Tiefe Trauer, Fassungslosigkeit auch außerhalb der Welt des schnellen Kufensports. Angesichts dieser Tragödie schienen an diesem 7. September 2011 alle Uhren still zu stehen. Die Liga unterbrach ihren Spielbetrieb, sogar der Komplettausfall der Spielzeit 2011/12 wurde erwogen. Letztlich verschob die Liga den Saisonstart um knapp eine Woche. Man versuchte sich, so weit möglich, der technischen Dinge zu widmen und sie irgendwie zu regeln. Der Ideen, wie es mit Lokomotive Jaroslawl weitergehen könne, gab es viele. Auch die, Spieler anderer KHL-Teams nach Jaroslawl zu delegieren und Lokomotive so die Saison bestreiten zu lassen. Bereitschaftsmeldungen einzelner Aktiver lagen sogar schnell vor, diese schwere Aufgabe zu übernehmen.

 „Loko“ wollte seine Wiedergeburt aber weitestgehend in die eigenen Hände nehmen und baute dabei auf seine immensen Erfahrungen erwiesenermaßen hervorragender Jugendarbeit. Stellvertretend für etliche andere großartige Spieler, welche Jaroslawls Eishockey-Schule durchliefen, seien hier nur stellvertretend Verteidiger Dmitrij Juschkjewitsch und Stürmer Alexej Jaschin genannt. Jaroslawls Junioren-Mannschaft startete planmäßig in der MHL. Im Dezember stieg „Loko“ unter Führung des auch in Deutschland bestens bekannten Cheftrainers Pjotr Worobjow (1993-96 Frankfurt Lions) mit einer Mannschaft in den Spielbetrieb der Wysschaja Liga (2. Liga) ein, die zusätzlich um einige junge Perspektivspieler anderer Klubs verstärkt wurde. Das Durchschnittsalter des Teams betrug keine zwanzig Jahre.

Am 12. Dezember war es so weit: Zum Auftakt empfing Lokomotive Jaroslawl in der heimischen Arena 2000 mit Neftjanik Almetjewsk ein Top-Team der West-Konferenz. Dass Lokomotives Heimspielstätte mit 9.046 Zuschauern bis auf den letzten Platz ausverkauft (in sechs von elf Heimspielen meldete Jaroslawl „volles Haus“) war, stellte keine Überraschung dar. Schon eher das Endergebnis des ersten Matches: In hochemotionaler Atmosphäre siegte „Loko“ deutlich mit 5:1. Den historischen ersten Treffer markierte dabei Dmitrij Malzew, zu dem Maxim Sjusjakin die Vorarbeit leistete. Der heute 21-jährige Stürmer entging dem tragischen Schicksal seiner Kollegen, weil ihn der wenig später ums Leben gekommene Cheftrainer Brad McCrimmon aus dem Kader strich.

In insgesamt 22 Zweitligaspielen siegte Lokomotive 13-mal, sammelte drei weitere Zähler nach zwei Penalty-Niederlagen und einer nach Verlängerung. Am Ende der Vorrunde kam die Mannschaft von Pjotr Worobjow auf einen Punkteschnitt von über 63 Prozent. Auf Grundlage dieses Wertes belegte Lokomotive Rang drei in der West-Konferenz und startete am 6. März gegen HK WMF St. Petersburg ins Play-off-Viertelfinale. Zwar ging Spiel eins auf eigenem Eis verloren, doch am Ende der engen Serie behielt Lokomotive mit 3:2 die Oberhand. Im Konferenz-Halbfinale zwang „Loko“ Diesel Penza bis ins entscheidende fünfte Spiel der Best-of-Five-Serie, musste sich dort aber geschlagen geben. 

Zur kommenden Saison wird Lokomotive Jaroslawl in den Spielbetrieb der KHL zurückkehren. Die Planungen laufen auf vollen Touren, richtungweisende Entscheidungen wurden getroffen und jüngst sogar durchaus namhafte Spieler unter Vertrag genommen. Vom entthronten KHL-Champion Salawat Julajew Ufa kommen Kasachstans 32-jähriger Nationaltorhüter Vitali Koleschnik und der NHL erfahrene Stürmer Viktor Koslow (37 Jahre) nach Jaroslawl. Verteidiger Vitali Wischnewski (32) wechselt von SKA St. Petersburg, Weißrusslands Nationalstürmer Alexej Kaluschnij (34) von Avangard Omsk, die  Angreifer Juri Petrow (28) und Alexander Tschernikow (27) von Sibir Nowosibirsk zu Lokomotive. - Übrigens: Koleschnik und Kaluschnij gehören den Nationalteams ihrer Heimatländer bei der aktuell in Schweden und Finnland stattfindenden Weltmeisterschaft an. - Viele große Namen wabern derzeit durch die Gerüchteküche, darunter auch der des inzwischen 38-jährigen Alexej Jaschin, der zuletzt bei ZSKA Moskau unter Vertrag stand. Aber auch einige der jungen Cracks, welche in der zurückliegenden Saison das Trikot Lokomotive Jaroslawls mit großem Stolz trugen, werden sich im neuen Kader wiederfinden. Angedacht ist eine Rotation mit bis zu zehn Talenten, die je nach Leistung zwischen KHL- und Farmteam rotieren sollen. Dazu werden einige junge Profis unter Vertrag genommen, die schon über größere KHL-Erfahrung verfügen. Ein solcher Spieler ist der 24-jährige Stürmer Roman Ljuduchin, der in seiner dritten KHL-Spielzeit mit 15 Vorrunden-Treffern für Spartak Moskau wiederholt beachtliche Akzente zu setzen wusste.

Als ziemlich sicher gilt indessen, dass Pjotr Worobjow das neue Team nicht als Chefcoach in die KHL führen, sondern voraussichtlich Trainer des Farmteams bleiben wird. Der 63-Jährige hatte sich zwar um diese Aufgabe beworben, das Klubmanagement bevorzugt jedoch wohl eine ausländische Lösung. Eines aber wird Worobjow nicht zu nehmen sein: Fortan gilt er als einer der Wegbereiter der sportlichen Zukunft von Lokomotive Jaroslawl, die auch dank ihm längst begonnen hat.

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