ersten Pausentee abgefunden hatte, passierte es doch. Vyacheslav Voinov traf praktisch mit der Schlusssirene (20.). 0,5 Sekunden vor Ende des ersten Drittels. Ein Wimpernschlag. Nicht mehr. Wie bitter. Ohne Frage, die deutsche Mannschaft hatte mehr verdient. „Eine Unkonzentriertheit am Ende. Aber es war beeindruckend, wie die Jungs in den ersten Minuten aufgetreten sind“, lobte DEB-Boss Franz Reindl, einer der Bronze Helden von Insbruck, dennoch seine Jungs. 12:6 Torschüsse nach 20 Minuten sind trotzdem eine deutliche Sprache. Nach zehn Minuten hatte die Sbornaja mächtig angezogen.

Mund abwischen, weitermachen. Und da war sie plötzlich, die Chance für die Deutschen. Aber Frank Maurer brachte den Puck nicht im Kasten unter (22.). Egal. Der Glaube war da. Das machte Mut. Sie wollten die Partie drehen. Unbedingt. Russland drehte wieder auf. Deutschland konterte. Mit Erfolg. Tor! Felix Schütz hatte  abgezogen. Oder doch nicht? Schittschuhtor von Patrick Hager? Videobeweis. Bange Sekunden. Dann die Erlösung: Toooooooor! 1:1 (31.). Hager war gar nicht mehr dran. Dieses Team ist einfach unglaublich.

Die Russen kamen erneut. Aber sie stemmten sich mit Macht gegen die Wucht der roten Angriffs-Lawine. Mit Mut. Willen. Leidenschaft.  Das Spiel gegen die Olympischen Athleten Russlands war die siebte Partie innerhalb von elf Tagen für das Team von Marco Sturm. Egal, wie groß die Schmerzen und die Müdigkeit waren. Dies blendeten alle aus. Adrenalin pur. Klar. Die Chance, Eishockey-Geschichte zu schreiben, war einfach zu groß. Es blieb beim 1:1 nach 40 Minuten. Mal ganz ehrlich, wer hätte das gedacht. Tolle Leistung. „Wir haben das ganze Turnier gezeigt, dass wir mutig sind. Wir sind jetzt im Spiel. Jetzt ist alles möglich“, gab Schütz vor dem Schlussabschnitt eine klare Ansage. Auch DEB-Präsident Reindl strotzte vor Zuversicht: „Man merkt, dass die Russen nervös werden.“

Der russische Bär wankte. Nein, er zitterte. Aus Angst. Vor diesem Wahnsinns-Team, für das es keine neuen Superlative mehr gibt. Die müssen erst erfunden werden. Es lag eine Überraschung in der Luft. Olympiasieger, dieses Wort klang immer noch so unwirklich. Aber die DEB-Cracks glaubten daran, machten weiter Dampf. Das dominante russische Rot wirkte plötzlich Zartrosa. Was ging denn hier ab?!  Nach Torschüssen führen die Russen nur noch 22:17.  Das Zaubereishockey der OAR im wahrsten Sinne des Wortes entzaubert. 

Jetzt wurde es ein echter Krimi. Ein nervenzerfetzender Thriller. Das DEB-Team diszipliniert. Konzentriert. Mehr als auf Augenhöhe. Man rieb sich die Augen. Immer und immer wieder. Aber es war wirklich wahr. Auf dem Eis legten die deutschen Helden die Hand an die Goldkrone. Jetzt nur keine unnötigen Fehler machen. Und dann doch. Das Tor für Russland. Durch Nikita Gusev. Soooooooo frustrierend. Denkste! 10 Sekunden später der Ausgleich - 2:2 Dominik Kahun (beide 54.). Verrückt. Wahnsinn. Fantastisch! Diese Mannschaft gibt nie auf. NIEMALS! 

Und dann nahm der Wahnsinn unfassbare Züge an. Neue Dimensionen. Den es müllerte. Und wie! Jonas Müller vom EHC Eisbären Berlin, das 22-jährige Küken des Teams, traf die Russen mitten ins Herz (57.). 3:2! Deutschland hatte mehr als  eineinhalb Hände an der Goldmedaille. Kampf um jeden Zentimeter. Nur noch drei Minuten. Das musste doch reichen. Die Russen hatten den Torwart schon raus genommen. Ein letztes Aufbäumen. Und doch noch das 3:3. 55,5 Sekunden vor Schluss. Erneut durch Gusev. Das darf doch nicht wahr sein. War es aber. Leider. Von den Toten auferstanden. Verlängerung. 20 Minuten 4 gegen 4.

