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Es geht um mehr als das Dach der 2. Liga!Eine sachliche Analyse der Konzepte

Und deshalb ist manchem Protagonisten kein (Schein-) Argument zu billig, jede persönliche Animosität recht, um vom Kern dieser Lage abzulenken und den Fan für sich und seine Sache zu vereinnahmen. Dieser fordert in einem offenen Brief von einigen seiner Vertreter zurecht die "Rückkehr zur Sachlichkeit und objektiver Gesamtbetrachtung". Zu diesem Wunsch wollen wir einen Beitrag leisten und bieten hier eine nüchterne Analyse der Fakten:

Die ESBG hat sich selbst aus dem Spiel genommen

Die für den Spielbetrieb der 2. Bundesliga seit 2002 zuständige ESBG (Eishockey Spielbetriebs-GmbH) hat, ohne eine Fortführungsalternative im Köcher zu haben, durch ihren neuen Geschäftsführer Alexander Jäger den Kooperationsvertrag mit dem DEB gekündigt. Damit war klar, dass die ESBG und ihre Mannschaften ab 01.06.2013 ohne notwendige Verbandsanbindung sind. Die Folgen sind eindeutig in den internationalen Statuten der IIHF (International Ice Hockey Federation) geregelt und waren deshalb absehbar: Würde sie einen Spielbetrieb organisieren, wäre sie eine "wilde Liga" ohne Abwicklungsmöglichkeit von Passangelegenheiten, ohne Schiedsrichterwesen etc.; jedes Team und jeder Spieler wäre bei Rückkehr in den Spielbetrieb des Verbandes zumindest gesperrt, wenn nicht gar ausgeschlossen. Dies gilt für den gesamten Verein, also auch für alle Nachwuchsmannschaften und -spieler.

Aufgrund dieser fehlenden Verbandsanbindung verweigert der für den potentiellen sportlichen Aufsteiger EC Bad Nauheim zuständige Landeseissportverband Nordrhein-Westfalen die Freigabe in eine solche "wilde Liga".

Zudem kam die ESBG bislang ihren vertraglich vereinbarten Zahlungspflichten gegenüber dem DEB in Höhe von knapp 164.000 Euro für die abgelaufene Saison 2012/13 nicht nach. Nach Auskunft von René Rudorisch, dem Geschäftsführer der Crimmitschauer Eispiraten, soll dieses Geld von allen Clubs an die ESBG gezahlt und dort auf ein Notar-Anderkonto deponiert worden sein. Die Auszahlung sei lediglich "eine Formalität".

Die ESBG will nun niemand mehr: Der DEB lehnt nach all seinen Erfahrungen den Abschluss eines neuen Kooperationsvertrages ab. Und die meisten Clubs präferieren die Organisation in einer neuen Gesellschaft, der "DEL 2". Jäger hat aus seinem Eigentor bereits für sich Konsequenzen gezogen, das sinkende Schiff verlassen und seinen Arbeitsvertrag bei der ESBG nach nur einem Jahr gekündigt.

DEB bietet Spielbetrieb unter eigener Regie

Die durch die Kündigung des Kooperationsvertrages entstandene Situation spielt dem DEB gehörig in die Karten, seiner Zielvorstellung, "das deutsche Eishockey wieder unter einem Dach zu vereinen" (vgl. Hockeyweb-Interview mit DEB-Präsident Uwe Harnos vom 14.11.11: http://www.hockeyweb.de/del/nachrichten/artikel/news/das-deutsche-eishockey-wieder-unter-dem-dach-des-deb-vereinen/), nun einen gewaltigen Schritt näher zu kommen. Nach Vorbild des Schweizer Verbandes bietet er übergangslos einen geordneten Spielbetrieb in einer "2. Bundesliga" des DEB mit folgenden Merkmalen an:

  • Mindestens 12 sportlich qualifizierte Clubs,

  • garantierte Verzahnung nach unten, also zu den Oberligen,

  • unverzüglich Aufnahme von Verhandlungen über die künftige Verzahnung nach oben, zur DEL, auf Basis des bestehenden Kooperationsvertrages,

  • weiterhin garantierter Startplatz des Meisters im IIHF-Continental-Cup,

  • Weiterführung des DEB-Pokals (auch zur Förderung des U20-Nationalteams),

  • Möglichkeit von Förderlizenzregelungen für U23-Spieler zur Nachwuchsförderung,

  • durchgängig abgestimmte Durchführungsbestimmungen und Spielpläne unter Berücksichtigung der Club-Wünsche hinsichtlich Ausländerzahl, U23-Spielerzahl etc.,

  • einheitliche Abgaben für alle Clubs gemäß DEB-Gebührenordnung.

