Noch immer ist die KHL nicht dort angekommen, wohin sie gern möchte: nämlich die grenzübergreifend tonangebende Top-Liga auf dem europäischen Kontinent zu sein. Die Gründe dafür sind unterschiedlichster Natur. „Vor allem“, sagt zum Beispiel Berlins sportlicher Leiter Peter John Lee, „unterscheiden sich die Philosophien der Top-Ligen Nord- und Mitteleuropas und der KHL erheblich, insbesondere was die wirtschaftliche Seite angeht.“ Trotz aller Gegensätze gibt es durchaus Schnittstellen in den Interessen. Die bestehen zum Beispiel darin, zukünftig die besten Talente der jeweiligen Nationen nicht mehr für relativ kleines Geld an die NHL abgeben zu müssen, was in der Eishockeyszene noch immer wie ein unumstößliches Naturgesetz hingenommen wird. Man ist gewissermaßen unterwegs zum selben Ziel, allerdings auf sehr, sehr unterschiedlichen Wegen. Dass sich diese in absehbarer Zeit durchaus punktuell treffen und in sportlichen Wettbewerb münden können, will auch Peter John Lee nicht ausschließen. Nur muss eben eine vernünftige Form des Wettbewerbs gefunden werden, die für alle wirtschaftlich vertretbar zu sein hat.
Ihre Expansionsbestrebungen wird die KHL darüber aber gewiss nicht zu den Akten gelegt, zumal sie vor der am Mittwoch beginnenden vierten Spielzeit der KHL von Erfolg gekrönt waren. Mit dem reinen Kunstprodukt HC Lev Poprad gibt ein Klub aus der Slowakischen Republik nach langem Zerren und Zurren sein Debüt in der KHL. Mit international erfahrenen Spielern überwiegend slowakischer (z.B. Branislaw Mezei, Lubos Bartecko, Ladislav Nagy) und tschechischer Herkunft (Tomas Kloucek, Karel Pilar) will sich das Team von Cheftrainer Radim Rulik im selbst auserwählten Haifischbecken behaupten. Kein leichtes Unterfangen. Als Teil der starken Bobrow Division - in der letzten Saison qualifizierten sich vier von dazumal fünf Teams für die Play-off - bekommen es die Löwen ausnahmslos mit namhaften Konkurrenten zu tun. Allen voran SKA St. Petersburg und Dynamo Moskau, die beide ein gehöriges Wörtchen mitreden wollen beim Rennen um den Gagarin Cup. Qualitativ gehören SKA und Dynamo Moskau zweifelsohne zum Kreis der Mitfavoriten. Von Dynamo Riga, Spartak sowie ZSKA Moskau wird das ambitionierte Feld der großen Namen vervollständigt.
Die Tarasow Division darf mit dezentem Augenzwinkern als „deutsche Gruppe“ bezeichnet werden. Denn dort tummeln sich die Klubs von Dimitij Kotschnew und Eduard Lewandowski, Atlant Mytischtschi, sowie Lokomotive Jaroslawl mit Robert Dietrich. Atlant, das durch Heimholaktionen von Stars wie Alexei Kovalev und Nikolai Scherdjew für enormes Aufsehen sorgte, hat sich damit zugleich in Reihe eins der Top-Favoriten katapultiert. Jaroslawl gehört fast schon selbstverständlich zum erweiterten Favoritenkreis auf die Meisterschaft. Unter Vertrag in der Organisation des weißrussischen Vertreters Dynamo Minsk steht zudem Alexej Dmitriew. Der 25-jährige Stürmer mit DEL-Erfahrung wird vermutlich aber überwiegend beim HK Gomel in der weißrussischen Meisterschaft zum Einsatz kommen. Sewerstal Tscherepowez, Torpedo Nischni Nowgorod und das als ziemlich raubeinig bekannte Witjas Tschechow gehören in die Kategorie „graue Mäuse“.
Die Charlamow Division schmückt sich derweil mit dem zweifachen Gagarin Cup-Champion AK Bars Kasan sowie mit dem spätestens seit der Champions Hockey League als Gruppengegner der Eisbären Berlin auch hierzulande bestens bekannte Metallurg Magnitogorsk. Beide Spitzenteams nahmen einschneidende personelle Veränderungen vor, verloren dabei aber keinesfalls an Stärke und werden sicher wieder um den Titel mitspielen. Interessant auch der Neuling der vergangenen Saison: Jugra Chantij-Mansiysk, das in seiner Premierensaison direkt in die Play-off marschierte. Und das mit einem Kader, der ohne Stars auskommt. Auch in der neuen Spielzeit wird bei Jugra das Kollektiv der Star sein. Neftechimik Nischnekamsk, Awtomobilist Jekaterinburg bilden mit Traktor Tscheljabinsk (mit Ex-Eisbär Deron Quint, der in der Vorrunde der letzten Spielzeit mit 21 Toren zum treffsichersten KHL-Verteidiger avancierte) verfügen über eher dezente Play-off-Chancen – überraschende Ausreißer nach oben sind allerdings nicht auszuschließen.
Zu guter Letzt finden sich in der Tschernyschow Division mit dem aktuellen KHL-Champion Salawat Julajew Ufa sowie Avangard Omsk zwei weitere Titelaspiranten. Während Ufas Kader weiter nur so gespickt ist mit Stars, muss Omsk beweisen, ob es auch ohne Jaromir Jagr weiter zur KHL-Spitze zählt. Als sicherer Play-off-Qualifikant hat sich das kasachische Team von Barys Astana in der KHL etabliert. Unter den besten acht im Osten darf Astana auch nach Ende dieser Vorrunde wieder erwartet werden. Zu kämpfen werden dagegen Sibir Nowosibirsk, Metallurg Nowokusnezk und das am weitesten im Osten angesiedelte Team von Amur Charbarowsk haben, über dem Play-off-Strich einzukommen.

















