Huttwil. Das ist ein kleiner Ort in der Schweiz. Im Oberaargau, im Nordosten des Kantons Bern. Die Postleitzahl lautet 4950. Die Einwohnerzahl nur gut 4700. Dabei ist die Lebensqualität im Schnittpunkt der Region groß. Der Ort ist schön, bietet Arbeitsplätze, eine gute Infrastruktur und ausreichend Freizeitmöglichkeiten. Und dennoch: Profi-Eishockey mag man sich dort kaum vorstellen. Schon gar nicht, wenn es auf dem Spitzenniveau der in Russland basierten KHL stattfinden soll. Doch genau das haben die „Huttwil Helvetics“ vor. Klingt eigenartig? Der Grund, warum dies geschehen soll, ist noch eigenartiger.
Die Huttwil Falcons, die 1996 aus einem Zusammenschluss dreier Vereine entstanden und bis 2009 den Namen EHC Napf trugen, haben bislang Amateureishockey gespielt. In der vergangenen Saison gelang den Huttwil Falcons der große Wurf. In der 1. Liga, der dritthöchsten Spielklasse, belegten sie in der Gruppe 2, Zentralschweiz, nach 22 Spielen den ersten Platz. Über Meister- und diverse Play-off-Runden schafften sie es in die Finalrunde der drei Gruppenmeister. Und tatsächlich gewannen sie durch ein 4:1 gegen den HC Red Ice Martigny-Verbier-Entremont die Schweizer Amateur-Meisterschaft und schafften sportlich den Aufstieg in die Nationalliga B.
Aber eben nur sportlich. Der Sprung in die zweithöchste Spielklasse wurde verweigert, da es die Falcons – gemäß Schweizer Medienberichten – versäumt hatten, alle nötigen Unterlagen zur Lizenzierung einzureichen. Einer Bitte um Fristverlängerung wurde nicht entsprochen. Die Reaktion von Clubchef Markus Bösiger war drastisch. Das Team wurde aufgelöst, Eis in Huttwil nicht mehr aufbereitet.
Doch statt sich mürrisch in die Ecke zu verziehen, entschloss er sich für die Flucht nach vorne. Nach ganz vorne. Nach ersten Kontakten in den zurückliegenden Monaten sei man beim Allstar Game der KHL in Riga nun übereingekommen, das Projekt Huttwil Helvetics in der KHL anzugehen. Ab 2014/15. Das Projekt „Torpedo Leipzig“ in der KHL hat sich inzwischen offenbar in Richtung Wolkenkuckucksheim verabschiedet. Selbst die KHL äußerte sich zuletzt überaus skeptisch. Aus deutscher Sicht scheinen sich also Parallelen zu eröffnen.
Was beim Leipziger Projekt schnell betont wurde: Ohne die Zustimmung des Deutschen Eishockey-Bundes und der International Icehockey Federation geht nichts. Das betonte damals sogar die KHL. Man darf also annehmen, dass das auch im Fall der Helvetier gelten sollte. Aber ist es wirklich so? Die IIHF gibt sich in offiziellen Statements diplomatisch zurückhaltend.
„In Fällen wie diesen folgt die IIHF der Herangehensweise der nationalen Mitgliedsverbände. Wir arbeiten für sie. Das war auch der Fall, als die KHL ihre Pläne bekannt gegeben hatte, nach Poprad in der Slowakei zu expandieren“, erklärt Szymon Szemberg, Communications Director der IIHF. „Der slowakische Verband gab seine Zustimmung und konsequenterweise auch die IIHF. Die gleiche Prozedur wird nun auch in diesem Fall stattfinden. Erst muss der Schweizer Verband eine Stellung beziehen. Und wenn das getan ist, wird die IIHF entsprechend folgen.“
Ähnlich wie damals der DEB im Fall Leipzig gibt sich aber auch die Swiss Ice Hockey Association (SIHA) derzeit vorsichtig. „Wir verfolgen das intensiv und sehen aus einer gesunden Distanz zu. Noch sind wir aber nicht aktiv. Weder unterstützen wir das Projekt zum jetzigen Zeitpunkt, noch verhindern wir es“, sagt Lukas Hammer, Head of Marketing & Communication der SIHA.
Dennoch bleibt die Frage, wie wahrscheinlich es ist, dass die KHL künftig ein Team im kleinen Huttwil beheimatet. Da wäre die nähere Nachbarschaft: Die SC Langnau Tigers spielen in der Nationalliga A, der SC Langenthal in der Nationalliga B. Und irgendwoher müssen die Fans ja kommen, die die Helvetics unterstützen, die Sponsoren einen Grund geben, das Projekt zu unterstützen. Und selbst wenn gehobener Sport der Extragüte als Grund, ein Spiel zu besuchen, zunächst „ziehen“ mag, was passiert, wenn auf der Strecke einer lange Saison, Teams wie Neftechimik Nischnekamsk, HK Jugra Chanty-Mansijsk oder Sibir Nowosibirsk ihre Visitenkarte abgeben und nicht bekannte Schweizer Mannschaften, mit denen man in gesunder Rivalität und Tradition verbunden ist? Lockt das dauerhaft die Fanscharen an – vor allem dann, wenn man zu Beginn möglicherweise sportlich unterlegen ist? Dieses Schicksal erlebt ja der HC Lev Poprad derzeit, der zugegebenermaßen, in seiner 4500 Zuschauer fassenden Halle, einige Male ausverkauft melden konnte, und im jüngst zurückliegenden Heimspiel gegen ZSKA Moskau am 26. Januar 2012 erneut 4348 Zuschauer begrüßen konnte. Sportlich aber steht Poprad auf dem vorletzten Rang der West-Conference in der KHL.
Dennoch müssten die Helvetics eine Menge Geld ausgeben, um erst einmal den Spielbetrieb aufnehmen zu können. Nach Meldungen des Schweizer Mediums „20 Minuten online“ soll das bestehende Stadion für 20 Millionen Franken ausgebaut werden, ehe eine neue Halle für 70 Millionen Franken entstehen soll. Und dann braucht der Club noch ausreichend Schweizer Spieler, die bereit und vor allem auch sportlich in der Lage sind, in der KHL zu spielen. Auch das wird Geld kosten. Anders herum bleibt die Frage, ob die SIHA und in der Folge die IIHF rechtlich überhaupt in der Lage sind, den Start der Huttwil Helvetics in der KHL zu verhindern, sollten Liga und Club das partout durchziehen wollen. Arbeitsrechtlich könnte das schwierig werden. Bliebe nur der Weg, dass die IIHF Sanktionen gegen den russischen Verband verhängt. Und ob man einen langwierigen Streit mit einem der wichtigsten IIHF-Mitgliedsverbände will? Wegen eines Clubs in Huttwil – dort wo die Postleitzahl höher ist als die Einwohnerzahl?
Zumindest bleiben noch eine Menge Fragezeichen.


