Organisatorisch müssten hierfür auch die am Spielbetrieb teilnehmenden Kapitalgesellschaften Mitglieder des DEB werden und erhielten damit auch volle Mitwirkungsrechte im Verband, wie die Teilnahme an Präsidiums- und Schiedsgerichtswahlen, Antragsrecht etc. Diese Konstruktion ist, laut DEB, gemäß verbindlicher Auskunft des Finanzamts München für seine Gemeinnützigkeit unschädlich, sofern mit dem Finanzamt abgestimmte Kooperationsverträge mit den jeweiligen Stammvereinen am Spielort geschlossen werden. Zudem offeriert der DEB den Clubs weitere Unterstützung und vor allem auch weitgehende Selbstverwaltungsrechte:

  • Nutzungsmöglichkeit des DEB-Verwaltungsapparates (Buchhaltung, Gerichtsbarkeit, Marketing u.a.),

  • Einstellung eines Ligenleiters für Marketing, PR und Spielbetrieb in Abstimmung mit den Clubs,

  • Berufung eines kommissarischen Vize-Präsidenten für die 2. Bundesliga aus drei Vorschlägen der Clubs bis zur Neuwahl im Juni 2014,

  • Teilnahme an den Nachwuchsförderprogrammen Reindl-Pool, DEL-Förderverein und NHL-Vertrag.

Die Frist zur Annahme dieses Angebots durch Meldung zum Spielbetrieb wurde auf den 07.06.13 verlängert.

"DEL 2" will sich vom DEB separieren

Eine Mehrzahl der ESBG-Clubs sieht hingegen jetzt die Möglichkeit, sich des seit zwei Jahren aufgrund der misslungenen Verzahnungsregelung mit der DEL nun ungeliebten Deutschen Eishockey-Bundes zu entledigen und eine eigene Liga nach Vorbild der DEL mit folgenden Merkmalen zu etablieren:

  • Liga mit 14 Clubs; sollten weniger als 14 sportlich qualifizierte Clubs die Aufnahme beantragen und die Lizenz erhalten, kann die Liga auch sportlich nicht qualifizierte Clubs nach eigenem Ermessen aufnehmen,

  • Verzahnung mit der DEL "nach einer Phase der Konsolidierung" in 3-5 Jahren angestrebt,

  • Verzahnung mit der Oberliga "soll möglich sein", sofern der sportlich berechtigte Aufsteiger organisatorisch, wirtschaftlich und hinsichtlich seiner Spielstätte die Anforderungen der Liga erfüllt; sonst verbleibt der Letztplazierte in der "DEL 2",

  • Lizenzierungsverfahren im Sinne der DEL: Aufsteiger muss Geschäftsanteil erwerben (€ 2.550,--), eine Lizenzvergütung entrichten, sofern er kein Gründungsmitglied der "DEL 2" ist (€ 20.000,--) und bis zum 15.02. einer Saison eine Lizenzantragsgebühr entrichten (€ 50.000,-- Sicherheitsleistung); wird einem sportlich qualifizierten Club die Lizenz verweigert, so wird die Antragsgebühr dennoch einbehalten, ansonsten stellt sie die Grundbürgschaft dar,

  • Teil der Lizenzierungsanforderungen ist das Erreichen von 5.000 Punkten eines Stadionindices, eine Mindestkapazität von 3.000 Zuschauern und die Erfüllung produktionstechnischer Anforderungen für TV-Übertragungen,

  • "spielerische Bewegung" von U23-Spielern zwischen den Ligen (DEL, DEL 2, Oberligen) angestrebt,

  • Spielbetriebsorganisation durch DEL; dadurch einheitlicher Spielmodus und Schiedsgerichtsbarkeit mit DEL angestrebt,

  • Stufenmodell zur Entwicklung von Ausländerzahl, U23-Spielerzahl und Kadergröße für die nächsten Jahre vorgesehen, aber nicht verbindlich,

  • kooperierender Stammverein einer teilnehmenden Kapitalgesellschaft muss sich nicht am Spielort befinden, sondern kann frei gewählt werden,

  • keine Angaben über weitere Kosten oder Verbandsabgaben.