„Wir sind heiß. Wir spielen jetzt voll auf Sieg“, sagte Christian Ehrhoff trotzig. Deutschland konnte Verlängerung. Das hat das Turnier mehr als deutlich gezeigt. Das Herz pochte bis zum Anschlag. Aber Russland hatte das bessere Ende für sich. So hart. So bitter. So ungerecht. Kirill Kaprizow, das 20-jährige Ausnahmetalent von ZSKA Moskau, traf bei Überzahl (70.). Aus. Vorbei. Russland ist Olympiasieger.  Ehrhoff und  Müller. Alt und Jung. Die beiden deutschen Cracks vergossen auf dem Eis bittere Tränen. Verständlich nach diesem großen Kampf. Unglücklicher zu verlieren geht kaum. Kopf hoch, Männer. Diese Mannschaft hat Geschichte geschrieben. Die sich in die Erinnerung aller Fans ganz fest eingebrannt hat. Für die Ewigkeit. Davon werden die Spieler noch ihren Enkeln erzählen. Mit Sicherheit. Motto: Ich war dabei! Ihr seid die Olympiasieger der Herzen. Eine Inspiration für Kampf. Wille. Und Leidenschaft. So grandios hat noch niemand verloren. Spätestens bei der großen Abschlussfeier der Winterspiele in Pyeongchang, wo Christian Ehrhoff das gesamte deutsche Olympia-Team als Fahnenträger anführt, werden alle Tränen getrocknet sein. Geil ist das neue Gold! Denn das war das deutsche Team. Bleibt nur noch eines zu sagen: Danke!  

Die Stimmen:

Danny aus den Birken wurde zum besten Torwart des Turniers gewählt. Verdient! „Bis wir die Medaille bekommen haben, hat es noch weh getan. Aber jetzt sind wir stolz. Wir haben Deutschland stolz gemacht. Wir sind unglaublich glücklich über Silber. Das ist Wahnsinn. Die Väter des Erfolges sind die Trainer. Sie haben ein unglaubliches Team zusammengestellt. Jeder kämpft für jeden. Jetzt geht es zur Abschlussfeier. Und danach ins Deutsche Haus. Das müssen sie danach renovieren“, sagt der Hexer vom EHC Red Bull München.

Auch bei Dominik Kahun überwog letztlich der Stolz: „Zu Anfang war es ein Schock. Da hat man schon ein paar Tränen gelassen. Wir waren so nah dran. Die Russen haben auch schon überlegt, was hier gerade passiert.  Wir geben niemals auf. Unser Teamgeist ist fantastisch. Jetzt aber bin ich überglücklich. Wir haben die Medaille um den Hals. Und geben sie nicht wieder her.“

Routinier Christian Ehrhoff meinte: „Im Moment bin ich noch ein bisschen traurig. Ich weiß nicht, ob man am Ende so eine Strafzeit geben muss. Aber manchmal ist der Sport brutal. Wenn wir mal auf das gesamte Turnier zurückblicken, dann können wir unglaublich stolz sein, was wir hier mit der Mannschaft erreicht haben. Silber, wer hätte das gedacht?“

„Wir waren so knapp davor, Gold zu gewinnen, deswegen war es natürlich im ersten Augenblick extrem schmerzhaft, das mitzuerleben“, erklärte Yannic Seidenberg: „Aber als die Medaillen kamen, war ich einfach nur unglaublich stolz, dabei gewesen zu sein und sie in der Hand zu haben.“

Kapitän Marcel Goc sagte: „In ein paar Stunden, in ein paar Tagen werden wir verstehen, was wir geleistet haben für unser Land und für das Hockey.“

Von Alfons Hörmann, dem Präsidenten des Deutschen Olympischen Sportbundes, gab es ein väterliches Versprechen: „Dieses Finale hatte alles, was der Sport zu bieten hat. Das wird noch eine heiße Nacht im Deutschen Haus.“  

Fazit vom Vater des Erfolges, Bundestrainer Marco Sturm. Kein Wort der Enttäuschung über das so hauchdünn verpasste Gold. Nur grenzenloser Stolz. Auf sein Team. Und die Fans in der Heimat: „Einen große Dank an alle Fans, die uns so unterstützt, so mitgefiebert haben. Das haben wir schon mitbekommen. Jetzt fliegen wir morgen mit breiter Brust nach Deutschland.“ 


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