Hierfür wurde vom Geschäftsführer der Heilbronner Falken, Ernst Rupp, bereits die "Deutsche 2. Eishockey-Liga Betriebs-GmbH" (DEL 2) mit Sitz in Heilbronn gegründet und die Übernahme von Geschäftsanteilen den ESBG-Clubs angeboten. Zudem wurde ein Lizenzvertrag entwickelt. Weitere organisatorische Einzelheiten des Modells sind:

  • Geschäftsführer, Gesellschafterversammlung und Aufsichtsrat der DEL 2 sollen eine professionelle Führung, Vermarktung und Medienstrategie sicherstellen,

  • die DEL soll einen Geschäftsanteil erwerben,

  • der DEL-Aufsichtsratsvorsitzende und sein Stellvertreter sollen beratend im DEL 2-Aufsichtsrat und seinem Lizenzierungsverfahren mitwirken,

  • mit der DEL soll ein Markennutzungsvertrag geschlossen werden und

  • ein "Grundlagenvertrag" soll die Rechte des DEB sowie die eigene Verbandsanbindung sichern und bis 15.06.13 nach eigenem Entwurf abgeschlossen werden.

Verfolgung höchst unterschiedlicher Ziele

Um die beiden Konzepte beurteilen zu können, bedarf es des Abgleichs mit den Zielsetzungen beider Konzepte und ihrer praktischen Wirkungen:

Der DEB strebt die Wiedervereinigung des deutschen Eishockeys unter einem gemeinsamen Dach nach Schweizer Vorbild an, um damit

  • dauerhaft zuverlässige, rechtlich haltbare Strukturen zu schaffen,

  • eine durchgängige Verzahnung aller Ligen zu erreichen,

  • eine intensive Nachwuchsförderung zu ermöglichen

  • und damit die Attraktivität des Eishockeysports für Fans, Sponsoren und Medien nachhaltig zu erhöhen.

Die DEL 2 strebt hingegen ausdrücklich nicht die durchgängige Verzahnung aller Ligen von unten nach oben an, sondern will

  • ein "Fundament zur ... Entwicklung von ... Talenten und Nationalspielern herstellen",

  • durch einen "ausgeglichenen Wettbewerb" die Attraktivität für Zuschauer, Sponsoren und Medien erhöhen,

  • die Arbeit "an den wirtschaftlichen Möglichkeiten der Standorte" langfristig orientieren

  • und mehr Standorte für das deutsche Profi-Eishockey gewinnen.

Nachwuchsförderung kein Unterscheidungsmerkmal

Beide Konzepte bleiben die Antwort schuldig, wie der Nachwuchs tatsächlich gefördert werden soll. Das von der DEL 2 in den Raum gestellte Stufenkonzept zur Entwicklung von Ausländer- und U23-Stellen sowie zur Kaderbegrenzung stellt weder eine Ausbildungspflicht dar, noch verrät es, wo die Talente herkommen sollen. Zudem lässt sich dieses Stufenkonzept in beiden Modellen umsetzen, dient also nicht als Unterscheidungsmerkmal. Auch Förderlizenzen als Mittel der Nachwuchsförderung wurden bislang von den ESBG-Clubs verweigert. Einer Wiedereinführung steht der DEB ebensowenig im Wege. So ist der DEB ausdrücklich bereit, solchen Wünschen der Clubs im Sinne einer weitgehenden Selbstverwaltung der 2. Bundesliga nachzukommen.

Tatsächliche Nachwuchsförderkonzepte im Sinne von Auflagen zu Quantität und Qualität der Jugendarbeit lassen sich hingegen unter dem Dach eines Verbandes leichter durchsetzen, als in Verhandlungen mit selbständigen Partnern.

Schlankere Strukturen

Die DEL 2 wirbt für sich mit "schlankeren, transparenteren Strukturen". Allerdings ist nicht nachvollziehbar, wie eine zusätzliche Gesellschaft neben DEB und DEL die Gesamtstruktur verschlanken könnte. Vielmehr hat gerade die Vielfalt der Akteure in den vergangenen Jahren immer wieder zu Reibungsverlusten und Unstimmigkeiten bis hin zu gerichtlichen Auseinandersetzungen geführt. Die Vereinfachung von Abläufen und Eliminierung von Reibungsverlusten ist in der Gesamtbetrachtung des deutschen Eishockeys also eher im DEB-Modell der 2. Bundesliga zu sehen.

Standortentwicklung durch DEL 2 nicht nachvollziehbar

Leider bleibt das DEL 2-Konzept jeglichen Hinweis darauf schuldig, wie sie "mehr Standorte für das deutsche Profi-Eishockey gewinnen" will. Dies kann schließlich sportlich allenfalls über die Qualifikation aus unteren Ligen geschehen, auf die eine DEL 2 keinerlei Einfluss hätte.

Wettbewerbsumschreibung der DEL 2 nebulös

Was ein "ausgeglichener Wettbewerb", der "an den wirtschaftlichen Möglichkeiten der Standorte orientiert" ist, bedeuten soll, lässt sich allenfalls aus den Lizenzierungsbestimmungen der DEL 2 erahnen: darin werden die Hürden für mögliche Aufsteiger nicht nur derart hoch gehängt, dass es praktisch kaum einem Drittligisten möglich sein wird, diese zu erfüllen. Schließlich sind sie auch ins Ermessen der Liga gestellt, bis hin zur Aufnahme sportlich nicht qualifizierter Clubs. Welcher Oberligist würde sich wohl die Lizenzierungslotterie 50.000 Euro mit dem Risiko des Totalverlusts kosten lassen? - Hier orientiert sich die DEL 2 an Bestimmungen der DEL, die sie als ESBG bislang stets kritisiert hatte.

DEB garantiert Verzahnung von unten

Während die DEL 2 eine Verzahnung mit der DEL in 3 bis 5 Jahren in Angriff nehmen und eine solche mit der Oberliga nur ermöglichen will, garantiert der DEB für seine 2. Bundesliga die Verzahnung nach unten und will unverzüglich auf Basis seines bestehenden Kooperationsvertrages mit der DEL Verhandlungen zur vollständigen Verzahnung auch nach oben führen.

Gleichwohl bleibt der DEB bislang aber auch Antworten schuldig, wie künftig finanzielle Hürden, die sich allein aus den Kostenstrukturen höherer Ligen ergeben, abgefedert und damit Aufstiege praktisch leichter ermöglicht werden können.

Die Mär von der Professionalisierung

Losgelöst von diesen Fakten wird in der Diskussion dieser Tage oft das Argument einer Professionalisierung des Profieishockeysports bemüht, wonach diese nur in eigenständigen Gesellschaften zu verwirklichen sei. Die Entwicklung der ESBG stützt eine solche Ansicht jedenfalls nicht: Weder konnten die Clubs vor Insolvenzen bewahrt (siehe Freiburg und Hannover Indians allein in den letzten drei Jahren), noch Erfolge bei der Vermarktung erzielt werden. Auch die DEL gibt leider vor dem Hintergrund von Clubs aus Kassel, Frankfurt und nun Hannover (Scorpions), ebenfalls nur in den letzten 3 Jahren, kein Beispiel für die wirtschaftliche Blüte ihrer Teams.

Fazit

Das DEL 2-Konzept orientiert sich am Vorbild der DEL und will eine zweite vom DEB separierte Liga etablieren. Es wird von der Hoffnung getragen, dadurch in einigen Jahren einer Verzahnung nach oben näher zu kommen und erschwert unverblümt eine Verzahnung nach unten zur Oberliga. Dass eine solche Organisation zwangsläufig zu Auf- und Abstiegen jenseits der sportlichen Qualifikation führen kann, wurde durch die DEL-Aufnahme der Schwenninger Wild Wings in diesen Tagen erneut vorgeführt. Wenn man dies will, gibt es gegen ein solches Konzept nichts einzuwenden. Wie dadurch jedoch der Nachwuchs in Deutschland gestärkt und eine Entwicklung neuer Standorte befördert werden kann, bleibt leider unbeantwortet. Ob durch eine solche Gesellschaft das deutsche Eishockey befriedet und die Attraktivität der Sportart gesteigert wird, ist vor dem Hintergrund der Erfahrungen und der vorstehenden Analyse zu beantworten.

Eine 2. Bundesliga unter dem Dach des DEB garantiert zumindest die von den deutschen Eishockeyfans gewünschte Verzahnung der Ligen nach unten und ermöglicht auf Grundlage des bestehenden Kooperationsvertrages mit der DEL eine sofortige Verhandlung über eine Verzahnung nach oben. Nachvollziehbar ist eine Verschlankung und Harmonisierung der Eishockeystrukturen durch den Wegfall eines Akteurs auf dem glatten Eis der "Verbändepolitik" in Deutschland. Dass ein solches Modell nachhaltig auch zu internationalem Erfolg führen kann, hat uns die Schweiz nicht erst bei der vergangenen Weltmeisterschaft vorgemacht. Ob dies auch hierzulande Erfolg verspricht, muss nun in diesen Tagen von den Handelnden der ESBG-Clubs und des DEB in ganzheitlicher Verantwortung für das deutsche Eishockey beantwortet werden.